Zu dem Gedichtband ,,Begräbnisse“ von Nicolae Tzone / Von Lorand PETHÖ
Ausgabe Nr. 2936

Nicolae Tzone: Begräbnisse. Gedichte. Aus dem Rumänischen von Horst Samson. Mit 20 bildnerischen Arbeiten Suzana Fântânariu und einem Nachwort, „Metamorphosen“, von Ioana Pârvulescu. Reihe Lyrik Bd. 195, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86356-420-9. 134 Seiten, 33 Euro.
Nicolae Tzones Band „Begräbnisse”, jüngst im Pop Verlag Ludwigsburg erschienen, gehört zweifellos zu den eigenwilligsten poetischen Publikationen der letzten Jahre. Das Werk, ins Deutsche von Horst Samson übertragen, ist in der Form eines Fresko-Gedichts angelegt, das sich aus fragmentarischen lyrischen Partituren zusammensetzt, und spricht mit einer Stimme, die in der Dichtung höchst selten vernommen wird: Mit der Stimme eines Toten, eines Mannes, der in den Fluten der Donau ertrunken ist und nun, gleichsam schwebend, seiner eigenen Beerdigung beiwohnt.
Diese ästhetische Entscheidung bedeutet eine radikale Umkehrung der herkömmlichen Perspektive. Wo in der Regel die Lebenden über den Tod sprechen, um den Verlust zu beklagen, ergreift hier der Tote selbst das Wort. „An einem Nagel aufgehängt, der in eine Wolke geschlagen wurde“, neben Gott, beschreibt er die Waschung des Leichnams, die Vorbereitung des Sarges, den Ablauf des Rituals. Doch was sich jenseits dieser Szenen abzeichnet, ist eine weit wesentlichere Einsicht: Trauer wiegt schwerer als der Tod und die Einsamkeit ist bedrückender als das biologische Verlöschen.
Das Gedicht entfaltet seine Wucht durch eine Folge von Bildern, die zwischen naturalistischer Schärfe und surrealer Überhöhung oszillieren. Zersetzte Materie – Algen in den Ohren, Donauschlamm in den Lungen, verfaulter Fischlaich – steht neben transzendenten Symbolen: dem in den Himmel geschlagenen Holzstift, den übergroßen Tränen der Gottheit, dem absoluten Gehör des Toten, der jene Musik vernimmt, die selbst Beethoven nicht mehr hören konnte. Gerade diese Spannung zwischen Konkretem und Metaphysischem verleiht dem Text seine suggestive Bildkraft und seine meditative Tiefe.
Ein Höhepunkt von Tzones Erfindungskraft ist der „Wettbewerb der Toten“, bei dem die Dorfgemeinschaft mit Früchten und Steinen den „Schönsten“ der Verstorbenen kürt. Das groteske Schauspiel, mit feiner Ironie und scharfem Blick geschildert, entlarvt die Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit der Überlebenden: Der Tod gerät zum Spektakel, echter Schmerz, wahres Trauern fehlen. Zwar wird der Erzähler zum „Kaiser der Toten“ gewählt, doch bringt ihm dieser Titel keinen Trost, da niemand um ihn geweint hat. Das einzige Mitleid erweist ihm Gott, der schließlich die Tränen vergießt, die den Menschen versagt bleiben.
Stilistisch bedient sich Tzone einer fragmentierten, oft minimalistischen Diktion: nicht selten besteht ein Vers aus nur einem Wort. Dieses Verfahren rhythmisert die Lektüre und erinnert an den Takt einer Totenklage. Der Tonfall schwankt zwischen feierlicher Gravität, beißendem Sarkasmus und metaphysischer Erleuchtung – ein Amalgam aus expressionistischer Groteske und der Fremdheit des magischen Realismus.
Die rumänische Kritik hat die Bedeutung des Bandes früh hervorgehoben. Gheorghe Grigurcu sieht ihn in der Tradition einer „schwarzen Poesie“, die sich dem Realen widersetzt und die Wiederverzauberung der Welt sucht. Ion Pop betont die Rolle des Dichters als „Sprachoperator“, der souverän zwischen Registern zu wechseln versteht. Octavian Soviany nennt Tzone einen der „Hohepriester“ der Kathedrale der zeitgenössischen Poesie, während Andrei Codrescu das ekstatische Licht dieser Lyrik hervorhebt. Gemeinsam zeichnen diese Stimmen das Bild eines Werkes, das poetisch wie existenziell von zentraler Bedeutung ist.
Ich weiß nicht, wie die Leserschaft dieser deutschen Ausgabe, die die DNA der (rumänischen) Originalausgabe enthält – sowohl durch die inspirierte Umsetzung des Textes durch den Dichter Horst Samson als auch durch die Illustrationen der nicht nur in Rumänien, sondern auch in Deutschland bekannten Künstlerin Suzana Fântanariu – reagieren werden. Eine inspirierte Wahl des immer bekannter werdenden Pop Verlags, um die lange Liste der Lyriker, die dem deutschsprachigen Publikum zur Lektüre vorgeschlagen werden, mit Nicolae Tzone zu erweitern.
Egal ob es so oder so sein wird, „Begräbnisse” ist weit mehr als ein Buch über den Tod. Es ist eine Meditation über die Stellung des Künstlers und über die Fragilität menschlicher Gemeinschaft. Das Groteske und die Ironie des Tragischen dienen hier als Mittel einer Reflexion über den Mangel an Liebe, die kollektive Gleichgültigkeit – und zugleich über die Kraft der Dichtung, selbst über die Grenzen des biologischen Lebens hinaus fortzubestehen. In diesem Sinne ist Nicolae Tzones Band eine intensive, unvergessliche Lektüre – ein Werk, in dem der Tod nur Anlass ist, vom Leben zu sprechen, von Abwesenheit und von der Sehnsucht nach Mitgefühl.
In ihrem Nachwort schreibt Ioana Pârvulescu treffend u. a.: „Die von Horst Samson kongenial ins Deutsche übertragenen Gedichte zeichnen sich durch eine mit folkloristischen und mystischen Elementen vermischte avantgardistische Ästhetik aus. Tzone, Insider der rumänischen Avantgarde, gelingt es, die existenzielle Schwere des Todes mit geradezu spielerischer Leichtigkeit zu durchdringen. Die Illustrationen von Suzana Fântânariu, die die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz thematisieren, verstärken die melancholische Atmosphäre eines Buchs, dessen Lektüre tiefe Spuren hinterlässt. Das Buch (…) scheint Rimbauds Sonett „Le dormeur du val“ („Der Schläfer im Tal“) entsprungen zu sein. (…) Die Gedichte bestehen im Original aus kurzen Zeilen, wie Atemzüge, wie Herzschläge, von einer bis drei Silben, und manchmal sind sie auf einen tropfenden Buchstaben reduziert. Der tropfende Vers unterstreicht grafisch auf anschauliche Weise das Fehlen der Tränen: „niemand/entschließt sich/noch/zu/weinen/mir ist nach /lachen zumute / dass mich niemand / beweint / niemand / niemand /niemand“, und vielleicht erinnert dieses kontinuierliche Fließen an die Wellen des Flusses, der den Ertrunkenen verschluckt hat.”