Sologeiger faszinierte das Publikum

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Drittes Konzert im Rahmen des Enescu-Festivals in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2929

Der Geigenvirtuose August Hadelich erntete stürmischen Beifall.
                                                             Foto: FB Enescu la Sibiu

Wenn das Instrument, auf dem gespielt wird, nicht gerade ein Tasteninstrument ist, benötigt es in der Regel ein Klavier (Cembalo, Orgel), das die gespielte Musik mit Harmonien anreichert und damit der Musik mehr Fülle verleiht. Musik für ein Instrument solo stellt eine besondere Herausforderung dar sowohl für den Komponisten wie für den Interpreten, gilt es doch, die vermeintlich fehlende Harmoniebegleitung tatsächlich überflüssig zu machen. Ein komplettes Konzert mit Werken nur für die Geige allein zu bestreiten, ist also nicht einfach – weder für den Musiker noch für das Publikum.

Solche Zweifel waren beim Konzert mit dem deutsch-amerikanischen Geiger Augustin Hadelich mit dem ersten Ton vergessen. Er bot ein vermeintlich buntes Programm durch die Jahrhunderte hindurch, das aber dann doch einen gewissen inhaltlichen Zusammenhalt ergab. Hadelich begann mit einer Fantasie von Georg Philip Telemann, 1735 veröffentlicht. Eine zweite sollte später noch folgen. Es war beste barocke Spielmusik die er da bot und es war ein Vergnügen zu erleben, wie gut Hadelich seine Guarneri-Geige, die schließlich eine „Zeitgenossin“ der Fantasien ist, auf die Musik einstellen konnte. Er behielt einen Kammermusik-Ton bei, eine vermeintlich leichtfüßige Spielweise mit zurückgenommener Lautstärke. Jedoch im Saal kam jeder Ton präzise an und erforderte gleich die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Nach Telemann sprang die Musik zum Anfang des 20. Jahrhunderts mit zwei Stücken des englischen Komponisten mit Samuel Coleridge-Taylor, der als Sohn einer Einheimischen und eines Afrikaners geboren wurde. Eder Komponist hielt sich mehrmals in den USA auf und lernte die musikalische Welt der Schwarzen dort kennen. Hadelich – in Amerika aufgewachsen – zeigte mit einem veritablen Cakewalk, genannt Louisiana Blues, wie diese Einflüsse auf den Komponisten gewirkt haben. Ein zweiter Blues, der über diese Art weit hinausging und die Solovioline mit all ihren Möglichkeiten forderte, schloss sich an und bildete den beinahe nahtlosen Übergang zu einer der Solosonaten von Eugène Ysaÿe, ebenfalls Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Ysaÿe war zu jener Zeit einer der führenden Geiger und hatte sich vorgenommen, seinem großen Vorbild Joh. Seb. Bach nachzueifern, allerdings dabei seinen eigenen Weg zu finden, indem er die Polyphonie, romantische Momente und technische Anforderungen zu einem Zyklus von 6 Sonaten formte. Jede dieser Sonaten war einem bewunderten Geigen-Kollegen gewidmet. Übrigens, um den Bogen zum Enescu-Festival zu schlagen, sei erwähnt, dass Ysaÿe mit Enescu eng befreundet war und sogar vor der rumänischen Königin aufgetreten ist. Der erste Satz „Sonnenaufgang“ ist noch romantisch beeinflusst, während der zweite Satz zunächst auf einem einfach Lied basiert, das aber durch viele Variationen hindurch immer komplizierter wird, so dass man dem Geiger kaum noch zuschauen kann, wie akrobatisch er sein Instrument herausfordern muss – wohl eine Hommage an die berühmte Bachsche Chaconne. All dies wird von Hadelich dermaßen souverän vorgetragen, dass man gar nicht an die immensen technischen Schwierigkeiten denkt, sondern die Musik tatsächlich nur als Musik wahrnimmt.

Ähnlich ist es auch mit den beiden folgenden Capricen des „Teufelsgeigers“ Niccolò Paganini bestellt – Paradestücke eines jeden Virtuosen.

Der zweite Teil des Konzerts ist einem einzigen Werk gewidmet: Es geht um die Partita d-moll von Johann Sebastian Bach, ein Höhepunkt der Kompositionsgeschichte und der Musik überhaupt. Der letzte Satz ist die berühmte Chaconne, die allein schon knapp eine Viertelstunde dauert und höchste Kunst ist, wie man aus einer einfachen Abfolge von Harmonien ein riesiges Gebaude an Klängen entwickeln, ja zaubern kann. Es ist nur zu bewundern, wie es Hadelich gelingt, auch in den schwierigsten Passagen, die Technik nie in den Vordergrund zu stellen. Immer ist es die Musik, auf die zu hören ist, das andere geschieht eher beiläufig. Zu dieser Spielweise passt die Guarneri-Geige perfekt, denn sie prahlt nicht mit einem vollen Ton, sondern kommt eher „leichtfüßig“ daher – ein Instrument, das dem kammermusikalischen Spiel verpflichtet ist. Dass sie jedoch dem, der sie spielt, das Leben nicht unbedingt leicht macht, kann man ahnen, wenn in einigen (sehr seltenen!) Momenten ein Ton nicht perfekt anspricht.

Das Publikum im vollbesetzten Thalia-Saal lauschte dem anspruchsvollen Programm beinahe atemlos, und das, obwohl es nur durch eine Ansage zu Beginn wirklich mitbekommen hatte, was Hadelich spielte. Der stürmische Beifall zum Schluss erzwang noch eine Zugabe – es war wieder Bach. Einen so hochkarätigen Violinabend, wie es das dritte Konzert des diesjährigen Enescu-Festivals geboten hatte, erlebt man nicht oft.

Elisabeth DECKERS

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Musik.