Ein Genießer und Neugieriger

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Nachruf auf Franz Hodjak / Von Horst SAMSON

Ausgabe Nr. 2919

Franz Hodjak bei seiner Lesung in Dinkelsbühl 2013, wo er beim Heimattag mit dem Siebenbürgisch-sächsischen Kulturpreis ausgezeichnet wurde.                          Foto: Konrad KLEIN

Sonntag, den 6. Juli 2025, ist mein lieber alter Freund Franz Hodjak von uns gegangen. Dreieinhalb Stunden davor konnte ich ihm noch einmal über die Schulter und seine grauen Locken streichen, seinem tiefen, regelmäßigen Atem zuhören – es schien mir, überwältigt vom sonntäglichen, existentiell geprägten Augenblick im Beisein seiner fürsorglichen Frau Juli und seiner Tochter Astrid wie eine Kantate von Bach. Kurz nach 18 Uhr hatte er seinen Koffer voller Sand, Bücher und unveröffentlichter Typoskripte, sowie sein allerletztes handschriftliches, leider nicht mehr entzifferbares Gedicht definitiv gepackt.

Damit ist diese Welt um einen bedeutenden Schriftsteller, Dichter und Aphoristiker, ärmer geworden, der uns, die wir uns dezidiert für originäre Literatur, Kreativität und Zeitläufte, fürs Da-Sein interessieren, seit vielen Jahrzehnten bereichert hat. Ein Kopf voller buchstäblicher Schönheit, Schöpferkraft und Schreibfreude, voller Elan und Energie bis zuletzt, nie um einen geistreichen, ironischen Einfall verlegen, dem Leben in allen Lagen als Genießer und Neugieriger zugeneigt, ein streitbarer Geist und für mich ein standhafter, unvergesslicher Freund, der als Lektor des Dacia Verlags in Klausenburg in komplizierten Zeiten der Diktatur jüngere Kollegen und das freie Dichterwort selbstlos gefördert hat, so Rolf Bossert, Klaus Hensel, Horst Samson, Werner Söllner, Richard Wagner, Balthasar Waitz und andere. Unseren von ihm geplanten gemeinsamen Lyrikband wird es nun nicht mehr geben. (…)

Er ruhe in Frieden in seiner Zeit, in der unseren und in der künftigen. Seine Zeit hat er genossen und genutzt, nicht um Zeit zu verschwenden, sondern um sie in Literatur dieser Welt umzumünzen. Er ist und bleibt für mich vor allem ein überragender Dichter, der die Landschaft der gegenwärtigen Poesie um Hauptes- und Sprachenlängen überragte, der aber trotz seiner maßgeblichen Bücher in den letzten Jahren seines Lebens von einem bornierten, blinden und ignoranten, in einer Blase gefangenen Lyrikbetrieb an den Rand gedrängt wurde. Jeder seiner Gedichtbände hätte einen bedeutenden Literaturpreis verdient, aber für ihn – wie für andere deutsche Schriftsteller aus der einst von Frank Schirrmacher (FAZ) gepriesenen Fünften deutschen Literatur – ist mit der schrägen Zeit in der … bundesdeutschen Blase kein Platz mehr geblieben. Eines aber ist sicher und bleibt gewiss, die fälschlicherweise so bezeichnete rumäniendeutsche Literatur wird keiner der Kritiker & Luftikusse, die ignorant, kurzsichtig, gestelzt und oft von sehr weit hergeholt an der Lyrik und der Sprache vorbeikritisieren, von der Weltkarte der Literatur löschen oder vertreiben können. Franzleben, dafür hast auch du an vorderster Front mit einem großen, vielfältigen und beständigen literarischen Werk Vorbildliches geleistet. Die Zukunft ist keineswegs zu Ende, es gibt uns noch, und auch künftig trinken wir ein kühles, schwarzes Bier, du und Wulf Kirsten dort, ich und wir anderen hier!

Sei herzlichst gegrüßt und gute Reise in die Nachwelt der Literatur, wo immer du im Augenblick gerade bist!

Mein Lieblingsgedicht unter den vielen betörenden Gedichten aus seiner Feder:

Gedicht mit Käfer

Über das leere Blatt Papier kriecht ein kleiner Käfer der

keine Spuren hinterläßt wie einsam muß dieser

Käfer sein über den ich nichts weiß und der keine Spuren

hinterläßt auf einem neugierigen Blatt Papier kommt

er aus dem Osten oder von Athos ist er Inder

oder orthodox oder Anarchist oder in der Friedensbewegung

oder schwul oder Biertrinker oder Fetischist oder alles

zusammen wird er abgeschoben ist er

heimatlos oder Deutscher der auswandern will und

weiß das wovor er flieht ist universal oder schreitet

er bloß so majestätisch einher um dem Nichts

Erhabenheit zu verleihen wie heißt dieser kleine

Käfer und weshalb sucht er dieses Blatt

Papier auf über das er so demonstrativ kriecht ohne

eine Spur zu hinterlassen

(aus dem Gedichtband „Die Faszination eines Tages, den es nicht gibt“.)

Veröffentlicht in Literatur, Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten.