Gespräch mit Elise Wilk über Theater und die neueste Premiere
Ausgabe Nr. 2925

Elise Wilk.
Foto: Alexandra BORDEIANU
Den Namen Elise Wilk kennt man als Leserin oder Leser der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ) und der Karpatenrundschau in Kronstadt – wo sie als Redaktionsleiterin tätig ist. Seit 2012 ist die 44-Jährige auch in der Theaterwelt bekannt wie… eine „grüne Katze“. „Die grüne Katze“ (Pisica verde) war nämlich ihr drittes Theaterstück nach „Es geschah an einem Donnerstag“ (2008) und „Die mittlere Lebenserwartung von Waschmaschinen“ (2010) mit dem sie ihre ersten Erfolge feierte. Seitdem hat Elise Wilk 25 Theaterstücke geschrieben, viele davon preisgekrönt, von denen drei am „Radu Stanca“-Nationaltheater (TNRS) in Hermannstadt inszeniert wurden („Pisica verde“, „Avioane de hârtie“ und „S-a întâmplat într-o joi“) und eines („Kinderzimmerzauberei“) auf der Bühne des Kinder- und Jugendtheaters „Gong“ zu sehen war. Am 11. September darf sich das Hermannstädter deutschsprachige Publikum auf die neueste Inszenierung „Union Place“ freuen, die von der deutschen Abteilung des TNRS in der Regie von Cristian Ban gezeigt wird. Über die anstehende Premiere und andere Projekte führte HZ-Redakteurin Cynthia P i n t e r mit Elise Wilk folgendes Gespräch:
Was kam zuerst: die Zeitung oder das Theater?
Das Theater. Doch als Allererstes kam der Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Dieser Wunsch kam vielleicht, weil ich als Kind mit vielen Geschichten aufgewachsen bin – diese hörte ich zuerst von Audiokassetten und las sie aus Büchern, die mir mein Onkel aus Deutschland schickte. Ich habe sehr gerne gelesen und verschlang die Bücher noch am selben Tag, an dem ich sie bekam. Ich habe viele Nächte damit verbracht, Romane von Astrid Lindgren oder Enid Blyton heimlich unter der Decke mit der Taschenlampe zu lesen, weil es schon spät war und ich eigentlich schlafen musste. Viele der Bücher haben heute Schokoladenflecken, weil ich beim Lesen sehr gerne Schokolade aß, die kam auch aus Deutschland.
Später haben es mir Figuren aus Seifenopern wie „Dallas“ angetan, oder ich entdeckte die faszinierende Welt von David Lynch als die Serie „Twin Peaks“ im rumänischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Ich war damals erst zehn Jahre alt, normalerweise darf man in dem Alter so etwas nicht anschauen.
Ich habe mir gewünscht, ebenfalls solche Welten zu schaffen. Da es keine Hochschule für Schriftsteller gab, habe ich mich entschlossen, Journalismus zu studieren. Ich habe gedacht, dass ein Journalist auch eine Art von Schriftsteller ist. Das glaube ich immer noch.
Sowohl als Journalist als auch als Theaterautor muss man sich kurz und knapp fassen. Man sollte den Leser bzw. den Zuschauer nie langweilen. Als Theaterautorin interessiert mich der Einfluss des Politischen auf die Einzelschicksale, dabei hat mir die Pressearbeit viel geholfen. Ich sage immer: Wenn du dir die Leute im Bus oder auf der Straße anschaust und dir ihr Leben vorstellst, dann ist das eine gute Voraussetzung, um fürs Theater zu schreiben.
Mein erstes Stück, „Es geschah an einem Donnerstag“, und auch mein zweites, „Die mittlere Lebenserwartung von Waschmaschinen“ sind entstanden, als ich noch als Investigationsjournalistin in der rumänischen Presse arbeitete. Inspiration dabei habe ich mir aus den Dingen geholt, die ich damals erlebte.
Können Sie sich an ihre ersten Schreibversuche erinnern? Wie kam die Liebe zum Theaterschreiben zustande?
Ich war acht Jahre alt, als ich die ganze Nacht an einem Roman in deutscher Sprache schrieb. Es war ein Roman über Außerirdische (mit Illustrationen!) und ich kann mich sehr genau an den Titel erinnern: „Der wunderbare Planet Limpopo“. Leider habe ich den Roman nicht mehr. Seit dieser Nacht habe ich gewusst, was ich werden will: Schriftstellerin.
Theaterstücke entdeckte ich in der neunten Klasse, bei Frau Ada Teutsch, die die Theatergruppe des Honterus-Lyzeums leitete. Sie wollte „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt einstudieren, aber mit älteren Schülern. Ich war sehr enttäuscht, dass ich nicht mitspielen konnte, ich bekam bloß eine Rolle in einem Sketch. Aber ich besuchte die Proben der „Physiker” und verliebte mich in das Stück. So sehr, dass ich alle Rollen auswendig lernte. In alle Schulhefte schrieb ich Zitate aus den „Physikern”. Dürrenmatts Stück inspirierte mich, mit 15 Jahren selber ein Stück zu schreiben. Der Stil ähnelte natürlich dem von Dürrenmatt und das Stück war sehr schlecht. Doch ich wusste, dass ich später fürs Theater schreiben will. Übrigens, „Die Physiker” habe ich noch nie in einer Inszenierung gesehen, doch ich glaube, das Stück hat mir Glück gebracht.
Genau 20 Jahre sollte es noch dauern, und ein Stück von mir hatte Premiere am selben Theater, an dem Dürrenmatts Stück im Jahr 1962 uraufgeführt wurde – dem Schauspielhaus Zürich.
Wo finden Sie die Inspiration für neue Theaterstücke? Was bewegte Sie dazu, „Union Place“ zu schreiben?
2022 hat mich das Schauspielhaus Salzburg eingeladen, ein Theaterstück über europäische Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu schreiben. Das Stück sollte im Rahmen einer Co-Produktion zwischen dem Schauspielhaus, dem Escher Theater in Luxemburg und dem Nationaltheater Temeswar mit einer Besetzung aus drei Ländern vom in Wien lebenden rumänischen Regisseur Alexandru Weinberger-Bara inszeniert werden. Der Titel „Union Place” war ein Vorschlag von Robert Pienz, dem damaligen Intendanten aus Salzburg. „In jeder europäischen Großstadt gibt es einen Platz der Einheit. Die Handlung des Stücks könnte sich in drei verschiedenen Städten an diesem Platz der Einheit abspielen” – das war die Idee, von der wir ausgegangen sind.
Da es sich um ein Ensemble aus drei Ländern handelte, habe ich beschlossen, drei Geschichten zu schreiben, die sich in diesen drei Ländern ereignen und die miteinander in Verbindung kommen. Dann habe ich erfahren, welche Schauspieler im Projekt mitmachen werden. Ich wollte von Anfang an eine „Durchmischung” der Besetzung, also dass in jedem der drei Teile Schauspieler aus verschiedenen Ländern zusammen spielen. Die Figuren habe ich mir ausgedacht als ich ihre Fotos auf den Webseiten der Theater sah.
Über europäische Gemeinsamkeiten und Unterschiede wollte ich anhand von Beziehungen sprechen – Liebesbeziehungen, Beziehungen zwischen Kindern und Eltern und die Beziehung zu dem Land, in dem man lebt.
Nachdem das Stück schon fertig geschrieben war, änderte sich fast die Hälfte der Besetzung. Am Anfang geriet ich in Panik – die Figuren passten nicht mehr so genau auf die Schauspieler. Doch danach fand ich diese Änderung spannend – das sind eben die Risiken einer internationalen Koproduktion. Manchmal denke ich, dass ich komplett andere Geschichten geschrieben hätte, wenn ich von Anfang an die endgültige Besetzung gekannt hätte. Also, um es zusammenzufassen: Inspiriert haben mich diesmal die Fotos der Schauspieler. Es ist bei jedem Stück etwas anderes.
Worum geht es in „Union Place“?
Es geht um drei Geschichten, die an verschiedenen Orten Europas spielen und die miteinander verwoben sind. Am Wiener Flughafen begegnen sich Sophie und der viel jüngere Darius; aus dem Flirt wird eine Affäre. Doch Sophie hat ein Geheimnis, das aufgrund des Krieges Russlands gegen die Ukraine droht, gelüftet zu werden. In Luxemburg warten der wohlhabende Deutsche Walter und seine Frau Daniela, eine Sängerin aus Rumänien, auf Danielas Sohn Alex, der seine Mutter lange nicht gesehen hat. Doch was sind die wahren Absichten hinter seinem Besuch? In Temeswar, treffen sich Mariana und Rudolf nach Jahrzehnten wieder. Einst waren sie ein Paar. Doch als er vor der Revolution 1989 in den Westen floh, blieb sie vor Ort. Was ist in jener schicksalhaften Nacht passiert? Was verbindet, was trennt Menschen jenseits von Landesgrenzen?

Szenenfoto aus „Union Place“, dessen Premiere am 11. September stattfindet. Foto: Vlad DUMITRU
Es gab bisher drei Inszenierungen Ihrer Theaterstücke an der rumänischen Abteilung des „Radu Stanca“-Theaters. Wie kam die Zusammenarbeit mit der deutschen Abteilung zustande?
Mit der deutschen Abteilung habe ich schon seit längerer Zeit zusammengearbeitet, aber als Übersetzerin – ich übersetze deutsche Theaterstücke ins Rumänische und das macht mir großen Spaß.
Die erste Zusammenarbeit als Autorin kam durch den Regisseur Cristian Ban zustande. Wir arbeiteten gerade an einem anderen Projekt in Arad, er war auf der Suche nach einem Stück, das zum deutschen Ensemble passt, hat mehrere Varianten versucht (auch klassische Stücke) und war mit keiner so richtig zufrieden. Dann probierte er es mit „Union Place” und es hat funktioniert.
Wie wurde die Weltpremiere von „Union Place“ am Schauspielhaus Salzburg (Regie: Alexandru Weinberger-Bara) vor zwei Jahren aufgenommen? Was darf das Hermannstädter Publikum erwarten, worauf darf es sich freuen?
Ich war bei der Premiere in Salzburg dabei, und das Stück wurde sehr gut aufgenommen, obwohl einige Aspekte, wie die Flucht in den Westen aus dem kommunistischen Rumänien, manchen Österreichern nicht so bekannt sind. Das Stück ging dann auf Tournee nach Temeswar und Luxemburg, ein Jahr später war es auch online im Rahmen des Nationalen Theaterfestivals in Bukarest zu sehen und das Feedback war sehr gut.
Doch am schönsten war es, als mich nach der Premiere ein Mann aus dem Publikum ansprach, ein Rumäne. 1986 war er 17 Jahre alt, genauso wie die Figur Rudi im Stück, und ist genau wie Rudi in jenem Jahr in den Westen geflüchtet. Und genau wie Rudi hat er seiner Freundin einen Brief aus dem Lager in Padinska Skela geschickt.
In Hermannstadt habe ich im Juni eine Probe besucht und finde, dass die Inszenierung ganz verschieden ist von der aus Salzburg. Eine dritte Inszenierung des Stückes wird zurzeit auch in Neumarkt vorbereitet – aber in einer leicht geänderten, an die Stadt und ihre Geschichte angepasste Version, in der auch Ungarisch gesprochen wird.
Dasselbe Stück in mehreren Inszenierungen zu sehen, ist das Schönste, was man als Theaterautor erleben kann.
Aber kommen wir zurück auf die Produktion in Hermannstadt – ich denke, das Publikum kann sich auf drei spannende Geschichten freuen und auf sieben Figuren, mit denen sich der Eine oder Andere sicher identifizieren wird.
Welches der 25 Theaterstücke, die Sie geschrieben haben, liegt Ihnen am meisten am Herzen und warum?
Eins davon liebe ich mehr als alle anderen, weil es mein persönlichstes Stück ist. Es heißt „Verschwinden“ und erzählt die Geschichte einer siebenbürgisch-sächsischen Familie über eine Zeitspanne von über 70 Jahren, beginnend mit der Russlanddeportation im Januar 1945 und bis zu Rumäniens EU-Beitritt am 1. Januar 2007.
Das Stück wurde schon in Rumänien (sowohl auf Rumänisch als auch auf Ungarisch), Ungarn, Bulgarien und Deutschland inszeniert, in Finnland, Frankreich und Polen in szenischen Lesungen vorgestellt, in Polen mit dem Aurora-Preis für osteuropäische Dramatik ausgezeichnet und in Finnland und Frankreich als Buch veröffentlicht.
Doch es hat sein Zielpublikum noch nicht erreicht, denn nur wenige Siebenbürger Sachsen haben es gesehen.
Was ich an diesem Stück am schönsten finde, ist der Satz, den in Rumänien schon sehr viele Leute aus dem Publikum, egal welche Inszenierung es war, egal ob sie Siebenbürger Sachsen, Rumänen oder Ungarn waren, zu mir gesagt haben: „Dort auf der Bühne, da war meine Geschichte“. Obwohl es gar nicht ihre Geschichte war. Es ist nicht einmal meine Geschichte, denn sie ist erfunden. Und trotzdem gehört diese Geschichte uns allen. Deshalb wäre ich sehr froh, wenn das Stück irgendwann auch in Hermannstadt inszeniert wird.
Sie sind außer bei der Karpatenrundschau auch an der Neumarkter Kunsthochschule tätig, dort als Dozentin für Szenisches Schreiben und haben ebenda 2020 Ihren Doktortitel erhalten. Bleibt dann noch Zeit für Sich selber? Was machen Sie gerne in Ihrer Freizeit?
Der Unterricht macht großen Spaß. Neumarkt ist für mich wie ein zweites Zuhause.
Es gibt ja diesen Spruch: „Wenn du liebst, was du tust, musst du nie wieder in deinem Leben arbeiten“. Also arbeite ich nicht. Der Spruch ist aber nur teilweise wahr, denn manchmal gibt es Schreibblockaden oder ich habe überhaupt keine Lust und prokrastiniere dauernd und es gibt auch Momente, in denen ich das Schreiben hasse.
Arbeit ist wichtig, aber noch wichtiger sind Familie und Freunde. Ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit Menschen zu verbringen, die mir wichtig sind.
Deshalb optimiere ich mein Zeitmanagement dauernd und organisiere alles immer so, dass so viel Freizeit wie möglich übrigbleibt.
Ich reise sehr viel, bin viel im Ausland unterwegs – beruflich wegen dem Theater, aber auch privat. Asien ist mein Lieblingskontinent und ich wünsche mir, einmal sehr lange dort zu bleiben, vielleicht drei Monate.
Ich schwimme sehr gerne (auch, weil man während des Schwimmens viel nachdenken kann), am liebsten im Meer und in Seen (ich liebe die Berliner Seen im Sommer und bin dort immer sehr glücklich). Ich bin gerne auf Filmfestivals.
Leider hatte ich in diesem Jahr für Wandern im Gebirge nur wenig Zeit.
Und auch Lesen würde ich gerne mehr – ich sitze viel zu lange vor dem Smartphone-Bildschirm und mein Bücherturm (denn ich kaufe dauernd neue Bücher) wird immer höher. Diesen Turm aus Büchern irgendwo in einer Berghütte zu lesen, ohne Deadlines in Sicht, wäre mein Traum. Aber ich lese auch gerne am Strand.
Können Sie unseren Leserinnen und Lesern schon verraten, ob Sie an einem neuen Theaterstück arbeiten, und worum es handelt?
Ja, ich schreibe gerade ein Theaterstück für das Theater aus Arad fertig. Es handelt sich um die Spielzeugfabrik Arădeanca, und die Puppe Nadia, die dort während des Kommunismus produziert wurde. Das Stück hat drei Teile – der eine spielt 1977, der zweite 1984 und der letzte 1989. Immer steht eine Frau im Mittelpunkt – die Erfinderin der Puppe, eine Arbeiterin und ein Mädchen, das die Puppe zu Weihnachten 1989 bekommen soll.
Die Uraufführung findet am 26. Oktober d. J. statt und ich bin sehr gespannt auf die Inszenierung. Und ich kann auch verraten, dass Nadia Comăneci eine wichtige Rolle im Stück spielt.
Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihren weiteren Projekten!