Die Genregrenzen gesprengt

Streiflichter und Rückblicke anlässlich des 50. Hermannstädter Jazzfestivals

Ausgabe Nr. 2794

Ausdrucksstark und einfühlsam agierte Branislav Radojković, der Bassgeiger des serbischen Quartetts ,,Fish in Oil“, dessen Konzert den krönenden Abschluss des diesjährigen Hermannstädter Internationalen Jazzfestivals darstellte.                                                              Foto: Cynthia  PINTER

Mit einem überaus vielfältigen Konzertangebot in der ganzen Stadt feierte das Hermannstädter Internationale Jazzfestival seinen 50. Geburtstag vom 25. bis zum 30. Oktober: Von Dienstag bis Sonntag konnten Interessierte den Klängen von insgesamt 12 renommierten Jazz-Formationen aus dem In- und Ausland lauschen.  Alle Konzerte waren gut besucht und die Hauptorganisatorin Simona Maxim von der Hermannstädter Jazz-Stiftung wies am letzten Abend im Thaliasaal darauf hin, dass der Wettbewerb für Nachwuchsmusiker, die Sibiu Jazz Competition am 2. und 3. Dezember ebenfalls auf der Bühne des Thaliasaals stattfinden wird.

 

Nach der Eröffnung durch zwei Blaskapellen, die der Militärakademie bzw. die Neppendorfer Blaskapelle, am Dienstagmittag auf dem Großen Ring gab es am Abend ,,Musik für die Seele” zu Klängen von Alexandru Tomaselli (Gitarre und Gesang) und Ralu Stoica (Gesang) in der evangelischen Stadtpfarrkirche.

Stimmgewaltig und ausgelassen begeisterte Maria João, die Leadsängerin des ,,Mário Laginha Quartetts” aus Portugal, hier mit dem Bassgeiger Bernardo Moreira.Foto: Andrei BUTA

Das Motto war dabei Programm: entspannt, meditativ und fast schon bedächtig präsentierte das Duo Oldies, Jazz und Rock’n Roll. Mit ,,Dindi” von A. C. Josim wurde das Konzertprogramm in melancholisch-meditativer Weise eröffnet. Spezielle Harmoniewechsel auf der Gitarre, welche sich an Stoicas Stimme voller Leichtigkeit anpassten, sprachen Seele und Geist direkt an, wobei Alltag und Stress völlig ausgeblendet werden konnten. Zum Nachdenken regten Gedichtvorträge zwischen den einzelnen dargebotenen Stücken an. Mit etwas Swing wie ,,Gee, baby, ain’t I good to you” und ,,Let’s fall in love” nahm das Konzert seinen Lauf. Improvisiert wurde dabei nicht nur auf der Gitarre, sondern von beiden Künstlern auf äußerst gekonnte Weise auch stimmlich. Hin und wieder bereicherten Rhythmusbegleitungen in Form von Gefäßerasseln oder eines elektronischen Mini-Cajons Gesang und Gitarrenklänge. Und auch die Gitarre wirkte fortwährend als rhythmische Grundlage und war somit weit mehr als ,,nur” ein klassisches Begleitinstrument zur gesungenen Melodie. Melodien, bei denen die Sängerin Ralu Stoica mit Leichtigkeit bis zu den höchsten Tönen gepaart mit höchster Ausdrucksstärke überzeugte und sich mit Tomasellis kräftiger Stimme perfekt ergänzte. Mit fast sekündlichen und unberechenbaren Harmoniewechseln nahm der ,,Basin Street Blues” – welcher u. a. auch von Louis Armstrong interpretiert wurde – die Konzertgäste mit auf eine Bootsfahrt auf dem Mississippi ,,to the land of dreams”. Wie deutlich wird, ist damit nichts anderes gemeint als die Großstadt New Orleans in Louisiana, das als die ,,Wiege des Jazzes” gilt. Ein Medley, in welchem bekannte Oldies wie ,,Oh when the Saints” oder ,,Down by the Riverside” auf spannende Weise verarbeitet wurden, bildete schließlich den Abschluss des einzigartigen Konzertes in der Stadtpfarrkirche. Auf ruhig-meditative Weise begonnen, endete das Konzert schließlich völlig konträr, nämlich fetzig und mitreißend – die Seele wurde jedoch gleichsam fortwährend angesprochen.

Im Festsaal der Astra-Bibliothek präsentierte das Temeswarer Trio ,,JazzyBit” am Donnerstag eine energiegeladene Kombination aus Rock, Latin, Funk und Jazz. Hauptberuflich in der IT-Branche tätig, überzeugten die drei jungen Musiker mit hoher Virtuosität und vollem Klang und ließen den Zuhörer völlig vergessen, dass lediglich drei Instrumente (Synthesizer-Keyboard, Bassgitarre und Schlagzeug) beteiligt waren. Nicht zuletzt durch gezielt eingesetzte Effekte und Register des Synthesizers, welcher mal als Hammond-Orgel, mal als E-Gitarre fungierte, sowie durch die komplexen Soli aller Instrumentalisten konnte dieses einzigartige Klangspektakel erzeugt werden. Die flinken Finger des Keyboarders bewiesen dessen perfektionistisches Können. Aber auch sanftere Klänge, welche schier der Lounge-Musik ähnelten, wurden zu Gehör gebracht und bildeten den Gegenpol zu jener enormen Klangdichte. So erlebte der Zuhörer mit ,,Wintertown” filigranste Klänge mit speziellen percussionistischen Klangeffekten, welche einen Vorgeschmack auf das nächste Konzert des Trios in Hermannstadt boten, welches im Rahmen des Weihnachtsmarktes am 28. November auf dem Großen Ring stattfindet. Vorher geht es für die drei Musiker allerdings auf Tournee nach Mexiko, wo die Interpretationen JazzyBits dank der zahlreichen verwendeten Elemente lateinamerikanischer Musik gewiss auf Anklang stoßen werden. Der Konzertcharakter wurde nach der Pause schließlich durch eine fetzige Partystimmung abgelöst. Den ohnehin durch verschiedene Genres beeinflussten Jazz der Formation prägten dabei immer mehr Rockelemente, wobei mit einer Jazz-Version von ,,Smoke on the water” der Höhepunkt erreicht wurde.

ONJ bedeutet Orchestre Nationale de Jazz und ist eine Bigband, in der Instrumentalisten aus ganz Frankreich spielen. In Hermannstadt brachten sie erstmals ein eigens für diesen Klangkörper komponiertes Werk zu Gehör, mit dem der neue ONJ-Dirigent Frédéric Maurin seinen Einstieg feierte. Dabei kamen, wie Maurin betonte, ausnahmsweise Streicher und Sänger zum Einsatz.                                    Foto: Cynthia PINTER

Es folgten drei volle Konzertabende im Thaliasaal. Simona Maxim blühte von Abend zu Abend auf und überzeugte das zahlreich erschienene Publikum mit den ausgewählten Formationen.

Am Freitagabend bot der ungarische Schlagzeuger Szilárd Banai mit seinem Quartett das erste Konzert mit zum Teil fetzigen Passagen, aber auch melancholischen Klangbildern. Banai war schon mal beim Hermannstädter Jazzfestival zu Gast, 2008, als Mitglied der Band ,,Djabe“. Erstmals dabei waren seine Bandkollegen und die Sängerin Krisztina Bakó, für die es der erste Auftritt mit dieser Formation gewesen ist.

Die norwegisch-gambische ,,Kristin Asbjørnsen Band” (v. l. n. r.): Olav Torget (E-Gitarre), Kristin  Asbjørnsen (Gesang) und  Suntou Susso (Kora und Percussion).Foto: Cynthia PINTER

Das Highlight des Abends war das Nationale Jazzorchester Frankreichs (ONJ), eine Bigband, die sich mit der Komposition ,,Rituels“ ihres Dirigenten Frédéric Maurin auf Tournee durch Rumänien und Serbien befand. Anspruchsvoll und sorgfältig brachten die Musikerinnen und Musiker dieses Werk zu Gehör, dessen Interpretation laut Maurin den Zuhörenden überlassen wurde. Zum Abschluss konzertierte die Siegerband des Vorjahreswettbewerbs, ,,7th Sense“, allerdings als Trio.

Den Samstagabend gestalteten zwei multinationale Formationen: Das portugiesische ,,Mário Laginha Quartett” samt Frontsängerin Maria João  eröffnete den Abend mit einer einzigartigen Mischung aus Unterhaltung und Jazz. Mit vielfältigen Rhythmen und sonderbaren Harmoniekombinationen wurde den Zuhörern ein unvergessliches Klangerlebnis bereitet, welches durch die besondere Sing- und Vortragsweise Maria Joãos ergänzt wurde.

Nach der Pause übernahm das ,,Ramon Valle Quintett”, von der Veranstalterin des Jazzfestivals Simona Maxim als Stimmungsgarant mit Partycharakter angekündigt. Sie sollte Recht behalten: Das Publikum wurde in besonderem Maße an der Gestaltung des Konzertes beteiligt, sodass spätestens beim Evergreen ,,Guantanamera” sowie ,,Mamita Yo Te Quiero”, einer Eigenkomposition des Pianisten und Bandleaders Ramon Valle, der gesamte Thaliasaal am Mitsingen war. Die humorvollen Zwischenmoderationen, welche beinahe einem unterhaltsamen Gespräch zwischen Publikum und Band gleichkamen, begeisterten ebenso wie die solistischen Improvisationen des Saxophonisten. Zum Teil minutenlang folgte ein kunstvoll improvisiertes Solo auf das andere, was die Zuhörer stets mit Applaus würdigten. Die dargebotenen Klänge stellten dabei eine außergewöhnliche Mischung aus lateinamerikanischer Karnevalsmusik und Jazzharmonien dar, wobei der spezifische Charakter im Besonderen durch die Percussionsbegleitung erzeugt wurde.

Aus Ungarn dabei war das Banai-Quartett – im Bild (v. l. n. r.) Birta Miki (E-Gitarre), Gábor Vermes (E-Bass) und Szilárd Banai (Schlagzeug) – mit der Sängerin Kristzina Bakó (am Mikrophon) als Gast.Foto: Cynthia PINTER

Eine eher untergeordnete Rolle spielte der Jazz im klassischen Sinne am letzten Abend bei der norwegisch-gambischen ,,Kristin Asbjørnsen Band”. So präsentierte das Trio, welches wohl eher dem soften Jazz zuzuordnen ist, eine Mischung aus Sprituals wie ,,Ride up in the chariot”, Darbietungen in norwegischer Sprache sowie gemäßigte Jazzklänge in Kombination mit afrikanischen Elementen, welche nicht zuletzt durch die traditionell gambische ,,Kora”, einer Stegharfe, geprägt wurden.

Einen würdigen Abschluss des heurigen Jazzfestivals bereitete schließlich die Belgrader Jazzband ,,Fish in Oil”, welche in ihrem Repertoire im Sinne des Free-Jazz Funk, Rock und Weltmusik zusammenführte. So wurde beispielsweise auf eine Grundmelodie im Tangostil immer vielschichtiger und kunstvoller improvisiert oder aber filmmusikähnliche Melodien mal sanft und filigran, mal dramatisch dargeboten. ,,Fish in Oil” setzte somit reinsten Jazz in den Kontext diverser akustischer Klänge und Klangnuancen, wobei Leidenschaft und Begeisterung für das Musizieren dem Ensemble nicht nur ins Gesicht geschrieben waren, sondern auch auf das Publikum übersprangen.

Das Quartett ,,Fish in Oil“ war aus Belgrad angereist (v. l. n. r.): Dušan Perović (Saxophon), Bratislav Radovanović (E-Gitarre), Aleksandar Radojičić Šojka (Schlagzeug) und Branislav Radojković (Bassgeige). Foto: Cynthia PINTER

Die Vielfalt, welche die serbische Formation in ihrem Programm präsentierte, kann dabei als charakteristisch für das gesamte Festival angesehen werden. So wurde von allen Teilnehmern auf eindrückliche Weise bewiesen, dass Jazz in keinem Falle zu verallgemeinern ist, sondern mit einem überaus weiten Spektrum vor Genregrenzen keinen Halt macht. Ein neues Phänomen unserer Zeit? In diesem Maße allemal! Doch bereits 1974 berichtete Jazz-Experte Mircea Rieth in der Hermannstädter Zeitung in  seinem Artikel über das ,,Vierte Jazz-Landesfestival”  – es war das erste Landesfestival, das in Hermannstadt ausgetragen worden ist, die ersten drei Auflagen hatten in Ploiești stattgefunden – über den starken Einfluss auf den Jazz, ausgehend von der ,,kommerziellen Unterhaltungsmusik” einerseits, aber auch von ,,brasilianischen Rhythmen“. Somit waren bereits damals Genregrenzen längst nicht mehr unüberwindbar und der Jazz geöffnet für die Vielfalt der Musikwelt. Doch die Bewertung ebendieser Vielfalt im Jazz fiel damals noch völlig anders aus als heutzutage. So wurden die Einflüsse der Unterhaltungsmusik damals als ,,viel zu groß” angesehen und in einem Interview mit dem damaligen Leiter des Hermannstädter Jazzklubs, Nae Ionescu, der das Landesfestival nach Hermannstadt geholt hatte, abgrenzend klargestellt: ,,Jazz ist keine Tanzmusik”. Heute ist die Aufnahme von Elementen verschiedener Genres in die Jazzmusik, auch aus dem Unterhaltungsbereich, zur Selbstverständlichkeit geworden, das 50. Hermannstädter Internationale Jazzfestival bewies es. Dies ist ohne Frage eine Bereicherung für Musiker wie Zuhörer – lediglich über das Maß lässt sich streiten.

Fabian LUTSCH

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Musik.