Hannelore Baier veröffentlicht Buch zum Thema ,,Leben in der Diktatur“
Ausgabe Nr. 2923

Hannelore Baier: Leben in der Diktatur. Beiträge zur Geschichte der Rumäniendeutschen 1940-1989. Honterus Verlag Hermannstadt 2025. 451 Seiten, ISBN 978-606-008-198-2. Das Buch liegt zur kostenlosen Mitnahme im Büro des Siebenbürgenforums auf.
„Leben in der Diktatur“ ist der Titel eines 2025 im Honterus Verlag von der Journalistin Hannelore Baier herausgegebenen Buches. Das Buch thematisiert in 18 Beiträgen die Geschichte der Rumäniendeutschen in der Zeitspanne 1940-1989. Darin werden die Deportation zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion, die Politik der rumänischen Regierungen gegenüber der deutschen Minderheit und deren politische Vertretung, ihre Überwachung und Verfolgung durch die Securitate, der Freikauf aber auch die Ansprüche der Deutschen Volksgruppe in Rumänien auf jüdisches Eigentum behandelt.
Das vorliegende Buch lässt schon anhand des Einbands erkennen, dass es „keine leichte Kost“ sein würde, ist die farbliche Gestaltung doch eher dunkel gehalten und der Titel weist gut daraufhin, worauf es ankommen soll: „Leben in der Diktatur“ ist doch so konzipiert, dass das „Leben“ – mit größeren Buchstaben dargestellt wird als „Diktatur“. Das Buch hat 451 nicht zu eng bedruckte Seiten und ist sehr gut lesbar.
Der interessierte Leser braucht doch einige Zeit, um sich mit der Reihenfolge der Beiträge zurechtzufinden. Aber man versteht dann doch recht schnell, um was es der Autorin geht. Das Ineinandergreifen der dokumentierten Ereignisse in der Zeit von 1940 bis 1989 macht diese Vorgehensweise auch notwendig.
Die Wesensmerkmale einer Diktatur sind nämlich: keine freien Wahlen, keine bürgerlichen Freiheiten, die Unterdrückung politischer Gegner und Volksgruppen, Missachtung der Rechtsstaatlichkeit und Herrschaft per Dekrete.
Hannelore Baier arbeitet anhand der politischen Ereignisse der Jahre 1940-1989 in Rumänien sehr gut heraus, wie die Mechanismen der Diktatur das Leben der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben beeinflusst haben.
Sie setzt sich fundiert – ohne das man als Leser den Eindruck hat, sie gehe parteiisch vor – über das Zustandekommen dramatischer Entscheidungen wie die Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion 1945 mit den Konsequenzen für die Volksgruppen auseinander.
Ein wesentlicher Teil des Buches befasst sich mit der Antwort auf die Frage: Wie konnte es zum Exodus der Rumäniendeutschen überhaupt kommen? Hierbei werden unterschiedliche Aspekte wie die Deportation, die Enteignungen und die sich daraus ergebene Selbstwahrnehmung und auch das kognitive identitäre Selbstverständnis der nationalen Minderheit angeführt, die im Kommunistischen Rumänien das wahre Gesicht des Sozialismus kennengelernt hat. Natürlich werden noch andere Gründe angeführt wie die gefestigten Strukturen der Gemeinschaft, das Weiterreichen von Werten zwischen den Generationen usw. – darauf möchte der Rezensierende nicht weiter eingehen. Auch der von Vasile Luca, damaliges Mitglied des Politbüros, am 9. August 1946 geäußerte Satz: „Bei der Agrarreform werden sie (die Rumäniendeutschen) nicht als Nationalität, sondern als Kollaborateure betrachtet“ – ist bezeichnend. Durch die Agrarreform verloren die siebenbürgisch-sächsischen und banatschwäbischen Dorfbewohner 95 Prozent ihres Eigentums, dies ist für den Leser eine höchst interessante Auseinandersetzung über das Zustandekommen und die Konsequenz daraus.
Ein weiterer höchst erhellender Beitrag ist der zur Familienzusammenführung, getitelt „Handelsware Mensch“. In einer gut strukturierten Weise legt Hannelore Baier – und man spürt in jeder Zeile, dass sie zur Erlebnisgeneration gehört – wie würdelos und menschenverachtend dieses Gefeilsche abgelaufen ist. Dramatisch wird klar, wie wenig es bei diesem Geschäft um die Menschen gegangen ist.
Hannelore Baier ist mit dem vorliegenden Buch über das „Leben in der Diktatur“ eine komprimierte Zusammenfassung der Geschehnisse und Bewandtnisse gelungen, wie sie nur jemand erarbeiten kann, der das alles auch miterlebt hat. Es sind keine persönlichen Erinnerungen, die es ja ausreichend gibt, nein, es ist die Aneinanderreihung von Geschehen, die die Lebensumstände der Menschen in einer Diktatur bestimmen. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, bevor die Erinnerungen verblassen.
Lothar SCHELENZ