Quasi himmlische Stimmung erzeugt

Kronstädter Bachchor in Paris/HZ-Gespräch mit Chorleiter Steffen Schlandt

Ausgabe Nr. 2765

Sie bedanken sich für den Applaus: Bariton Jean-Pierre Serre, Chorleiter Steffen Schlandt, Sopranistin Andreea Cojoc und Chroleiter Christian Ciuca (v. r. n. l.).                             Foto: Privat

Die riesige Basilique Sainte Clotilde im 7. Arrondissement von Paris mit ihren hohen Glasfenstern ist ein Ort, der selbst vielen Parisern nicht bekannt ist. Hier fand am 1. April 2022 eine ganz außergewöhnliche  Veranstaltung statt, das gemeinsame Singen des ,,Ensemble Vocal Crescendo” und des Kronstädter Bachchors, als franko-rumänischer Chor. Schon der anwesende rumänische Botschafter, S. E. Luca Niculescu, hatte in seiner Begrüßung betont, dass das nicht einfach zu organisieren gewesen war, da neben dem Abend in Paris auch noch ein zweites Konzert in Rumänien geplant ist.  Das Projekt entstand nach einer Begegnung zwischen dem Chorleiter Christian Ciuca und dem Organisten und Chorleiter Steffen Schlandt und brauchte wegen des Covid-Umfelds mehr als zwei Jahre um zu existieren. Die wunderbaren Stimmen von zwei Chören, die vereint die Basilique ausfüllten und wie für sie geschaffen schienen, verliehen dem großen Gebäude doch gleichzeitig eine gewisse Intimität. Der Abend stand auch ganz im Zeichen der Ukraine. Als am Schluss aus der Tiefe der Basilika kommend einige Mädchen  ,,We shall overcome” anstimmten, was von dem großen Chor und dann auch vom anwesenden Publikum gesungen wurde, ging dieser bewegende Abend in einer quasi himmlischen Stimmung zu Ende. Ein reicher Applaus belohnte die Glanzleistung der beiden Chöre. Mit Steffen Schlandt, Chorleiter und Organist aus Kronstadt,  sprach am Ende des Abends der Pariser HZ-Korrespondent Claus R e h n i g.

Das hat viel Zeit gebraucht…

Wir hatten dieses Projekt anvisiert, um es  im  März 2020 in der Karwoche hier in Paris stattfinden zu lassen und dann kam alles anders. Wir hatten schon die Karten und waren im Sog der Musik drinnen und dann wurde alles in den Lockdown geschickt. Es gab dann immer wieder Versuche auch mit Umbuchung der Karten, es im Herbst des gleichen Jahres zu machen und dann im nächsten Jahr, 2021, und immer waren die Coronawellen gegen dieses Projekt. Jetzt haben wir anscheinend das Glück gehabt, in eine Zeit herein gebucht zu haben, wo es nicht die hohe Gefährlichkeits-Inzidenz gegeben hat.

Wie bekommt man zwei Chöre zusammen?

Also wenn die musikalischen Ideen der Chorleiter relativ konvergent sind und sich die musikalische Intention deckt, dann geht das sehr schnell. Wir sind ja erst zwei Tage in Paris und haben zweimal geprobt und das war’s. Bei diesen Werken kann man auch nicht sehr viel falsch machen. Wenn man die Noten geprobt hat, dann sagt der jeweilige Dirigent, wo es lang geht und die Leute sind so aufmerksam und merken es sich… Die Tempi kann man ja an den Händen des Dirigenten ablesen, er dirigiert ja auch mit Expression. Man weiß dann, ob es jetzt leise oder laut sein soll, kurz oder lang, scharf oder gebunden und das müssen die Leute dann sehr schnell anhand der Gestik umsetzen.

Was bedeutet es für Sie, zum ersten Mal in Paris zu sein?

Wir sind ja eigentlich der Kirchenchor der evangelischen Honterusgemeinde in Kronstadt und singen ganz oft in den Gottesdiensten oder in Konzerten, aber in den letzten Jahren gab es sehr wenig Konzerte, deshalb hat sich das Singen direkt auf den Gottesdienst beschränkt. Oft war es dann so, dass man mit Masken singen musste oder die Gottesdienste waren online.  Der normale Betrieb war gestört. Und als Gemeindechor sind wir dann oft auch nach Deutschland eingeladen worden, hauptsächlich durch diejenigen, die aus Siebenbürgen nach Deutschland ausgewandert sind. Wir haben hauptsächlich das deutsche Sprachfeld bereist und jetzt ist natürlich die französische Welt etwas ganz anderes und ich denke, das hat uns allen gut getan. Der Chor ist ja nicht mehr mehrheitlich aus Siebenbürger Sachsen  gebildet, sondern inzwischen gibt es glaube ich eine Mehrheit von Rumänen, dann gibt es die Siebenbürger Sachsen und dann kommen auch noch ein paar Ungarn hinzu. Also es ist ein schönes Bild der Siebenbürger Landschaft und den drei traditionsreichen  Volksgruppen.

Wie würden Sie das Programm beschreiben?

Wir hatten vier Stücke im Hauptprogramm und dann noch den Gospel ,,We shall overcome“  als Zugabe. Das erste Stück war ein Stück eines später sehr berühmten Franzosen, Gabriel Fauré, (,,Cantique de Jean Racine“), geschrieben für einen Kompositionswettbewerb. Das atmet einfach die Jugend eines aufstrebenden Komponisten und Künstlers ein, also diese Frische, und es ist auch ein Gebet für eine Morgenandacht, eigentlich ein sehr angenehmes französisches vokales Stück. Das zweite ist ein eklektisches Stück (,,Psalm 123″ von Marțian Negrea), es verbindet West und Ost, die Kontrapunktik und eher chromatische Welt des 19. Jahrhunderts, vielleicht im Stile Mendelssohns, mit der byzantinischen Musik, die man in den orthodoxen Kirchen singt. Dann ein Spätwerk von Franz Liszt, das ganz anders ist als seine Jugendwerke, die von Virtuosität und Dramatik und auch von ein bisschen Showeffekt geprägt sind. In ,,Via Crucis“ reflektiert er sehr sparsam über die 14 Leidensstationen  zwischen Pilatus und Golgotha. Das Werk ist eigentlich auch für den Zuhörer eher schwer zu verstehen, weil es sich einfach nicht sofort erschließt, es ist voller eigentlich visionärer Kraft. Durch die Chromatik und durch die Harmonik blickt dieses Stück 50 oder 60 Jahre nach vorne. Zu Lebzeiten von Liszt wurde es nicht gespielt, sondern erst etwa 50 Jahre nach seinem Tod.  Seine Kollegen haben ihm davon abgeraten, diesen Weg weiter zu gehen, weil es für die Leute zu schwer war, ihm zu folgen, aber er hat sich da nicht beeinflussen lassen, er wollte unbedingt diese Vision der Leidenszeit hinüber nehmen. Es ist ein sehr schweres Stück, aber ich bin sehr dankbar, dass wir das jetzt kennengelernt haben und auch der Chor, der am Anfang sehr viel arbeiten musste, damit er das überhaupt liebgewinnt, hat es auch verstanden, aber es hat sehr lange gedauert. Das sind einfach Prozesse, die ihre Zeit brauchen.

Und dann kam natürlich Mendelssohn mit dem ,,Psalm 42″. Das Stück hat er geschrieben, als er in den Flitterwochen war, in der schönsten Zeit gleich nach der Heirat. Sowohl Schumann als auch Mendelssohn selber betrachteten es als bestes Kirchenmusikstück von Mendelssohn. Es ist einfach ein Geschenk für den Chor und vielleicht auch für das Publikum, weil es alles hat: Es hat Ruhe, es hat Bewegung, es hat eine aufbrausende Fuge am Schluss, es hat einen cantabilen Innenteil, es hat Expressivität, es hat einfach die ganze Welt der Emotionen drinnen.

Die Zugabe haben wir kurzfristig noch dazu gesellt, ein Stück, welches einfach um Frieden bittet. Eine Bitte, die wir uns so vor einem halben Jahr gar nicht vorstellen konnten. Wir hatten in Europa fast 80 Jahre Frieden und plötzlich sind wir ganz ganz nah  an den Zeiten, wo man wirklich um den Frieden bitten musste. Es hat sich irgendwie so getroffen, dass die Werke dann auch wirklich in dieser Zeit sehr gut passen, obwohl sie vor zweieinhalb Jahren programmiert wurden.

Es gab manchmal fast himmlische Stimmen…

Je mehr Stimmen in einem Chor sind, desto mehr helfen sie sich auch, dann muss man nicht forcieren. In kleinen Chören, unsere beiden Chöre sind mit ungefähr 35 Sängern gleich stark, dann spürt man manchmal, wenn man forcieren muss, wenn man laut singen soll, aber bei zweimal 35 singt man viel entspannter. Dann geht es deutlich für die Stimmen schonender zu.

Sie bewegen sich viel hinter ihrem Orgelpiano?

Wir haben diese Stücke so geprobt, dass der Dirigent, Christian Ciucă, einen Ko-Repetitor hat, einen zweiten Pianisten, Wir hatten hier diesen Luxus nicht, ich musste selber immer am Klavier spielen, deshalb dirigiert man eigentlich beim Spielen mit, weil man die Leute ja motivieren muss. Man hat die Hände nicht frei, deshalb muss man den Körper benutzen, mit Kopf, mit Schultern, Ellenbogen. Man muss versuchen, die Leute dahin zu kriegen, wo man sie haben will. Man muss den Chor immer anspornen, die Leute wollen das auch. Sie geben es nicht von alleine. Deshalb sind auch die Laienchöre sehr darauf angewiesen, dass von vorne die ganze Energie stimuliert und entfesselt wird.

Sie persönlich kannten Paris schon?

Ich war schon drei- oder viermal in Paris, sonst wäre ich sehr traurig gewesen, denn wir haben die wohl kältesten Tage in diesem Jahr erwischt. Wir haben uns das ganz anders vorgestellt. Wir hatten irgendwie das Gefühl, wir werden hier schön flanieren, uns in einen Park setzen, vielleicht ein Eis essen und dabei sind wir immer mit Handschuhen und Kappen rumgelaufen.

Ein Wort zum Schluss?

Ich bin einfach ganz ganz dankbar, dass wir diese Möglichkeit hatten, ein Konzert zu stemmen, würde ich mal sagen. Es war eine schwere Geburt, die dann aber so schön, so harmonisch abgerundet wurde. Und ich freue mich, dass es die Möglichkeit gibt, dies in Kronstadt am 8.Mai aufzuführen. Das ist schön für uns.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Musik.