Letztes Konzert im Rahmen des Enescu-Festivals in Hermannstadt
Ausgabe Nr. 2931

Das Scottish Chamber Orchestra nimmt gemeinsam mit Dirigent Maxim Emelyanichev und dem Solisten Colin Currie den begeisterten Applaus des Hermannstädter Publikums entgegen. Foto: FB Enescu la Sibiu
„Durch Nacht zum Licht” – Beethovens Motto für seine 5. Sinfonie bestimmte den denkwürdigen Abschlussabend des Enescu-Festivals im Thaliasaal in Hermannstadt. Im Mittelpunkt stand das 1. Schlagzeugkonzert des Schotten James MacMillan, gespielt vom Scottish Chamber Orchestra und dem ebenfalls schottischen Perkussionisten Colin Currie.
Das vordere Drittel der Bühne wurde beherrscht von einer Fülle von Perkussionsinstrumenten, beginnend vom Gong, über Vibraphon, Marimba, diversen Tam-Tams, Bongos und einer veritablen Schlagzeugbatterie, wie man sie aus Rock-Konzerten kennt. So blieb es nicht aus, dass der Solist neben der Musik auch ein kleines Schauspiel bot, wie er so von Instrument zu Instrument wanderte und damit das zu Hörende auch optisch unterstützt wurde.
Das Werk hatte von seinem Komponisten den Titel „Veni, veni, Emmanuel“ bekommen. Das ist ein Choral aus dem französischen 15. Jahrhundert, der bis heute in der Kirche verwendet wird. Er steht für den Advent, in dem die Menschen sehnsüchtig auf die Ankunft Christi warten. Die Sehnsucht der Menschen überträgt MacMillan anschaulich in die Musik. Das Stück ist fünfteilig, und jeder Teil wird von einer Instrumentengruppe beherrscht. Der große Gong macht den Auftakt und bringt das aufgeregte, laute, im Durcheinander wirbelnde Orchester mehrmals zum Halt. Das Orchester geht über zu einem Abschnitt aus schnellen Tonwiederholungen, die an den Anfang des „Feuervogels“ von Strawinsky erinnern ebenso wie an den „Hoquetus“, eine Art Stammeln in der europäischen Musik im frühen Mittelalter. Es folgt ein langer Teil auf der Marimba, in dem das Orchester die ersten Originaltöne des „Veni“ beginnen und die Marimba übernimmt. Gegen Schluss steigert sich die Musik, wird immer lauter und das Vibraphon mischt sich wild und schrill ein. In den Blechinstrumenten erscheint nun wieder der Choral und deutet damit die Ankunft Christi an – es ist Ostern geworden und Jesus hat durch Tod und Auferstehung die Menschheit von allem Elend erlöst.
Der Komponist James Macmillan ist ein überzeugter Katholik, der in seinen Werken immer wieder auf Bibel und Christentum zurückgreift. Das Konzert beeindruckt sehr stark, vor allem durch die intensive Spielweise nicht nur von Colin Durrie (ein bekannter schottischer Perkussionist), sondern auch durch die Ausdrucksstärke des Orchesters, das nie in den Hintergrund tritt, sondern gleichberechtigt mit dem Solisten eine wesentliche Aufgabe erfüllt. Das Scottish Chamber Orchestra ist hier angereichert durch eine Vielzahl an Instrumenten, wie sie bei einem Kammerorchester meistens nicht üblich sind. Mit Piccoloflöte bis hin zum Kontrafagott ist es somit in der Lage, einen enormen Tonumfang auszufüllen, vom Komponisten reichlich vorgesehen. Dass ein Schlagzeuger enorm vielseitig sein muss, um alle seine Instrumente zu beherrschen, versteht sich von selbst. Colin Currie macht das so unauffällig, ganz auf die Musik und das Zusammenspiel mit dem Orchester konzentriert, dass man ihn im Verlauf des Stückes allmählich beinahe übersieht.
Das Schlagzeugkonzert wurde umrahmt von zwei Beethoven-Werken, die das Thema „vom Elend zur Erlösung“ in anderer Form ebenfalls beherrschen. Zu Beginn bot das Orchester Auszüge aus dem Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“. Prometheus, der zwei Tonfiguren erschaffen hat und ihnen durch das im Olymp gestohlene Feuer zum menschlichen Leben verhilft, stellt sich in der Beethovenschen Musik sehr dramatisch dar, ja evoziert eine komplette Oper. Die Musik enthält alle nur möglichen Empfindungen, vom lautstarken Beginn, über nachdenkliche Teile, Gegensätze zwischen laut und leise werden gebildet, die Oboe spielt ein berückendes Thema im pianissimo, der zweite Teil zeigt die zum Leben erwachten Menschen in einer bukolischen Landschaft – man erinnert sich an die 6. Sinfonie, die Pastorale. Das Orchester nimmt alle Ausdrucksformen auf und geht dabei bis zum Äußersten. Die Tempi sind extrem schnell neben abrupt zurückgenommenen leisen Stellen.
Nach der Pause erklingt ein weiterer Beitrag zum Thema: Die 5. Sinfonie von Beethoven im dramatischen c-Moll, die sogenannte „Schicksalssinfonie“. Hier zeigt sich noch einmal die Stärke des Scottish Chamber Orchestra: Die Musiker nehmen jede Stimmung, die ihnen das Werk anbietet, auf, heben sie deutlich hervor, steigern die Tempi bis zum Äußersten und gehen dann wieder genauso überzeugend zurück ins Zögern, in romantische Emotionen, ins Spielerische und was da sonst noch vorgesehen ist. Alles ist durchsichtig und jede Stimme gut zu hören. Die Klangbalance zwischen Streichern und Bläsern lässt letztere klar zu Wort kommen, was bei einem ausgewachsenen Sinfonieorchester mit einer doppelt so großen Streicherbesetzung viel schwerer zu erreichen ist.
Der junge Dirigent Maxim Emelyanichev ist dem Orchester seit nun sechs Jahren verbunden, also weiß er genau, was er von den Musikern verlangen kann. Er dirigiert ohne Taktstock, modelliert mit beiden Händen quasi den Verlauf eher, als dass er den Takt schlägt. Das führt zu einem innigen Austausch zwischen allen Beteiligten.
Nach großem Applaus spielte das Orchester noch eine launige Zugabe des schottischen Komponisten Jay Capperould für die schottische Seele: ein an Reels und Fiddles erinnerndes Stück namens „Whisky Mouth“.
Elisabeth DECKERS