Interview mit dem Schriftsteller Volker Kutscher / Von Ruxandra STĂNESCU
Ausgabe Nr. 2920

Lesung des Autors Volker Kutscher, moderiert von Ana-Maria Daneș, Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Hermannstadt. Foto: Ruxandra STĂNESCU
Der deutsche Schriftsteller Volker Kutscher hat Anfang des Monats Juli auf Einladung des Deutschen Kulturzentrums Hermannstadt aus seiner Gereon Rath-Reihe gelesen. Die seit 2008 bis 2024 erschienenen zehn Bände spielen in den Jahren 1929 bis 1938, im Berlin der späten Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. Die ersten drei Bücher der Reihe wurden unter dem Titel „Babylon Berlin” als Kriminal-Fernsehserie verfilmt.
Worum geht es in Ihrer Bücherreihe?
Gereon Rath ist ein Kölner, der in Berlin ermittelt. Es sind insgesamt zehn Bände, die Buchreihe ist jetzt abgeschlossen. In Rumänien sind die ersten drei Bände bislang auch erschienen, ganz frisch der dritte Band „Goldstein” in diesem Jahr und wir schauen, wie es weitergeht mit der Übersetzung.
Haben Sie Erfolg in Rumänien?
Das weiß ich jetzt nicht ganz genau. Ich hab meinen Verleger von „Lebăda neagră” in Jassy nicht nach konkreten Zahlen gefragt, wir sind auch erst am Anfang. Aber ich denke, es ist ein Thema, das nicht nur Deutsche interessiert: die Erfahrung mit Totalitarismus und Diktatur und die Frage, wie stabil eine Demokratie ist. In Deutschland ist das schon passiert, dass die Demokratie kaputt gegangen ist, ohne äußere Einwirkung. Wir müssen alle sehr wachsam sein, dass es nicht wieder passiert, weil es sehr schnell gehen kann.
Ihre Bücher sind zwar Krimis, aber sind sie auch historisch akkurat?
Ja, das ist mir auch sehr wichtig, dass sie gut recherchiert sind. Ich lege großen Wert darauf, dass die historische Kulisse stimmig ist, mich auch in den Alltag ein bisschen reinzuspüren und das sich auch meine Leserschaft in dieser Welt ein bisschen zu Hause fühlt, dass man meine Protagonisten kennenlernt. In diesen dramatischen Zeiten, wenn die Nazis es nicht an die Macht geschafft hätten, wäre der Welt viel Leid erspart gewesen, nicht nur Deutschland und es ist wichtig, das ein bisschen mitzuerleben durch die Fiktion, wie es war, als sich diese Dinge geändert haben, warum sie sich geändert haben… Das ist für mich noch nicht ganz erklärlich, warum es soweit gekommen ist, weil die Weimarer Republik so schlecht ja gar nicht war. Es gab nur fünf stabile Jahre, die auch wirtschaftlich halbwegs stabil waren. Es ist auch heute nicht ganz klar, warum die Menschen sich dermaßen auf die Nazis gestürzt und verlassen haben. Darum geht es mir, das nachfühlbar zu machen, durch den Verstand, aber auch durch die Emotionen.
Warum haben Sie sich für Berlin entschieden?
Der ursprüngliche Gedanke war, vom Berlin der Zwanziger und Anfang der Dreißigerjahre zu schreiben, eine Zeit, in der viele Romane spielen, die ich gelesen habe und gut finde, angefangen mit Erich Kästner, der seine Bücher in der damaligen Gegenwart in Berlin spielen lässt. Man taucht in dieser Welt immer sehr ein, und das fand ich immer sehr faszinierend, diese Tragik auch, weil diese Welt durch die Nazis zu Grunde gegangen ist. Ich wollte wohl mal einen Kriminalroman erzählen in dieser literarischen Welt, die mir so vertraut war und als Leser so schön fand, weil zur selben Zeit in den USA diese ganzen Gangstergeschichten passierten. Diese beiden Welten wollte ich zusammenbringen, deswegen musste es Berlin sein. Der zweite Aspekt war das Politische in Berlin, eine rote Stadt, sehr kommunistisch und sozialdemokratisch geprägt. Das alles habe ich aus der Sicht eines Nicht-Berliners erzählt, denn mein Kommissar ist Kölner.

Volker Kutscher: Der nasse Fisch. Der erste Rath-Roman, Piper Verlag, 544 Seiten, Klappenbroschur, ISBN 978-3-492-31594-4, 14 Euro.
Sie sagten, dass ihre Buchreihe zu Ende gegangen ist?
Es ist ein bisschen kompliziert, weil die Romanreihe mit dem zehnten Band zu Ende gegangen ist, aber es ist ein offenes Ende. Einige Dinge wurden zu Ende geführt, einige aber auch nicht. Ich möchte nicht, dass man den Buchdeckel des letzten Bandes zuschlägt und sagt, dass alles gut ist, sondern dass man sich auch ein bisschen Sorgen macht. Das ist nämlich im Januar 1938, für mich das Jahr des endgültigen Zivilisationbruchs mit der Pogromnacht, aber die richtig schlimmen Dinge kommen ja erst noch. Deswegen hab ich das Ende offen gelassen, dass man sich auch Sorgen macht um die lieb gewordenen Protagonisten. Ich habe aber neben dem Roman auch kleinere illustrierte Erzählungen herausgebracht, mit der Berliner Künstlerin Kat Menschik: Vor 8 Jahren „Moabit”, das erzählt ein bisschen die Vorgeschichte der weiblichen Heldin Charlotte Ritter, dann haben wir das zweite Band herausgebracht, „Mitte”, über Fritze Thormann, Charly und Gereon Raths Pflegesohn und jetzt nach dem letzten Band des Romans erscheint der dritte und letzte Erzählband „Westend”, da geht es um ein Interview mit Gereon Rath im Jahr 1973, also lange nach dem Krieg. Ich habe aber noch ein paar Kurzgeschichten geschrieben und veröffentlicht, ich schreibe noch einige und das soll in zwei, drei Jahren einen Sammelband geben, damit ist aber das Projekt abgeschlossen.
Wie ist es, sich nach zwei Jahrzehnten von diesen wichtigen Personen zu trennen?
Ja, das hab ich ganz geschickt gemacht, indem ich ein bisschen Kleinkram mache. Ich habe aber auch schon das Gefühl der Erleichterung, es geschafft zu haben und ich freue mich, etwas ganz anderes zu machen. Nach diesen Kurzgeschichten werde ich auch wieder einen Roman schreiben aber ich weiß noch nicht genau was.
Ein bisschen konkreter bitte: Wie schreiben Sie? Am Computer, am Laptop oder Handy, zu Hause, unterwegs…
Nein, am Handy nicht, am Laptop, wenn ich Text produziere, auch mal im Café… Ich habe bemerkt, dass ich im Zug gut die Vorarbeit für die Bearbeitung machen kann. Aber wenn ich dann den Text bearbeite, was ein wichtiger Schritt in der Textproduktion ist, dann brauche ich meinen großen Computer. Wenn sich der Roman dem Ende neigt, schon viele Entscheidungen getroffen sind und es ziemlich klar ist, wie sich die Geschichte entwickelt, und ich wirklich viel Text schaffen möchte, dann gehe ich schon mal in Schreibklausur für eine oder zwei Wochen, ohne Freunde und Freizeit, wo ich mich nur aufs Schreiben konzentriere. Aber das ist auch sehr befriedigend, denn ich schaffe sehr viel.
Ich kann besser abends als morgens schreiben, ich setze mir ein Seitenpensum auf, denn ich habe einen Abgabetermin und man kann sich nicht herausreden. Man hört so oft, dass Schriftsteller eine Schreibblockade haben, aber dann nicht zu schreiben ist keine Lösung. Ich habe früher bei der Tageszeitung gearbeitet und ich musste jeden Tag schreiben, da hätte ich meinem Chef nicht sagen können, dass ich die Reportage nicht schreiben kann, weil ich mich nicht inspiriert fühle.

Die Drehorte für „Babylon Berlin” sind höchst unterschiedlich: So erkunden Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) und Gereon Rath (Volker Bruch) das Berliner Nachtleben an mehreren Locations.
Foto: ©Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/SKY/ARD Degeto
Sie haben gesagt, sie wollen sehen, wie sich die Figuren entwickeln. Lassen Sie sich vom Ende auch manchmal überraschen?
Ja, ich gehe in die Richtung, die meine Figuren vorgeben. Manchmal, wenn ich etwas geschrieben habe und merke, dass die Figur es nicht will, mache ich mir Gedanken, warum es nicht passt. Das kann gar nicht sein, dass die Figur nur so handeln würde, nur weil es in die eigene Handlung so besser passt. Früher hatte ich schon einen Plot aber da ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer anders ausgegangen ist als ich es mit vorgestellt habe.
Wie sind Sie vom Journalismus zum Schreiben gekommen? Und wie hat sich die Literaturlandschaft in den letzten 20 Jahren geändert?
Die allgemeine Entwicklung ist, dass weniger gelesen wird, was ich sehr schade finde, aber da kann man nichts ändern. Den Schritt von „ich muss das lesen” zu „ich will das lesen” wird immer weniger gemacht, weil es andere Dinge gibt… so gesehen haben es Debütanten auch schwieriger reinzukommen, und von der Verlagswelt oder vom Buchhandel gesehen zu werden. Das ist alles sehr schwierig. Ich habe Germanistik studiert und bin in den Journalismus gegangen, weil man einen Beruf ergreifen muss, was auch spannender war, als was ich mir zunächst gedacht hätte. Ich habe auch entdeckt, das journalistisches Schreiben anspruchsvoll sein kann und auch sehr viel gelernt, aber diesen Traum mal Fiktion zu schreiben war schon irgendwie da. Als Germanist war ich auch vielleicht ein bisschen auf einem höheren Ross und habe gedacht, wenn ich mal schreibe, dann natürlich etwas Avantgarde, doch durch den Journalismus bin ich ein bisschen geerdet worden. Und habe als Hobby mit einem Freund zusammen zwei Regionalkrimis geschrieben und dann alleine. Ich wollte einen Roman der 34er Jahre in Berlin schreiben, dann wollte ich eine Serie schreiben, die über die 33er Jahre hinausgeht und man die historische Welt miterleben kann, und dann wurde es plötzlich ein Riesenprojekt, das als Hobby nicht zu stemmen war. Ich habe alles auf einer Karte gesetzt und den Job gekündigt und als Freelancer gearbeitet, für viel weniger Geld, aber ich konnte meine Zeit einteilen und meinen Roman recherchieren und schreiben. Dass ich jetzt hier sitze, heißt, dass ich Glück gehabt habe. Gegeben hatte ich mir zwei Jahre, es war aber so, dass ich ein Jahr fürs Recherchieren und Schreiben gebraucht habe, und hatte auch einen Agenten gefunden, denn ich wollte deutschlandweit veröffentlichen und habe dann anderthalb Jahre nur Absagen kassiert. Dann kam aber eine Zusage von Kiepenheuer & Witsch. Wenn ich meinen Job nicht gekündigt hätte, hätte ich das Buch nicht schreiben können und mich den Rest meines Lebens geärgert.
Wie wichtig sind die Lesungen?
Sehr, sehr wichtig. Ich mache das in Deutschland sehr konzentriert, denn ich hab meine Recherchier- und Schreibphase und versuche sie von der Leserreise zu trennen. Ich gehe auf Tournee und das ist immer ein gutes halbes Jahr nach dem Erscheinen eines Romans. Für mich ist auch wichtig zu sehen, wie ein Buch ankommt, mit den Lesern ins Gespräch kommen…
Nicht zuletzt: Es gibt eine TV-Serie nach ihren Büchern. Wie wichtig war Babylon Berlin für ihre Bücher?
Ich freue mich über jede Adaption. Die TV-Serie hat viel mehr Aufmerksamkeit erhalten als andere, aber es gibt auch eine sehr tolle Grafik Novel-Adaption, und es gibt auch Hörspiele, Theateraktionen und so weiter. Ich freue mich über jede und jede hat ihre eigene Reise und auch ihre eigene künstlerische Geschichte. Bei der Fernsehserie ist es auch so, dass es eine andere Stoßrichtung hat, weil sie nur bis in das Jahr 1933 erzählt. Die fünfte Staffel wird gerade gedreht, da hört Babylon Berlin auch auf und für mich als Autor war es gerade wichtig, über 33 hinaus zu erzählen. Es ändert sich hier sehr viel, aber das Leben geht weiter, man bleibt und guckt, dass man irgendwie klarkommt. Und das war für mich das Entscheidende und Spannendste an meinem Roman-Projekt. Das macht die Fernsehserie leider nicht und ich hätte mich gefreut zu sehen, wie sie damit umgehen. Sie nehmen sich natürlich auch eine ganze Menge Freiheiten, gehen auch mit der Geschichte ein bisschen freier um, was mich als Historiker ein bisschen ärgert, aber im Fernsehen muss man die Geschichte so umschreiben, damit es auch dramatisch passt. Ansonsten ist das natürlich toll erzählt und gespielt. Meine Bücher waren Bestseller auch vor der Fernsehserie und ich hatte schon etwa 15 Übersetzungen im Ausland, bevor die Serie herauskam. Jetzt sind es über 30. Auch in Rumänien weiß ich von meinem Verleger, dass er über die Fernsehserie auf meine Romane gestoßen ist.
Herzlichen Dank für das Gespräch.