Er lebte diese, seine Zeit

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Nikolaus Berwanger und der Temescher Rat der deutschen Werktätigen

Ausgabe Nr. 2921

Foto aus einem Dienstausweis aus dem Jahr 1980 mit der eigenhändigen Unterschrift Berwangers.

Jüngste sachliche Würdigung erfuhr der Publizist, Autor, Literatur- und Kulturförderer sowie Herausgeber Nikolaus Berwanger (5. Juli 1935-1. April 1989) durch die Aufnahme in den ersten Band (Literatur) der Reihe „Enciclopedia Banatului“, erschienen 2016 in Temeswar (Verlag David Press, S. 82-84, mit Foto). Wie in Lexika üblich, ist der Beitrag nicht wertend, umfasst eine geraffte Biographie, ein umfangreiches Werkverzeichnis und wichtige Quellen bzw. Literatur zu Leben und Wirken Berwangers. Verfasserin des Beitrags ist die Temeswarer Germanistin Univ. Prof. Roxana Nubert. Als wichtige Vorarbeit kam ihr die ein Jahr zuvor im Pop-Verlag (Ludwigsburg) erschienene Berwanger-Sonderausgabe der Literatur- und Kulturzeitschrift „Matrix“ (2015) zugute. Lesen Sie im Folgenden den aus aktuellem Anlass – am 5. Juli d. J. wäre Berwanger 90 geworden – verfassten Beitrag des Journalisten Luzian Geier, den dieser freundlicherweise der HZ zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat:

In erster Linie war Nikolaus Berwanger „Zeitungsmacher“, ein begeisterter, leidenschaftlicher, ideenreicher, engagierter und streitbarer Journalist (siehe die Beiträge unter dem Pseudonym Sepp Zornich) – das von seinem publizistischen Debüt 1952 in Bukarest an bis zu seiner Ausreise 1984 in die Bundesrepublik Deutschland. Das möchte ich, als einer der zwei Jahrzehnte lang in der Redaktion der Neuen Banater Zeitung tätig war und Berwanger als Chefredakteur erlebt hat, hier begründend voranstellen. Das Einmalige und Facettenreiche an der Banater deutschen Nachkriegs-Persönlichkeit Berwanger war, dass er seinen Beruf bestens verzahnt hatte mit seiner kulturellen, politischen und literarischen Tätigkeit im Interesse seiner Banater Gemeinschaft und immer darüber hinaus. Nicht nur zu den Siebenbürger Sachsen – aus dem siebenbürgischen Wurmloch stammte seine Ehefrau Katharina, geborene Wagner – und ihren Publikationen bzw. Redaktionen, zu denen es rege Austausche gab. Das sei deshalb hervorgehoben, weil immer wieder behauptet wird, dass der Minderheiten- und Regionalpolitiker in erster Linie Parteifunktionär war, in anderer Extreme wird er als Volkstumspolitiker abgetan (Wikipedia, in Verbindung mit dem Schriftsteller Ludwig Schwarz).

Die meisten früheren und auch neueren Veröffentlichungen über das vielseitige und wirkungsreiche Schaffen des Banaters beschäftigten sich mit der publizistischen und literarischen Seite. Als größere Arbeit in dieser Richtung sei auf die Diplomarbeit einer jüngeren Forscherin (Jahrgang 1982, geboren in Linz) hingewiesen, die im Mai 2008 an der Universität Wien vorgelegt und verteidigt wurde unter dem Titel „Nikolaus Berwanger – Leben und Schaffen eines Rumäniendeutschen.“ Verfasserin ist Cornelia Harlacher, angestrebter akademischer Grad: Magistra der Philosophie (Mag. phil.)

Wichtig erachte ich aus dieser umfangreichen Dissertation, einer Dokumentation und Werk-Einschätzung, den Schlusssatz in ihrem Fazit: Es hat sich somit bewahrheitet, dass Literatur, und mit Sicherheit nicht nur im Falle Nikolaus Berwanger, einen besonders interessanten, weil lebendigen Spiegel der Zeit darstellt. Nikolaus Berwanger hat diese, seine Zeit gelebt, wie es in einem seiner Buchtitel heißt.

Bildbeleg zu der bisher unerforschten Banater Sektion der „Deutschen Antihitleristischen Organisation“ (DAO), die am 25. August 1944 in Temeswar gegründet worden war, etwa zeitgleich mit der Jüdischen Antifaschistischen Organisation. Hier Kopie des Deckelblattes des Mitgliedsausweis Nr. 491 der damals jungen Temeswarerin Elisabeth Rech.

Außer den besonderen Verdiensten um die neue Gestaltung und inhaltliche Ausgestaltung der regionalen Neuen Banater Zeitung in der Nachfolge der Wochenschrift Die Wahrheit nach seiner Einsetzung als Chefredakteur im Herbst 1969 – die politische Tauwetterperiode kam ihm zugute -, und seinen zahlreichen Buchveröffentlichungen, wird oft vergessen zu erwähnen, dass wichtige banatschwäbische Gründungen, die den Initiator und „Antreiber“ Berwanger bis heute überlebt haben, auf den Kulturpolitiker zurückzuführen sind: die Stefan Jäger-Gedenkstätte in Hatzfeld/Jimbolia, die Adam Müller-Guttenbrunn-Gedenkstube in Guttenbrunn/Zăbrani, das Lenau- und Heimatmuseum in Lenauheim. Ebenso gehen die Gründung des Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises – er wurde nie finanziell vom Staat gefördert und auch nicht verboten, wie stellenweise zu lesen ist – und des Schubert-Chores, der bis 2024 fortbestand, auf seine Initiative zurück und er suchte und fand Mitstreiter, die diese Initiativen verwirklichten. Mit seinem Netzwerk von Freunden in allen Kreisen setzte Berwanger vieles durch, was ihm auch Neider und Gegner verschaffte, die ihm zuletzt nationalistische Bestrebungen vorwarfen. Der Vortrag von Dr. Stefan Sienerth am 27. April 2012 in Temeswar zur Securitate-Akte Berwangers – Kopien aus den CNSAS-Akten liegen in München beim IKGS vor – ist leider unveröffentlicht geblieben.

Zeitlich eingeordnet ist ersichtlich, dass die außerredaktionellen, kulturellen und schulpolitischen Leistungen in den Jahren nach der Ernennung des Chefredakteurs zum Vorsitzenden des Temescher Rates der deutschen Werktätigen erfolgten, ein Gremium, zu dem es bis vor Kurzem keine veröffentlichte Untersuchungen gab. Gelegentliche Anmerkungen dazu, wie die verallgemeinernde, dass die Räte nur ein „Appendix“ waren zur Durchsetzung des „einsetzenden Personenkults“, können für den Rat des Kreises Temesch mit den hier angeführten und weiteren Erfolgen widerlegt werden. Das vor allem Dank der Persönlichkeit Nikolaus Berwanger, der unter dem Schirm des Rates viele Möglichkeiten suchte, fand und regional für „seine Banater“ durchsetzte.

Zur Rolle und den Funktionen des Landesrates der deutschen Werktätigen – ähnlich funktionierten die Räte der ungarischen und serbischen Minderheiten, die dann alle beschönigend als „mitwohnende Nationalitäten“ geführt wurden – verfügen wir seit 2014 über eine sachliche und gründlich recherchierte Dokumentation der Publizistin und Historikerin Hannelore Baier, erschienen im Studienband „Abbrüche und Aufbrüche“ (Honterus Verlag, Hermannstadt 2014, 150 Seiten), zweisprachiger Tagungsband, herausgegeben und mit einer Einleitung von Hannelore Baier. Darin stellt die Autorin auch das mit dem späteren deutschen Landesrat in Verbindung stehende frühere landesweite „Deutsche Antifaschistische Komitee“ vor (S. 121-147) und untersucht hauptsächlich das Versagen der beiden Organisationen, die den späteren Exodus der Deutschen aus Rumänien nicht verhindern konnten.

Nachfragen über veröffentlichte wissenschaftliche oder publizistische Untersuchungen zu regionalen Räten der deutschen Werktätigen Rumäniens – es gab landesweit neun und einen in Bukarest – blieben erfolglos, es gibt sie nicht. Vor geraumer Zeit erschien nun in der Reschitzaer Fachzeitschrift Banatica (Nr. 34) eine umfangreiche und begrüßenswerte Studie über den im November 1968 gegründeten Temescher deutschen Rat – ähnliche wurden in den Banater Landkreisen Arad und Karasch-Severin damals ins Leben gerufen – aufgrund der erhaltenen Akten im Temeswarer Staatsarchiv, aufwändig erarbeitet vom Temeswarer Historiker und Universitätsprofessor Vasile Rămneanțu (Jahrgang 1961). Der Beitrag befasst sich mit der Zeitspanne von der Gründung des Rates 1968 bis 1973, eine Fortsetzung bis zur Auflösung 1989 soll folgen.

Dazu ist einführend anzumerken, dass auch in dieser Studie wie bei denen über das Deutsche Antifaschistische Komitee in Rumänien, dem die Räte 15 Jahre nach der Auflösung durch die KP folgten, die frühere Banater „Deutsche Antihitleristische Organisation“ – DAO, Sekretär war der gelernte Schneider, (Strohmann-)Journalist und Kommunist Arpad Josef Klapka von der Temesvarer Zeitung – , ursprünglich als Banater Sektion am 25. August 1944 in Temeswar gegründet, keine Erwähnung findet. Sie hatte in kurzer Zeit über 500 Mitglieder. Sowohl die DAO – siehe dazu Eduard Schneider: Literatur in der Temesvarer Zeitung“, München 2002, Seiten 40-41 – als auch das ADK hatten Einfluß auf deutsche Jugendliche unmittelbar nach dem Krieg, vor allem auf die aus Arbeiter- und sozialdemokratischen Kreisen, nach den schweren Folgen des Zweiten Weltkrieges für Rumänien, für die deutsche Gemeinschaft besonders, der pauschal Kollaboration vorgeworfen wurde.

Prof. Rămneanțu geht in seiner Einführung über den Temescher Rat, der zwei Jahrzehnte lang bestand und seine öffentliche Rolle einbüsste nach dem Wegbleiben des ersten Vorsitzenden Berwanger, auf die allgemeine Lage der „Banater Schwaben“ nach dem 23. August 1944 ein und präsentiert ebenfalls das Antifaschistische Landeskomitee. Dieses bestand aus von Bukarester Parteigremien ernannten, also nicht von der Gemeinschaft gewählten Mitgliedern. Es hatte den Charakter einer Interessenvertretung, die Leitungsmitglieder können somit nicht als Politiker der Minderheit im Sinne der Definition des Fachbegriffs bezeichnet werden.

Die Dokumentation folgt der Tätigkeit des Temescher Rates chronologisch und akribisch, die meisten Namen der Gründerzeit sind hier und heute vergessen. Infolge der Dokumententreue stehen in der Arbeit viele kleine Fehler, vor allem bei Namen, aber auch größere. So wird beispielsweise Berwanger im Anfangsteil als Chefredakteur der Zeitung Neuer Weg (heute: Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien) angeführt. Die Leser von heute werden die Teile über Aufgaben und die Jahresvorhaben, die untersucht und vorgestellt werden (und der Partei gegenüber Pflichtübungen darstellten) weniger interessieren, als das heikle und ungelöste Dauerproblem der Auswanderung, das sich durch beide Jahrzehnte zog.

Keine Auskünfte finden sich in der Studie über die Personalpolitik Berwangers im Temescher Rat, die er weitgehend selbst geschickt gelenkt hat, wie in der NBZ-Redaktion. Dem Rat gehörten nicht nur Parteimitglieder an, wie auch in der Redaktion, wo der Chefredakteur Wege fand, die Nicht-Parteimitglieder Ludwig Schwarz, William Totok und zuletzt Helmut Heimann einzustellen. Berwanger war es in beiden Foren recht schnell gelungen, einen Generationswechsel vorzunehmen.

Interessant sind die aufgeführten Mängel und Schwierigkeiten, beispielsweise was die deutschen Schulbücher und den Muttersprachenunterricht generell und landesweit betraf. Die Sitzungen des Kreisrates wurden wie die Dienstbesprechungen und Parteisitzungen in der NBZ-Redaktion deutsch gehalten, deutsch sind auch die Sitzungsprotokolle des Kreisrates geführt worden, außer den entsprechend „frisierten“ für die übergeordneten Dienststellen beim Kreisparteikomitee. Ebenso wurde der Großteil der Korrespondenz deutsch geführt, wichtige Unterlagen, die nicht in der Temeswarer Zweigstelle des Landesarchivs vorliegen, die somit Prof. Rămneanțu nicht zur Verfügung standen. Die heutzutage übliche Art, Quellenforschungen mit Zeitzeugenbefragungen zu verbinden, wurde von dem Forscher leider nicht gemacht.

Prof. Rămneanțu stellt in der Studie die wichtigsten Anliegen heraus, die in Sitzungen des Rates zur Debatte kamen, von der nicht durchgeführten Rückgabe enteigneter Häuser, von schwierigen Sozialfällen bei älteren enteigneten und mittellosen Familien, wie sie der Jahrmarkter Bürgermeister Josef Wagner vorbrachte, der Wunsch zur Erarbeitung und Veröffentlichung einer Geschichte der Banater Deutschen, über Entlassungen, Exmatrikulierungen von Studierenden bis hin zu Kirchweihen, Blaskapellen, aber ebenso betreffend das deutsche Theater, den Temeswarer deutsche Literaturkreis, deutschsprachige Publikationen und Bücher, Brauchtumspflege, die katholische Kirche und die katholischen Priester. Es gab desgleichen wiederholt Kritik seitens der Vertreter des Kreisparteikomitees an der Leitung des Rates, so beispielsweise an Berwanger. Der damalige Erste Sekretär Mihai Telescu fand es angemessen, den Status des Vorsitzenden des Kreisrates vor allen öffentlich klarzustellen: Er war laut Ceausescu nicht Bukarest, sondern dem Ersten Temescher Parteisekretär „unterordnet“. Das nachdem sich Berwanger mehrfach an Bukarester Stellen gewendet hatte, nicht nur an den Landesvorsitzenden Eduard Eisenburger.

Beachtenswert ist die abschließende Einschätzung der Tätigkeit des Temescher Rates durch den unparteiischen rumänischen Wissenschaftler und guten Banat-Kenner, der seit der politischen Wende in Rumänien zu mehreren Banater und Siebenbürgen-Themen veröffentlicht hat: Unter den damaligen politischen Gegebenheiten war die Interessenvertretung durch den Kreisrat der deutschen Werktätigen für die Banater Schwaben nützlich („benifică“). Seine Mitglieder haben einen Beitrag geleistet zur Fortführung und zum Erhalt der Kultur und der Traditionen, die einen Bruch erlitten hatten in der „tragischen“ Zeit nach 1944. Die politischen und ideologischen Kompromisse seitens der Führung des Rates, die eingegangen werden mussten, waren der Preis für die „Verteidigung der materiellen und kulturellen Interessen der Schwaben“ im Kreis Temesch.

Über alle Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gibt es seit jeher Kritik und Lob sowie unterschiedliche Meinungen. Das ist gut und das akzeptieren die meisten Menschen so im Sinne der wichtigen Meinungsfreiheit. Dazu meine Meinung: Berwanger war immer einer von uns und engagiert für die Deutschen in Rumänien.

Veröffentlicht in Literatur, Aktuelle Ausgabe.