Das kann nur Theater

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Neueste Premiere am TNRS weckte starke Emotionen
Ausgabe Nr. 2960

Deutsche Premiere: Die Regisseurin Alice Kornitzer inszenierte mit „Avalanche” von Tuncer Cücenoğlu erstmals am „Radu Stanca”-Nationaltheater. Mehr dazu auf Seite 5. Unser Bild (jeweils v. l. n. r.): Szenenfoto mit Daniel Plier, Daniel Bucher und Johanna Adam (vorne), Gyan Ross und Viviane Hravilla (oben).                                                    Foto: Cynthia PINTER

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold” ist auf dem Plakat der neuesten Inszenierung an der deutschen Abteilung des Hermannstädter „Radu Stanca”-Nationaltheaters zu lesen, die am 21. Mai Premiere gefeiert hat. „Gefeiert” bringt es auf den Punkt: Der Autor des Stückes Avalanche (Die Lawine), Tuncer Cücenoğlu (1944-2019), hätte wohl mitgelacht und mitgefeiert mit der Besetzung und der Regisseurin Alice Kornitzer. Und natürlich mit dem Publikum, bei dem das Stück offensichtlich starke Emotionen erweckt hat.

So ertönte z. B. Gelächter aus dem Saal, als der Schauspieler Viorel Rață als Diktator ganz in weiß die Bühne betrat, mit Gefolge und Dolmetscher. Arrogant und abgehoben wirkte er, das Gelächter erinnerte an jenes in Des Kaisers neue Kleider, als ein Junge erkennt und es auch ausspricht: Der Kaiser ist nackt. Hätte er lieber geschwiegen? Was bedeutet es, wenn Angst das Leben der Menschen bestimmt, wenn Angst ihr Urteils- und Handlungsvermögen lähmt? Was macht es mit Menschen, wenn sie tagaus tagein mit einem Damoklesschwert über dem Kopf leben, besser gesagt überleben müssen? So wie die Bewohner eines Bergdorfes, die unter der ständigen Bedrohung einer Steinlawine leben müssen, die angeblich ihr Dorf überrollen würde, wenn ein Kind vor einem bestimmten Termin im Jahr geboren wird. Den Termin haben vor Jahrzehnten die Autoritäten festgelegt. Wer diesen Termin nicht einhält, muss mit der Todesstrafe rechnen.

Die Großmutter (Johanna Adam) erzählt ihrem Enkel (Gyan Ross) eine grausame Geschichte aus der Vergangenheit.             Fotos: Cynthia PINTER

Darum geht es in der neuesten Premiere am TNRS, bei der die Regisseurin und ihr Team alle dem Theater zur Verfügung stehenden Register ziehen und alle dem Theater zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen. So steht das an eine Eishöhle erinnernde Bühnenbild für die Kälte und Unerbittlichkeit eines autoritären Staates. Die Musik untermalt diskret und perfekt passend das Geschehen auf der Bühne, mal mit beruhigenden mal mit beunruhigenden Tönen. Die Kostüme suggerieren ebenfalls die totale Diskrepanz zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern des Bergdorfes und den Autoritäten. Wie schon erwähnt, erscheint der Oberste Richter wie ein Außerirdischer, so auch die Leute aus seinem Gefolge. Die Hebamme schwebt elegant und überheblich professionell über die Bühne und hinauf in das Gemach des jungen Paares, das in Aufregung ist, weil die hochschwangere Frau offensichtlich früher als erlaubt gebären wird. Die Handlungsstränge verweben sich immer wieder, was nur Theater kann, wie die Regisseurin im HZ-Interview in der Ausgabe Nr. 2958 vom 15. Mai 2026 gesagt hatte.

Szenenfoto mit Daniel Plier (rechts) und Gyan Ross.

Kornitzer sagte gegenüber der HZ auch: „Was ich mir wünsche für das Publikum ist, dass wir in eine Phantasiewelt treten und uns überlegen, wie wir eigentlich leben wollen auf einer total solidarischen Ebene. Der Wunsch ist am Abend der Premiere in Erfüllung gegangen.

Beatrice UNGAR

 

Besetzung

Darsteller: Johanna Adam, Daniel Bucher, Daniel Plier, Emőke Boldizsár, Gyan Ross, Viviane Hravilla, Fabiola Petri, Viorel Rață, Ada Bicfalvi, Patrick Imbrescu, Fatma Mohamed-Bucher

Regie: Alice Kornitzer

Regieassistentin: Ștefania Bîrlea

Projektmanager: Daria Ciobanu

Bühnenbild: Miruna Croitoru

Musik: David Cristian, Myra Amneskog

Technischer Regisseur: Nicușor Văcariu

Tontechnik: Alex Androniciuc

Licht: Neluțu Macrea

Requisite: Maria Steva

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Theater.