Streben nach der gegebenen Einheit

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Ausgabe Nr. 2880

Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) tagte in Hermannstadt

 


Pfarrer Ștefan Cosoroabă (links) gratuliert Pfarrerin Rita Famos zur Wahl, Pfarrer Gerhard Servatius-Depner (Bildmitte), einer der gewählten stellvertretenden Ratsmitglieder der GEKE, schließt sich an.

„Europa ringt darum, nicht auseinanderzubrechen“, und man müsse „Nach der Einheit streben, ohne die Wahrheit preiszugeben“, sagte die neugewählte geschäftsführende Präsidentin der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), die Schweizer Pfarrerin Rita Famos, in ihrer Predigt zu Epheser 4, 1-15 im Abschlussgottedienst der neunten Vollversammlung der GEKE in der evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt am Sonntag, dem 1. September. Famos ist Präsidentin der Evangelisch-Reformierten Kirche in der Schweiz (EKS).

Was zu Konfrontation und Spaltung führe, seien „die Bewältigung der Bedrohung durch den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, die Frage nach dem Umgang mit den vielen Migrantinnen und Migranten, die nach Europa strömen, der Graben zwischen Wohlstand und Armut – das und noch vieles Weiteres“, sagte Famos und warb dafür, die Einheit der Kirchen zu gestalten und auf sie hinzuarbeiten. Trotzdem waren auch kirchenkritische Töne von ihr zu hören: „Einheit ist keine Frage von Überzeugungen, die wie Eintrittskarten für den Zugang zu einem Club abgegeben werden müssen. Einheit ist etwas, das wir nicht herstellen können, sondern die uns gegeben ist und der wir nur in der gegenseitigen Haltung der respektvollen Zuwendung entsprechen können. Die institutionalisierte Kirche verführt uns zu einer notorischen Verwechslung, zwischen dem was Christus bewirkt und dem  was wir herstellen und tun können. Damit wäre klar, dass die Einheit, von der unser Predigttext spricht, zunächst nicht an unser Können und Machen appelliert und kein operationalisierbares Kirchenprogramm präsentiert“.

Gruppenbild mit den Delegierten der GEKE-Vollversammlung, den Gästen, den Stewards und den Mitgliedern des Organisationsteams vor der evangelischen Stadtpfarrkriche in Hermannstadt. Foto: Focus Photos Agency

Famos rief dazu auf, an der Einheit festzuhalten, ohne das Ringen um die Wahrheit preiszugeben. Nur so könnten die Kirchen einen Einfluss auf die Gesellschaft nehmen.

Bei der Abschlusspressekonferenz der GEKE-Vollversammlung, am Montag in der Aula der Brukenthalschule, zogen die neu gewählte Ratspräsidentin Rita Famos, der scheidende Ratspräsident John Bradbury, Generalsekretär Mario Fischer und Gerhard Servatius-Depner, Pfarrer in Mediasch und einer der Vertreter der vier gastgebenden Kirchen (Evangelische Kirche A.B. in Rumänien), und Leiter des ZETO (Zentrum für evangelische Theologie Ost) Bilanz.

„Das eindrücklichste Bild war für mich zu sehen, dass der Eröffnungsgottesdienst noch stark lokal geprägt war, und wie beim Abschlussgottesdiest die verschiedenen europäischen Gottesdiensttraditionen sichtbar wurden”, so Servatius-Depner, der die Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch als besonders positiv bei der Vollversammlung empfunden hat.

Blick in die als Tagungsraum gestaltete evangelische Stadtpfarrkirche bei einer Abstimmung. Foto: Focus Photos Agency

Der ehemalige Präsident John Bradbury betonte die Bedeutung des gemeinsamen Glaubens und Betens inmitten verschiedener Sprachen und Konfessionen und während der Sitzungen und Besprechungen.

Die neue GEKE-Präsidentin Rita Famos zeigte sich tief beeindruckt von der hohen Fähigkeit zur Synodalität bei der Vollversammlung: „Wir haben klare Statements, aber wir sind offen für andere Meinungen. Im Zuhören kann auch die eigene Sichtweise noch einmal hinterfragt werden”.

Famos stellte in Kürze die wichtigsten Arbeitsprozesse der kommenden sechs Jahre vor. Erstens werde die Frage nach dem Menschenbild mit den zunehmenden Möglichkeiten künstlicher Intelligenz und der bioethischen Aspekte aus evangelischer Sicht beleuchtet, zweitens die Konfessionalität in einer postkonfessionellen Welt bearbeitet, drittens sollen die Gespräche mit der baptistischen, der katholischen und der anglikanischen Kirche fortgesetzt und viertens die Themen Migration, Friedensethik und Theologie des Wandels aufgearbeitet werden.

Famos hob auch die gastgebende Stadt Hermannstadt mit ihren verschiedenen Kirchen und Sprachen hervor. „Die Komplexität der Geschichte wird hier sichtbar”, so Famos.

Generalsekretär Mario Fischer sagte abschließend, was für ihn der wichtigste Moment war: „Wir konnten alle Vorhaben für die Zukunft verabschieden. Die Bedeutung der Leuenberger Konkordie wurde dabei sichtbar.” Für die Zukunft habe sich gezeigt, dass Theologie mittlerweile global anders als in den traditionellen Kirchen Europas gelebt werde, was sich auch in den Migrationskirchen in Europa zeige. Europäische Theologinnen und Theologen kämen an die Grenzen ihrer Sprachfähigkeit.

Auf die Frage der HZ, wie  die in ihrer Predigt getätigte Aussage  „Nach der Einheit streben, ohne die Wahrheit preiszugeben“ verstanden werden soll, „Niemand von uns hat die Wahrheit, die Wahrheit werden wir erst am Ende der Zeit erfahren. Wir alle haben unseren Beitrag zur Wahrheitsfindung zu leisten. Daher ist es wichtig, unsere Positionen, unsere jeweils verschiedenen Positionen klar zu formulieren. Es ist ein Prozess, der erfordert sehr viel Sorgfalt, sehr viel Geduld und wir müssen diese Kultur des Schlagabtausches hinter uns lassen. Unsere europäische Kultur, auch demokratische Kultur, ist immer mehr gefährdet durch Schlagabtausch und Rechthaberei. Das müssen wir hinter uns lassen, ohne unsere Position zu verlassen aber auch im Wissen, ich bin nur ein Teil dieses ganzen Wahrheitsfindungsprozesses.”

Gruppenbild der Gottesdienstteilnehmenden auf dem Pfarrhof mit Blick auf die Großauer evangelische Kirche. Foto: Beatrice UNGAR

Die GEKE-Vollversammlung tagte von Dienstag, den 27. August, bis Sonntag, den 1. September, die Delegierten, Gäste, Beobachter u. a. hatten aber auch Gelegenheiten, das Beisammensein zu genießen, gemeinsam Gottesdienste zu feiern, Einrichtungen der gastgebenden GEKE-Mitgliedskirchen in Hermannstadt und Umgebung zu besuchen.

So stellten sich beim Abend der Begegnung am Donnerstag, dem 29. August, im Thaliasaal diese Kirchen vor. Begrüßt wurden die Anwesenden zunächst von Hermannstadts Bürgermeisterin Astrid Fodor, von Dr. Ciprian Vasile Olinici, Staatsekretär für Kulte, dem stellvertretenden Kreisratsvorsitzenden Vlad Alexandru Vasiu und Martin Bottesch, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien.

Da das Thema der Vollversammlung „Im Licht Christi – berufen zur Hoffnung“ lautete, sollten die Vertreter der Kirchen ihre Gedanken zur Zukunft äußern. Seitens der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien sprach Pfarrer Gerhard Servatius-Depner, seitens der Methodistischen Kirche Rareș Călugăr und seitens der Unitarischen Kirche Pfarrer Nagy Norbert. Die Reformierte Kirche war bloß durch zwei Musiker – Dénes Dorottya (Cello) und Rákász Gergely (Orgel) vertreten, die ihren Beitrag zum musikalischen Rahmen des von Christel Ungar-Țopescu und Zsolt Elekes moderierten Abends zu Gehör brachten. Zur musikalischen Gestaltung trug auch das Collegium Musicum Brukenthal (Jürg Leutert, Brita Falch Leutert, Maximilian Braisch, Iuliana Cotîrlea, Gabriel Silișteanu) bei sowie die Ausnahmesängerin Sorbán Enikő und zwei US-Amerikanerinnen, Leah Harper und Sarah Putman. Bei einem reichen Büffet mit kalten und warmen Speisen konnten die Gäste sich noch lange austauschen.

Am Sonntag nahmen die Delegierten und Gäste in Gruppen von je 15-20 Personen an Gottesdiensten in Kirchen in Hermannstadt (evangelisch A. B., methodistisch, reformiert), Großau (evangelisch A. B.), Salzburg (reformiert), Mediasch (evangelisch A. B. bzw. unitarische Kirche), Bürgisch (reformiert), Fogarasch (evangelisch A. B.), Halmagen (evangelisch-lutherisch), Heltau (evangelisch A. B.) und Michelsberg (evangelisch A. B.) teil und hatten Gelegenheit daselbst bei einem gemeinsamen Mittagessen sich mit den Gemeindemitgliedern zu unterhalten.

Die Beschlüsse der GEKE-Vollversammlung sowie Videoaufzeichnungen und Fotos sind auf der Website cpce-assembly.eu zu finden.                     Beatrice UNGAR

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bildung, Geschichte, Kirche.