,,Ein ungeheuer spannender Prozess”

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Gespräch mit der Deutschen Konsulin in Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2758

Konsulin Kerstin Ursula Jahn in ihrem Büro.                       Foto: Ruxandra STĂNESCU

Seit einem knappen halben Jahr ist Kerstin Ursula Jahn die neue Deutsche Konsulin in Hermannstadt. Über ihre Laufbahn und die ersten Erfahrungen in Hermannstadt sprach sie mit der HZ-Redakteurin Ruxandra S t ă n e s c u.

Ich bitte Sie, sich vorzustellen.

Mein Name ist Kerstin Ursula Jahn, ich bin nahezu 54 Jahre alt und wir haben schon festgestellt, dass die Hermannstädter Zeitung fast gleich alt ist. Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Mit 19 Jahren, nach dem Abitur, habe ich meine Heimatstadt verlassen und bin zum Fachhochschulstudium der öffentlichen Verwaltung, Fachbereich auswärtige Angelegenheiten nach Bonn gegangen – damals gab es noch die Bonner Republik. Ich habe mehrere Jahre in Bonn gearbeitet, bevor ich zu meinem ersten Auslandsposten nach Lyon gegangen bin und fünf Jahre dort tätig war. Danach habe ich wieder in Bonn gearbeitet, im Protokoll. Wir hatten 1999 ein sehr intensives Jahr, mit EU-Ratspräsidentschaft, und G7+1-Treffen und WEU-Präsidentschaft – damals gab es dieses Gremium noch. Danach bin ich nach Danzig gegangen, in das dortige Generalkonsulat, im März 2000. 2002 hat sich ein großer beruflicher Wunsch für mich erfüllt, ich wurde für ein Jahr eine der beiden deutschen Austauschbeamten im sogenannten Quai d’Orsay, dem französischen Außenministerium. Das war eine sehr augenöffnende Erfahrung, weil es immer eine andere Erfahrung ist, wenn man von draußen hineinschaut, als wenn man von drinnen mitwirkt. Von dort habe ich 2003 an die Deutsche Botschaft in Paris gewechselt und habe weitere vier Jahre dort gearbeitet und gelebt. Dann kam wiederum eine prägende Phase, als ich zusammen mit meinem Verlobten 2007 nach Ouagadougou in Burkina Faso ging. Diese Erfahrung hat mich für den Rest meines Lebens geprägt. Es waren sehr viele, sehr positive Erfahrungen. Damals war es das drittärmste Land der Welt, inzwischen hat sich nicht viel geändert, zum Glück hatten wir eine Phase relativer Ruhe und politischer Stabilität, von außen sind es auch keine extremistischen Übergriffe gewesen – das hat sich leider sehr geändert. Burkina Faso heißt übersetzt so viel wie das Land der integren Menschen und als solches haben wir es auch erlebt. Ich habe dort gelernt, dass Menschen einander respektieren, egal was man für eine Aufgabe im Leben hat. Mich hat auch eine religiöse Geschichte geprägt. In Burkina Faso gibt es sehr viele Moslems, einen kleinen Teil Christen und einen sehr großen Teil animalistischer und sonstiger Religionen. Alles hat friedlich miteinander gelebt. Wir haben kurz vor Weihnachten Menschen in einem sehr armen Viertel besucht, die christlichen Glaubens waren. Die erzählten uns, dass sie den Nachbarn nebenan, der muslimischen Glaubens war, gebeten hatten, das Vieh für das Festmahl zu schlachten, damit es nach seinen Glaubensregeln geschlachtet ist und sie ihn zu ihrem hohen religiösen Fest einladen können. So kann es gehen und das ist für mich eine der schönsten Weihnachtsgeschichten gewesen. Dann waren wir in Berlin und danach haben wir die Rollen getauscht – mein Mann, der mich die ganze Zeit begleitet, hat gearbeitet und eine Handelskammer in Namibia beraten, als Mitarbeiter für die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit. Da sind wir zweieinhalb Jahre geblieben, wo ich beim Auswärtigen Amt beurlaubt war, damit ich ihn begleite. Das war für mich eine besondere Erfahrung, unter ganz anderen Vorzeichen unterwegs zu sein. Danach sind wir aus privaten Gründen eine lange Phase in Deutschland gewesen, 2014 bis 2021 und jetzt dürfen wird hier sein, eine gesuchte, gewollte und wunderbare Erfahrung.

Warum haben Sie sich für eine Karriere im Auswärtigen Amt entschieden?

Da hat jeder seine eigene Geschichte, für mich waren es einfach die Sprachen. Ich war eine sprachbegabte Schülerin und da hat jemand im Bekanntenkreis meiner Mutter gefragt, ob ein Posten im Auswärtigen Amt was für mich wäre und das hat mich gereizt.

Warum haben Sie sich für diesen Posten beworben?

Ich habe mich aus zwei Gründen da beworben. Der erste Grund ist, dass es in meiner Laufbahn sehr wenige vergleichbare Posten gibt, es sind weltweit genau acht,  wo jemand im gehobenen Dienst eine Auslandsvertretung leiten darf. Mein Mann und ich haben uns dann über Land und Leute dokumentiert und uns dann dafür entschieden.

Welche Ziele haben Sie?

Ich möchte mit allen Partnern meines Amtsbezirkes gut arbeiten, in eine gute bilaterale Verständigung investieren. Zum Beispiel ist das 30-jährige Jubiläum des Deutsch-Rumänischen Freundschaftsvertrages, das wir dieses Jahr begehen können, wie ein Geschenk. Ein Geschenk, da wir noch einmal gucken können, wo wir herkommen, was wir geschafft haben, wo wir hin gehen, und das machen wir gemeinsam.

Was möchten Sie im Jubiläumsjahr organisieren?

Das ist ein bisschen schwierig, zum jetzigen Zeitpunkt darüber zu reden, weil wir aufgrund der Wahlen und der neuen Bundesregierung in einem Zustand vorläufiger Haushaltsführung sind und im Moment nicht absehen können, welche Mittel uns zugewiesen werden. Es gibt ganz tolle Ideen, wir möchten auch sehen, welche Prioritäten wir setzen wollen. Das erste, und darüber freue ich mich total, ist der Schreibwettbewerb in Zusammenarbeit mit der Hermannstädter Zeitung, den es auch in den letzten Jahren gegeben hat, zu dem schönen Thema „Was bedeutet Freundschaft für dich?”.

Welche Rolle spielt für Sie die deutsche Minderheit?

Die deutsche Minderheit ist natürlich mit ein Grund, warum ich hier bin, warum wir ein Konsulat hier haben. Es ist geschichtlich gesehen in der Entwicklung für mich ein wenig bestürzend zu sehen, dass es so eine kleine Minderheit hier geworden ist. Ich versuche mich nach und nach hineinzufühlen, was die Minderheit als Ganzes ist und wer die verschiedenen Gruppen sind, die hier sind und diejenigen, die gegangen sind. Das ist ein faszinierender  Riesenkomplex, dem ich mich mit Vorsicht annähern möchte, denn das ist eine Faktenlage und ein Gesamtkomplex, den ich nur von Außen sehen kann und ich würde mir nicht anmaßen, irgend ein Urteil zu fassen. Ich muss jetzt gerade an ein Projekt denken, dass das Radu-Stanca-Nationaltheater in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen auf die Beine stellen will. Dieses beschäftigt sich genau mit diesen Fragen, mit dem Gehen und Bleiben… Es ist ein geschichtlicher Gang, den die Minderheit genommen hat, wir sind an einem bestimmten Punkt und ich denke, ich spreche auch im Namen des Botschafters und der Botschaft wenn ich sage: Wir wollen versuchen zu begleiten, dass die deutsche Minderheit in Zukunft auch noch weiter strahlen kann, dass man den Status Quo bestimmt und dann guckt, was mit der jungen Generation passieren kann, wie das Erbe der deutschen  Minderheit in Rumänien für beide Länder zum Guten für die Zukunft werden kann. Das ist ein ungeheuer spannender Prozess, den ich beobachten und ein Stück weit begleiten darf.

Wie wurden Sie privat hier empfangen, was hat Sie hier erwartet?

Unfassbar nette Menschen… Wir hatten auch ein großes Aha-Erlebnis: Wir haben ein Haus gefunden, wo wir uns sehr wohl fühlen, mit hilfsbereiten und netten Vermietern. Wir haben einen Kamin und mein Mann hat Holz bestellt, der mit einem kleinen LKW geliefert wurde, der nicht auf den Hof fahren konnte. Er musste dann die Fuhre Holz auf der Straße abladen. Mein Mann hat mir ein Foto von sich neben einem Berg Holz geschickt, da habe ich gedacht, dass das nicht funktionieren kann. Ich habe meinem Mann getextet, dass ich versuche, etwas zu organisieren, da hat er mit geschrieben, dass alles in Ordnung war, die Nachbarn haben geholfen. Da habe ich mir überlegt, wie viele in Deutschland für ein fremdes Ehepaar, von dem man nicht viel weiß und das kaum deutsch spricht, in einem Ort herausgegangen wären und gefragt hätten, ob sie helfen können. Das wiederholt sich auch ständig. Es ist auch sehr besonders, dass man sehr viele Gespräche auf Deutsch führen kann, dass so viele junge Leute Interesse an die deutsche Sprache haben. Wir fühlen uns wunderbar aufgenommen. Es gilt natürlich, was ich beruflich und persönlich gesagt habe: Die Pandemie hat uns beschränkt, wir haben viel weniger Reisen und Ausflüge gemacht, als wir es getan hätten, wir holen aber alles nach.

Haben Sie auch ein persönliches Ziel für ihre Amtszeit hier?

Rumänien hat was den Umgang mit Haustieren angeht einen angstmachenden Ruf für tierliebende Personen. Mir war es von Anfang an klar, dass es ein Thema für mich sein wird. Wenn man mit offenen Augen durch die Stadt und die Umgebung unterwegs ist, dann ist das auch schwierig, ich gehe jetzt nicht auf Einzelschicksale ein. Ich würde sehr, sehr gerne schauen, wo ich in dieser Lage eine Änderung machen kann. Ich bilde mir in keinster Weise ein, dass die Deutschen der Weisheit letzten Schluss in  Sachen Tierschutz haben, denn ich glaube, dass die sogenannten Nutztiere in Rumänien generell ein viel besseres Leben haben, als in Deutschland. Ich werde versuchen, in den Jahren, in denen ich da bin, einen kleinen Schwerpunkt meiner Arbeit zu setzen. Ich werde schauen, wo wir hier einen Unterschied machen können. Das ist jetzt ein privatdienstliches Anliegen.

Viel Erfolg und herzlichen Dank für das Gespräch.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten, Politik.