Sie hat ein Herz für Kinder

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Die Schweizer Sonderpädagogin Sonja Kunz im HZ-Interview

Ausgabe Nr. 2926

Felix Lischka und Sonja Kunz beim Interview mit HZ-Praktikant Tobias Jaritz (v. l. n. r.).                                                     Foto: Johannes SCHEUCHER

Seit über drei Jahrzehnten lebt die Schweizer Sonderpädagogin Sonja Kunz in Rumänien und kümmert sich dort um Kinder aus schwierigen Verhältnissen. Für ihren unermüdlichen Einsatz wurde sie am 4. Dezember letzten Jahres zur Ehrenbürgerin von Weidenbach ernannt. Im Gespräch mit der HZ erzählt sie von Erfolgen und Herausforderungen, wenn es darum geht, benachteiligten Kindern eine Zukunft zu geben.

Felix Lischka kommt eigentlich aus Dresden, jetzt ist er aber schon beinahe ein Jahr in der Casa Prichindel in Weidenbach. Bei einer Führung durch die Räumlichkeiten merkt man, wie sehr die Kinder ihm in den letzten Monaten ans Herz gewachsen sind. Felix wird angesprungen und umarmt und spielt seit einiger Zeit sogar mit dem Gedanken, sein Jahr in Weidenbach zu verlängern. Nach dem kurzweiligen Rundgang durch die liebevoll eingerichteten Räumlichkeiten wartet Sonja Kunz bereits auf uns für das Interview.

 

Frau Kunz, Sie leben und arbeiten seit über 30 Jahren in Rumänien. Wenn Sie an die Anfangszeit zurückdenken, welches Bild taucht als Erstes auf?

Das sind die endlosen Schlangen an den Schaltern. Nicht für Brot oder Milch, wie viele andere damals, sondern für die Papiere, die ich alle sechs Monate erneuern musste. Mein Visum musste ich bis zum EU-Beitritt Rumäniens alle sechs Monate verlängern. Kaum hatte ich alles erledigt, stand ich wieder irgendwo an. Die Bürokratie war damals in Rumänien noch viel schlimmer als heute.

Was haben Sie aus der Schweiz am meisten vermisst?

Vor allem ein funktionierendes Bahnnetz. Aber auch Planungssicherheit. In Rumänien konnte man kaum etwas verlässlich abmachen. Gesetze änderten von einer Woche auf die andere. Ich bin zwar flexibel und spontan, doch dieser ständige Wandel war wirklich eine Herausforderung.

Eigentlich wollten Sie ja nicht dauerhaft in Rumänien bleiben. Wann hat sich das geändert?

Zunächst muss ich darauf hinweisen, dass Freunde 1995 den Verein Pentru copiii abandonați (für verlassene Kinder in Rumänien) in Basel gegründet haben, hier hatten wir schon 1994 die gleichnamige PECA-Stiftung gegründet und wir arbeiten mit dem Arbeitskreis Straßenkinder in Rumänien e. V. Schriesheim zusammen.

Ursprünglich habe ich immer nur drei Jahre geplant. Nach etwa zehn Jahren merkte ich: Ich werde gebraucht. Nicht nur organisatorisch, sondern auch von den Kindern selbst. Für viele war ich eine Hauptbezugsperson. Sie einfach wieder zu verlassen, wäre für sie und auch für mich unvorstellbar gewesen. Später dachte ich mir: Entweder ich gehe jetzt, oder ich bleibe bis zur Rente. Und da immer neue Projekte entstanden, bin ich geblieben.

Was verstehen Sie persönlich unter „Erfolg“ in Ihrer Arbeit?

Für mich ist es schon ein Erfolg, wenn ein Kind die Schule abschließt, eine, dem Umständen entsprechend, glückliche Kindheit bei uns erleben durfte und schließlich auf eigenen Beinen steht. Rund 98 Prozent der über 40 Kinder, die inzwischen erwachsen sind, kommen zurecht. Das ist für mich Erfolg.

Was unterscheidet die Einrichtungen der Stiftung für verlassene Kinder in Rumänien (PECA) von staatlichen Heimen?

Wir haben mehr Freiheit, Kinder nach ihren Talenten zu fördern. Sie gestalten ihr Leben bei uns eigenverantwortlicher. Außerdem sind unsere Mitarbeiterinnen wie Sozialmütter: Sie arbeiten in Langzeitschichten, begleiten die Kinder über Jahre hinweg und bauen tiefe Beziehungen auf. Diese Kontinuität ist entscheidend.

Gibt es genügend Plätze für Kinder in Not?

Nein, ganz im Gegenteil. Es gibt zu wenige Pflegefamilien, die eigentlich bevorzugt werden sollten. Gesetzlich dürfen wir in einem Haus nur zwölf Kinder aufnehmen, auch wenn Platz für mehr da wäre. Besonders schwierig ist, dass wir oft Kinder übernehmen, die bereits Jahre in Pflegefamilien verbracht haben und dann wieder abgegeben werden. Das passiert, weil Kinder unter sieben Jahren nicht in Heime, sondern per Gesetz nur zu Pflegemüttern dürfen. Wenn sie dann älter werden, geben diese sie in Heime, um Platz für neue, jüngere Kinder zu schaffen. Das ist für die Kinder ein weiterer schwerer Bruch nach dem Verlust ihrer eigenen Familie.

Was müsste sich in Rumänien ändern, um Kindern aus schwierigen Verhältnissen bessere Chancen zu geben?

Es bräuchte ein umfassendes System: Zentren in armen Stadtvierteln und Dörfern, wo Kinder Hausaufgaben machen können, wo Familien Zugang zu Waschmaschinen, Duschen oder Beratung hätten. Auch Verhütungsmittel, Hilfen für Arbeitslose oder Alkoholkranke wären wichtig. Einzelne Initiativen gibt es bereits, aber viel zu wenige.

Welchen Rat würden Sie jungen Menschen geben, die sich sozial engagieren wollen?

Drei Dinge: Erstens, achtet in euren Gruppen auf die Außenseiter. Zweitens, macht ein Praktikum oder ein Volontariat in einer sozialen Einrichtung. Am besten in Europa, damit man das Gelernte direkt in den eigenen Alltag übertragen kann. Und drittens: Bleibt aktiv! Es ist leicht, sich in digitale Medien zu flüchten, aber echte Begegnungen und Engagement machen den Unterschied.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Tobias JARITZ

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Soziales.