Wege entstehen im Gehen

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Informativ und lesenswert: Festschrift zu 30 Jahren Frauenordination in der EKR

Ausgabe Nr. 2923

Elfriede Dörr (Hg.): Wege entstehen im Gehen. Festschrift zu 30 Jahren Ordination der Frauen in der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, Curs Verlag Klausenburg 2024, 129 Seiten, ISBN 978-606-968-53-2. 50 Lei. Das Buch liegt im Kiosk der evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt auf.

Im Herbst 1994 beschloss die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien (EKR), Frauen zum ordinierten Amt zuzulassen. Unter Ordination versteht man in der Evangelischen Kirche die feierliche Einsetzung eines Pfarrers oder einer Pfarrerin in sein/ihr Amt. Dreißig Jahre später erschien aus der Feder von Elfriede Dörr ein Buch im Druck, das schon durch den Titel – „Wege entstehen im Gehen” – eine weitgefächerte Leserschaft anspricht. Es könnten dies Historiker, Theologen, Sozialwissenschaftler oder allgemein Menschen, die Interesse an Siebenbürgen haben, sein.

 

Seit dem Erscheinen des Buches sind etliche Monate vergangen, zwei rezente Ereignisse forderten jedoch zwingend, der Öffentlichkeit dieses Werk zu präsentieren. Am 1. August dieses Jahres trat eine Frau den pfarramtlichen Dienst in Agnetheln an, Bettina Friederike Kenst (ab 1. Januar 2026 wird sie dort Stadtpfarrerin sein) und am Sonntag, dem 3. August gestaltete im Zuge der HaferlandKulturwoche wieder eine Pfarrerin den liturgischen Teil des Festgottesdienstes in Deutsch-Kreuz, nämlich Christiane Schöll. Beiden wurde im Kapitel „Auf verschiedenen Wegen“ die Möglichkeit gegeben, ihren dienstlichen Werdegang und ihren Bildungsweg zu schildern. Die erste, eine Siebenbürger Sächsin und Pfarrerstochter hatte Zweifel daran, die Fähigkeit zu haben, die Menschen auf ihren „Seelenweg zu Gott hin zu begleiten“. Eine Aussage veränderte ihr gesamtes Denken: „Nicht das Gewand an sich gibt eine Rolle vor, sondern, der, der es trägt, gibt ihm seine Rolle, seinen Sinn“. Heute trägt sie ihr „Krepelkleid“ mit derselben Selbstverständlichkeit wie die männlichen Kollegen ihre Krepelweste“ (Kräpel, siebenbürgisch-sächsisch für Haftel, bezieht sich auf den von der Tradition vorgegebenen, auffälligen Silber-Verschluss des Gewandes).

Die zweite ist gebürtige Schwäbin aus Stuttgart. Sie trägt keinen „Krepelrock“ sondern einen Talar mit Beffchen. Sie kam aus ihrem württembergischen Vikariat vorbelastet mit der Sorge, die Kirchengemeinde würde Vorbehalte gegen eine Frau im Pfarramt haben. Genau das Gegenteil passierte. Am 2. Juni 2024 wurde sie in der evangelischen Kirche von Reps von drei Kollegen ins geistliche Amt eingeführt und betreut nun 15 Gemeinden in Kronstadt und im Repser Ländchen. Die Gemeinden sind nach 1990 zahlenmäßig sehr geschrumpft. Die Seelsorgerin orientiert sich in ihrer Arbeit aber an einem Wort Christi: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. In ihrem Dienst wird sie durch die Gewissheit bestärkt „…es ist eben schön, wenn die Menschen spüren, wir sind eine Gemeinschaft und können uns gegenseitig unterstützen.“

So unterschiedlich, wie der berufliche Werdegang dieser beiden Pfarrerinnen, ist heute auch das Gesamtbild der Tätigkeit einer Theologin in der EKR und nur so können die vielfältigen Arbeiten bewältigt werden. Eine Übersicht zum Thema evangelische Pfarrerinnen in Siebenbürgen zu leisten, war eine Herausforderung an die Autorin, die diese auch aus der Innensicht zu leisten vermochte.

Wer nun historische oder theologische Exkurse in diesem 129 Seiten umfassenden Werk erwartet, wird diese in extenso nicht finden und das aus gutem Grund. Es handelt sich hier, wie das im Untertitel klar ausgedrückt wird, um eine „Festschrift“, eine Sammlung von Beiträgen, Interviews, Berichten, Erinnerungen, um Schilderungen von Lebenserfahrungen, aber auch punktuell um die Deutung von Entscheidungen politischer Art. Die Herausgeberin und Autorin dieser Festschrift, Elfriede Dörr, ist ordinierte Pfarrerin, Pastorin und promovierte Theologin. Zudem gehört sie in weiten zeitlichen Teilen der geschilderten Problematik der Erlebnisgeneration an und trägt als Pfarrerin im Sonderdienst die Verantwortung für die ökumenischen Beziehungen der EKR zu den anderen Konfessionen im Lande und auch weltweit sowie für die Fortbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer der EKR.

Die Festschrift ist in fünf Kapitel unterteilt, wobei sich oft Überschneidungen ergeben, die u. a. darauf beruhen, dass, bei den unterschiedlichsten Lebenswegen, die jungen Frauen ein und dasselbe Ziel vor Augen hatten – ihrer theologischen Berufung zu folgen.

Das erste Kapitel, „Ausgebremste Berufungen. Theologiestudentinnen im kommunistischen Rumänien“ schildert die Bemühungen von fünf Theologiestudentinnen, in den geistlichen Dienst übernommen zu werden. Es sind Interviews, die fließend in Berichte übergehen, aber auch Überlegungen der Herausgeberin miteinschließen, die einige zeitgeschichtliche Entscheidungen ins Feld führen. Warum zwei Studentinnen, die ihr Theologiestudium 1958 mit Staatsexamen und ein Jahr später die Pfarramtsprüfungen bestanden, nicht ins Pfarramt übernommen wurden, kann nicht direkt beantwortet, sondern nur vermutet werden. Ein Jahr zuvor, 1957, hatte das Kultusdepartement in Rumänien das Theologiestudium für Frauen verboten. Dazu werden Vermutungen geäußert: Es könnte die Orthodoxe Kirche, die Frauen außerhalb der Klöster im kirchlichen Dienst aus dogmatischen Gründen nicht duldet, das Verbot durchgesetzt haben, aber auch die Sowjetunion, die nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 „in den Satellitenstaaten die Daumenschraube anzog“ (S. 12). Wie die betroffenen Frauen unter solchen Umständen ihr Leben meisterten, schildern sie selbst glaubwürdig. Bloß bei der fünften Biographie wird der im Untertitel des Kapitels gesetzte zeitliche Rahmen gesprengt: Die junge Frau begann ihr Studium 1989 und schloss es Jahre später ab. Wann das geschah, ist dem Text nicht zu entnehmen, auch nicht, wer das Interview führte. Dafür nennt die Betroffene handfeste Gründe. Es sind theologische Argumente, belegt nach diesbezüglichen Stellen aus dem Alten und Neuen Testament. Die Studentenzeitschrift „Die 7. Posaune“ vom 24. Mai 1991 veröffentlichte einen Betrag unter dem Titel: „Diebe, Verbrecher, Ehebrecher, Mörder… und Frauen, die predigen. Die Schrift muss erfüllt werden. Um dem Artikel die Schärfe zu nehmen, wurde er allerdings unter „Spass und Schmunzelecke“ gestellt. Der theologisch fundierte Beitrag sollte somit die Betroffenheit unter den Studentinnen relativieren. Es ist aus heutiger Distanz betrachtet, mehr als nur eine Zuspitzung, eine Überspitzung des generationenbedingten Konfliktes zwischen den Vertretern von gegensätzlichen theologischen Meinungen. Beleidigungen dieser Art wirkten mit Sicherheit auf die Frauen traumatisierend. Der Umgang damit wird im Buch in wenigen Einzelfällen dann auch erläutert.

Im zweiten Kapitel: „Auf verschiedenen Wegen. Wie Perlen auf dem Weg“ wird über weitere fünf Theologiestudentinnen auf dem Weg zur Ordination berichtet. Nicht immer war es der direkte, geradlinige Weg in den geistlichen Dienst der EKR, aber alle fünf erklären sich heute zufrieden mit ihrer Arbeit und mit der Tatsache, dass sie als Frauen von den Gemeindemitgliedern akzeptiert und geschätzt werden.

Sowohl im ersten als auch im zweiten Kapitel werden von den Protagonistinnen zu den geschilderten Problemen und Fragen individuelle, subjektive Antworten gegeben und Lösungswege aufgezeigt. Ob nun in einer Festschrift eine Synthese durch den Herausgeber zwingend notwendig ist, bleibt offen. Ersichtlich wird indessen für den Leser der Wandel in der Beurteilung der Frauenordination in der Zeit. Aus der Sicht dieser Frauen im Pfarrberuf ist die Ordination „ein unverzichtbares Kriterium für die versöhnte Gemeinschaft von Männern und Frauen in der Kirche.“ (S. 43).

Das nächste Kapitel „Wege der Vielfalt. Theologinnen, Diakoninnen, Gemeindepädagoginnen, Vikarinnen auf einen Blick“ lässt sich nur bedingt dem Titel zuordnen, hat allerdings seine Berechtigung im Buch darin, dass alle zehn Frauen, deren Kurzbiographien dem Leser unterbreitet werden, Theologinnen sind, aber nicht den Pfarrberuf ausüben. Auch hier kann der Leser bilanzieren. Ob die Frauen nun als Diakoninnen, Lehrerinnen oder als Leiterin einer Seniorenresidenz arbeiten, das Studium der Theologie erwies sich für alle als ein Gewinn.

Die auf den Seiten 68-101 abgedruckten Texte wurden von unterschiedlichen Autoren verfasst oder sind Interviews. Das einzig verbindende Element zum Thema der Festschrift ist die Tatsache, dass es sich durchgängig um Frauen handelt, die als Geistliche tätig sind. Dabei finden so ziemlich alle christlichen Glaubensrichtungen aus Rumänien ihre Erwähnung: die Reformierte, die Unitarische, die Methodistische, die Römisch-katholische, die Griechisch-katholische und die Orthodoxe Kirche. Fazit dieses umfangreichen Kapitels: In den reformierten Kirchen ist man für die Ordination von Frauen aufgeschlossen, die Katholische Kirche gibt sich bedeckt, „die rumänische Orthodoxie (ist) in Frauenfragen oftmals weiterhin mit einer unsäglichen Misogynie behaftet“ (S. 100) und bei der Griechisch-katholischen Kirche ist „eine Tendenz zum Festhalten an alten, zum Teil vorkonziliaren Vorstellungen bemerkbar.“ (S. 91).

Auch wenn zum Teil mit Recht behauptet werden kann, diese Beiträge gehörten thematisch in ein anderes Buch, so verraten sie die Intention der Herausgeberin, den Blick zu weiten, die konfessionelle Vielfalt im vielethnischen Siebenbürgen dem Leser nahezubringen. Die darin enthaltenen Informationen sind für jeden, der an theologischen Problematiken interessiert ist, informativ und damit lesenswert.

Den Abschluss bilden acht Glückwunschschreiben. Sie kommen von Frauen aus der ganzen Welt. Diese haben geistliche Ämter in ihrer Kirche inne, wobei es sich durchgängig um evangelisch-lutherische Kirchen handelt. Vielleicht hätte der Leser die Bedeutung der Zulassung von Frauenordination in der EKR höher einschätzen können, wenn die Glückwünsche den Texten vorangestellt worden seien.

Die Analyse zeigt, dass es sich letztlich hier um ein informatives, lesenswertes Werk handelt. Seine Lektüre können wir kulturinteressierten Menschen aufs Wärmste empfehlen.

Werner SEDLER

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Kirche.