Vom Leben zum Tode in der Pflicht

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Nachruf auf Elke Sabiel

Ausgabe Nr. 2960

Elke Sabiel (1941-2026).
Foto: Carmen Elisabeth PUCHIANU

„Machen Sie bitte keine Eintagsfliege aus Ihrer Veranstaltung und schon gar nicht eine dieser, na, wie sage ich das am besten, akademischen Nabelschauen” – hier macht die Sprecherin eine kurze Pause und schmunzelt mir verschmitzt zu, indem sie die Brauen kurz anhebt, als wolle sie mich eher aufmuntern als abkanzeln. „Das habe ich oft beobachtet”, setzt sie dann fort, „und ich denke, man sollte seine kreativen und wissenschaftlichen Fähigkeiten doch effizienter einsetzen, gerade im Bereich von Bildung und Entwicklung.” Ich bin sprachlos, fühle mich überrumpelt von der direkten, nüchternen und unterschwellig ironisch- herausfordernden Art meines Gegenübers: einer etwas zur Molligkeit neigenden Mittfünfzigerin, nicht ganz so hoch wie ich aber durchaus imposant, die dunkelblonden mit etwas Eisengrau gesträhnten Haare zur Pagenfrisur geschnitten, mit blaugrauen Augen, die je nach Kopf- und Körperhaltung manchmal einen dunklen Grundton zeigen und manchmal sehr hell erscheinen. Eine gewisse Ernsthaftigkeit und Strenge kennzeichnen das Gesicht, daran mir das Grübchen am Kinn besonders auffällt sowie die schmale Spalte zwischen den beiden oberen Schneidezähnen. Ich denke mir, dass sie sicher gut pfeifen kann dadurch und ich muss auch lächeln. Dann beginne ich zu stottern und mich zu erklären: „Nun ja, wissen Sie, es ist die erste Fachtagung, die ich veranstalte, nach dem Motto was andere können, kann ich sicher besser… Da können einem Pannen passieren wie etwa der dämliche Fehler im Programm gleich auf der ersten Seite, bedauerlich” (sie zieht wieder ihre Brauen hoch und schmunzelt) „…aber von akademischer Nabelschau oder gar Eintagsfliegentum kann in meinem Fall keine Rede sein. Da kennen Sie mich schlecht, Frau Sabiel!”

So oder so ähnlich verlief im April 1998 unsere erste direkte berufliche Begegnung in Kronstadt. Ihre unverblümte Warnung vor Dilettantentum, arrogantem persönlichem Ehrgeiz sowie ihr pragmatisches Entgegenkommen als Entwicklungshelferin und Förderin kultur-politischer Einrichtungen im zum damaligen Zeitpunkt immer noch kommunistisch geprägten Rumänien sind dazu angetan, mich gleichermaßen einzuschüchtern und anzuspornen. Als sie sich am gleichen Abend etwas später von mir kurz und bündig mit einem festen Händedruck verabschiedet, wirft sie mir noch einen Blick über die Schulter zu und sagt mit ruhiger, etwas gedämpfter Stimme: „Sollten Sie je in Not sein, wenden Sie sich bitte getrost an mich.”

Elke Sabiel wurde 1941 in Hannover geboren, sie betrachtete sich bis ins hohe Alter als Kriegskind und erzählte davon, dass sie als kleines Mädchen stets Hunger gelitten und deswegen am Daumen gelutscht hatte, dass sie keine richtigen Spielsachen hatte und dass sie sich einmal einen Schneethron gebaut hatte, auf dem sie gesessen und sich natürlich eine Blasen-Nieren-Entzündung geholt hatte, dass sie danach auch im Sommer Nierenwärmer aus Wolle tragen musste.

Daher freute sie sich, als sie zusammen mit ihrer Mutter, Magdalena Sabiel, die sich später gerne Maud nannte, und dem Bruder Wolfgang, nach Buenos Aires auswanderte. Dort würde sie keine Nierenwärmer brauchen. Kaum in Buenos Aires angekommen begannen die Probleme. Die drei Sabiels wohnen auf engstem Raum zusammen, oder sie müssen einhüten, das heißt, sie wohnen in Häusern von Leuten, die gerade verreist sind, sozusagen eine Art Haus-sitting, bis die Evita Peron Stiftung eingreift und es ermöglicht, dass Magdalena Sabiel in Boulogne sur Mer ein Haus bauen kann.

Elke macht zu Anfang des Aufenthaltes in Buenos Aires die traumatische Erfahrung körperlichen Missbrauchs, was sie über Jahre hinweg keinem anvertraut. Emotionale Zurückhaltung, möglicherweise auch die Furcht vor erneuter Belästigung veranlassen sie, noch nicht ganz volljährig, allein nach Deutschland zurückzukehren. Was danach geschieht, ist ein faszinierendes Potpourri von Zufall und Vorsehung, ein abenteuerlicher Weg von Beruf zu Berufung.

1959 macht sich Elke Sabiel über den Ozean zurück nach Europa, kehrt zunächst nach Hannover zu den Tanten zurück und macht eine Buchhändlerlehre, die sie als Jahrgangsbeste abschließt und bei Schmorl & v. Seefeld zu arbeiten beginnt. Sie ist eine attraktive junge Frau, die sich jedoch nichts aus Männern macht, deren Zudringlichkeiten sie geschickt ausweicht und die Arbeit in der Buchhandlung nutzt, um sich autodidaktisch weiterzubilden. Sie ist an Politik interessiert aber auch an Geschlechterforschung, Bisexualität und nicht zuletzt an Astrologie.

Ihre Buchhändlerinnenlaufbahn ist von kurzer Dauer. Sie hängt den Beruf zugunsten ihrer Berufung an den Nagel und bewirbt sich bei der Friedrich Ebert Stiftung (FES). Aufgrund ihrer exzellenten Spanischkenntnisse, der Kenntnis lateinamerikanischer Gegebenheiten, sowie ihres sozialdemokratischen Credos wird sie von der Stiftung mit Kusshand, wie sie sagte, genommen.

Elke Sabiel tritt 1964 ihren Dienst an und findet darin Berufung und Erfüllung. Als Projektleiterin und gesellschaftspolitische Beraterin gelingt es ihr, sich gegenüber der Dominanz männlicher Kollegen durchzusetzen. Es kostet sie einen ernormen Aufwand an mentaler und physischer Kraft, es kostet sie den bewussten Verzicht auf Privatheit und Intimität. Mit Bedacht verschanzt sie sich hinter einem Schutzpanzer und gibt sich der Sorge um die anderen, die noch Belehrbaren, die Hilfebedürftigen und Willigen hin, alles unter dem Ethos der Sozialdemokratie. Ein besonderer Höhepunkt in ihrem jungen Leben ist die Gründung der Sozialistischen Partei, des Partido socialista aus Portugal, die sie im April 1973 seitens der FES in der 2014 geschlossenen Kurt-Schumacher-Akademie in Bad Münstereifel mitgestaltet und damit dazu beiträgt, dass in Portugal der Sozialdemokratie zum Sieg verholfen wird.

Mit Mario Soares (1924-2017) wird sie viele Jahre politisch und freundschaftlich verbunden bleiben, ebenso wie mit Politikern aus Lateinamerika und Westeuropa während der Siebziger Jahre.

So zieht sie in den Wahlkampf für Willy Brandt (1913-1992), berät Bruno Kreisky (1911-1990), wenn er keine passenden Worte findet, und hilft Johannes Rau (1931-2006) beim Kofferpacken. Sie fliegt von Europa nach Lateinamerika und zurück, vermittelt und begleitet Stipendiaten der Friedrich Ebert Stiftung, dolmetscht und organisiert landeskundliche Exkursionen.

Ab 1982 wird sie nach Osteuropa abkommandiert und als brave Parteisoldatin der SPD nimmt sie die Herausforderung gerne an, nimmt in Kauf, überall bespitzelt und beobachtet zu werden, scheut keine Mühe und kein Risiko in der Betreuung journalistischer Austauschprogramme.

So manche Foto- und Schreibmaschinenausrüstung fährt sie aus Bonn nach Temeswar, Bukarest, Kronstadt oder Hermannstadt als Hilfe für die Redaktionen der deutschsprachigen Publikationen.

Anfang der 2000er Jahre kommt Elke Sabiel in den Besitz ihrer Securitate-Akte. Was sie darin liest, entlockt ihr manchmal ein launig verschmitztes Schmunzeln, ein wissendes Kopfschütteln und manchmal verdüstert sich ihr Blick und sie runzelt unmutig ihre Stirn. „Das war halt so”, sagt sie, „alles Vergangenheit”. Im Grunde kann sie keinem wirklich böse sein.

Ab 1994 beginnt ihre Tätigkeit als FES-Vertreterin für Rumänien mit Sitz in Temeswar und ab 1998 in Bukarest. Das Banat bedeutet ihr bald eine zweite Heimat, denn für sie gilt das Banat als Wiege der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie in Rumänien. Sie wird in Temeswar in ihrem mit einer Pileta ausgestatten Haus auf der Ulpia Traiana über 20 Jahre mehr oder weniger sesshaft. Sie agiert vielfältig in dieser Zeit, fördert vor allem die Kommunalpolitik, koordiniert kulturpolitische Projekte, setzt sich dafür ein, die rumänischen Gewerkschaften zu stimulieren und widmet sich schließlich der Alphabetisierung der Romas (ihr Herzensprojekt Ivesti). Einige Jahre hat sie den Vorsitz der Deutsch-Rumänischen Kulturgesellschaft inne sowie den Ehrenvorsitz des Vereins der ehemaligen Russlanddeportierten. Gemeinnützige Aktionen, Hilfeleistung jeglicher Art, die Bereitschaft zu spenden, machen Elke Sabiel zum guten Samariter. Sie pflegt Freundschaften und möchte auch nach ihrer Verrentung gesellschaftlich gebraucht werden. 2004 wird ihr der rumänische Verdienstorden „Ordinul național pentru Merit în grad de comandor” verliehen, eine Auszeichnung, die sie ganz besonders ehrt und freut.

Aus persönlichen Gründen verlässt Elke Sabiel 2017 Temeswar und Rumänien, kehrt nach Bonn Kessenich zurück, bleibt aber weiterhin mit der Wahlheimat verbunden, fliegt gerne zu Tagungen und Gedenkveranstaltungen durch die halbe Welt, erstattet in ihrem sachlich-launigen, synthetisch-präzisen Stil, der manchmal beinahe wie ein kategorischer Imperativ klingt, Bericht für die ADZ, für die KR, für die HZ.

Ich treffe Elke Sabiel 2022 zufällig in Temeswar wieder – sie ist aus Neugierde Gast einer Jubiläumstagung sowie einer weiteren etwas weniger groß aufgezogenen Veranstaltung, im Rahmen derer ich zu einer Lesung eingeladen bin. Plötzlich steht sie vor mir, etwas schlanker als ich sie in Erinnerung habe, ihr Gesicht etwas weniger rundlich aber immer noch jugendlich, ihr Haar ist kurz geschnitten und beinahe ganz weiß bis auf eine neckische Stirnsträhne, die eine auffallend dunkle Färbung aufweist. Und wie immer trägt Elke Sabiel Hosen, Jeans, dazu ein legeres kurzärmliges, etwas zu langes Hemd, das bis zum Hals korrekt zugeknöpft ist. „Sie hier, junge Frau?” begrüßt sie mich, während ich sie aus Gott weiß welchem inneren Impuls heraus wortlos umarme. Am Mittagstisch sitzen wir einander gegenüber und ich finde, dass ihr Lächeln die gleiche ironische Verschmitztheit aufweist wie 1998 und dass ihre Augen genauso blitzen, wenn sie mich mit etwas nach links geneigtem Kopf ansieht. „Sie haben mich nach unserer damaligen Begegnung nie wieder zu Ihren Tagungen, die ich aus der Ferne verfolgt habe, eingeladen. Sie hätten es tun sollen, einfach so. Haben Sie es tatsächlich geschafft aus dem Rahmen…” und ich ergänzte gleich „… der akademischen Nabelschau herauszusteigen? Meinen Sie das, Frau Sabiel… oder darf ich Sie doch Elke nennen?”

Aus jenem kleinen Tischgeplänkel des Frühsommers 2022 wurde bald eine anregende, für beide Seiten bereichernde Korrespondenz, eine innige Freundschaft und nicht zuletzt Liebe und Zweisamkeit, wie wir sie uns aus guten Gründen bis dahin weder vorstellen konnten noch zugelassen hatten. Ihre Ernsthaftigkeit, die fast an Strenge grenzte, ihre launige, niemals verletztende Ironie, ihre Bedächtigkeit und ihr Wissen, ihre Neugierde und das beständige Interesse für alles Menschliche, ihre Anteilnahme und Empathie, ihre Fähigkeit Halt zu geben und zu lieben, ihre endlose Zärtlichkeit, nicht zuletzt ihre große innere Kraft gepaart mit einer ebensolchen Zerbrechlichkeit haben mich für immer in ihren Bann gezogen und mir gezeigt, was es bedeutet, nicht mehr allein zu sein. Sollte ich damals 2022 in Not gewesen sein?

„Du bist meine Hälfte”, sage ich ihr, als wir 2024 in Punta Tombo bei den Pinguinen in Patagonien stehen. „Und du bist meine Hälfte. So soll es sein, so soll es bleiben. Für immer.”

Elke Sabiel, ein Kriegskind, das auf den Trümmerhaufen gespielt hat und sich dabei das eine Handgelenk gebrochen hat und vor Hunger am Daumen lutschen musste, hat sich beherzt und engagiert vom Leben in die Pflicht nehmen lassen. Und nachdem unser gemeinsames Haus fertig und eingerichtet worden ist, sodass wir darin unsere Zweisamkeit ausleben, hat sie die zu spät erkannte Krankheit zum Tod in die Pflicht genommen. Elke Sabiel hat sich auch dieser Pflicht soldatisch gestellt und ist am 18. Mai 2026 in Kronstadt von uns gegangen. Auf ihrem Gesicht lag danach ein verschmitztes Schmunzeln.

Die Trauerfeier hat am Pfingstmontag, dem 25. Mai, ihrem Wunsch gemäß in der Evangelischen Kirche A. B. Bartholomä in Kronstadt stattgefunden.

Mein Dank gilt all jenen, die mir in diesen düsteren Tagen mit guten Gedanken, Worten und Taten zur Seite stehen und mir Trost spenden, um den Verlust meiner Ehepartnerin Elke Sabiel zu akzeptieren und irgendwie zu ertragen.

Gott lässt mich wachen über dir, mein Lieb,

ich berge dich in mich hinein für immer,

dass auch du mich birgst und lächelnd wachest über mir.

Carmen Elisabeth PUCHIANU

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten.