,,Wichtig ist, wer heute da ist“

Online-Konferenz zum Thema ,,Auf dem gemeinsamen Weg“

Ausgabe Nr. 2701

László Surjan, Präsident der Charta XXI und ehemaliger Abgeordneter im Europäischen Parlament.                                           Foto: www.maszol.ro

Mitte November organisierte der Verein Charta XXI aus Budapest zusammen mit dem Verein HID – Ungarisches Kulturbüro Hermannstadt  die Online-Konferenz „Auf dem gemeinsamen Weg. Perspektiven des historischen Kompromisses in Siebenbürgen“, an der ungarische und rumänische Historiker, Politologen Vorträge hielten und die Möglichkeit hatten, sich im kollegialen Ton gegenseitig auszutauschen mit dem Ziel eines besseren Verständnisses der beiden Staaten Rumänien und Ungarn und einer Annäherung von Rumänen und Ungarn. Ähnliche Veranstaltungen wurden bereits 2017 in Arad und 2019 in Budapest veranstaltet.

 

„Begründet oder nicht, wir haben Angst voreinander. Die Rumänen  befürchten, dass die Ungarn ihr Gebiet gefährden, wir Ungarn aber davor, dass  man die ungarische Minderheit eliminieren will“, lautete es in der Einleitung von László Surjan, Präsident der Charta XXI und ehemaliger Abgeordneter im Europäischen Parlament. „Die Minderheiten sind  in keinem einzigen Programm von rumänischen Parteien zu finden. Die Rumänen können  sich dabei auf die gut oder weniger gut angewandten Minderheitengesetze und die unterzeichneten internationalen Abkommen beziehen, aber die ständigen Rechtsstreitereien, die Reibereien mit den Präfekten, die absurden Reaktionen der Zuschauer in den Stadions und die unbedachten Erklärungen einiger Politiker, ja sogar Akademiker, beweisen, dass die  Beziehung zwischen den zwei Nationen nicht in Ordnung ist, obwohl in der Bevölkerung keine großen Spannungen auftreten.“  Man stehe vor der Aufgabe, die der rumänische Historiker Lucian Boia definierte und zwar, dass beide Seiten die Kröte schlucken müssen: Die Rumänen haben kein historisches Anrecht auf Siebenbürgen und die Ungarn müssen die demografischen Fakten akzeptieren und zwar, dass es auch schon vor Trianon eine rumänische Mehrheit in Siebenbürgen gegeben hat.

Als Lösung sieht Surján, dass die Ungarn in Rumänien als ein staatstragendes Volk anerkannt werden sollten, die bereit sind, gemeinsam  mit den Rumänen das Land als gleichwertige Staatsbürger, die Anspruch darauf haben, ihre Sprache und ihre Kultur zu erhalten, aufblühen zu lassen. Dann könne auch Trianon als ein abgeschlossenes Kapitel betrachtet werden. Er erinnerte u. a. daran, dass für die in der Vergangenheit begangenen Ungerechtigkeiten keinesfalls die heute lebenden Menschen verantwortlich seien.

Weiterhin sprach der Politologe Gabriel Andreescu über Akteure, die die Feindseligkeit gegenüber Ungarn und die ungarische Minderheit fördern. Solche sind beispielsweise ehemalige Diplomaten oder ehemalige Geheimdienstoffiziere, die im öffentlichen Leben sehr aktiv  sind und die die antiungarische Tradition, die national-kommunistische Propaganda weiterführen. Genauer ging Andreescu auf das Thema Historiker und die rumänische Akademie ein. Ende der 1980-er Jahre war übrigens auch Elena Ceaușescu Akademikerin. Mitglied wurde man als Folge des politischen Statuts.

„Der institutionelle Opportunismus wurde bis heute beibehalten“, sagte Andreescu. „1991 wurde unter der Obhut der Akademie das Europäische Zentrum zum Studium von ethnischen Problemen gegründet mit dem Ziel, die kulturelle Identität der Gemeinschaften, die für Rumänien  von Interesse sind, zu fördern. An die Spitze der Einrichtung kam Radu Baltasiu und ab diesem Moment wurde der Rahmen ein antiungarischer“.

Ein größeres Aufsehen in den Medien erregte die Studie „Slăbirea comunităţii româneşti din Harghita-Covasna“ das 2001 vom  genannte Zentrum  veröffentlicht  wurde und das die ethnische ungarische Expansion in der Gegend verurteilte und sowohl Unterstützer als auch Kritiker fand. 2001 gab es nämlich auch einen Skandal im Rumänischen Parlament, der von einem Bericht des Rumänischen Nachrichtendienstes (SRI) generiert wurde. „Systematische Stellungnahmen gegenüber den Ungarn im Namen der Rumänischen Akademie wurden aber mit dem Jahr 2017 begonnen, vor der Jahrhundertfeier infolge der Initiative des Historikers Ioan Aurel Pop, der im nächsten Jahr Präsident der Rumänischen Akademie wurde“, erklärte Andreescu.

In der selben antiungarischen Zeit wurde ein anderes Institut der Rumänischen Akademie aktiv und zwar dasjenige für Politische Wissenschaften und internationale Beziehungen Ion I. C. Brătianu. In den Artikeln, unterzeichnet vom Direktor des Instituts Dan Dungaciu und in denen die unter der Obhut von LARIX,  einer jüngeren Struktur des Instituts,  erschienen sind, wo  Beiträge u. a. von Marius Diaconescu veröffentlicht werden, soll der antiungarische Aufruf erkennbar sein.

Anfang 2013 gab es im Parlament 13 Gesetzesentwürfe mit direktem oder indirektem Bezug zu den Rechten der Minderheiten. Das Hauptjahr zur legislativen Mobilisierung war das Jahr 2015. „Zehn der Initiativen beinhalteten Restriktionen was die Rechte der ungarischen Minderheit betrifft“, erklärte Andreescu. „Am 1. Februar 2017, dem Jahr in dem die Monilisierung der Akademie gegen die Ungarn erfolgt war, hatten nämlich 13 UDMR-Abgeordnete und Senatoren einen Gesetzesentwurf initiiert, in dem die Sprechenden einer regionalen Sprache oder einer Minderheit  in Spitälern und Altenheimen in der eigenen Sprache betreut werden“.

Gegnerische Stellungnamen gab es seitens der Akademie auch in Sachen Autonomiebestrebungen oder in der Festlegung des 15. März als den Tag der Ungarn in Rumänien.

In der eingeschlagenen  Richtung von Ioan-Aurel Pop, ausgehend von Artikeln über Siebenbürgen, sollen übrigens die offiziellen Thesen aus der Zeit vor 1989 erkennbar sein, als er der Leiter des  Vereins der kommunistischen Studenten an der Babeș-Bolyai Universität war. Laut eines Dokuments, das 2018 öffentlich geworden ist, soll er auch Kollaborateur der Antimigrationsbrigade gewesen sein.

„Der Faktor, der am meisten gezählt hat in der Stellung der rumänischen Akademie in dem  ungarisch-rumänischen Streit bezüglich Siebenbürgen wird von den Historikern dominiert, die dem alten Regime gedient haben“, unterstrich Andreescu. „Die Historiker hatten eine Schlüsselposition in der Promovierung des kommunistischen Regimes des Antiungarntums und Antiungarns. Die Revolution aus Rumänien weist einen außerordentliche Charakter auf, der Aufstand wurde blutig unterdrückt, wobei die Macht von den ehemaligen Leuten des Regimes ergriffen wurde. Das erklärt die Position dieser Historiker in Entscheidungspositionen oder symbolischen Positionen. Sie haben die Unterfangen zur rumänisch-ungarischen Aussöhnung sabotiert, die sich auf natürliche Weise entwickelt in der aufstrebenden Demokratie und in den umliegenden Staaten.“  Die Anstrengungen der Historiker, die von der Ideologie des ehemaligen Regimes genährt werden, sollen aber langsam umsonst werden. „Die großen Faktoren der rumänisch-ungarischen Beziehungen sind andere als die von 1990. Ich denke hier an die rumänischen Staatsbürger, die die Möglichkeit haben, die ungarische Staatsbürgeschaft zu bekommen, die Investitionen Ungarns in Siebenbürgen, die direkte Förderung, die Budapest den Ungarn in Siebenbürgen gewährt, die Verstärkung der Kontakte der Ungarn aus dem Lande zu Budapest.

Viele interessante Themen, wo Rumänen und Ungarn gemeinsame Punkte entdeckten, wurden auch in den Vorträgen der Historiker Csaba Szabó, Adrian Andrei Rusu, Ambrus Miskolczy, Béla Makkai  angesprochen, aber auch in den Grußworten des Journalisten Sabin Gherman, des  Direktors des Astra-Museums Ciprian Ștefan und des Präsidenten des siebenbürgisch-ungarischen Kulturverbandes EMKE, Péter Széman.

Ambrus Miskolczy unterstrich noch, dass in westlichen Kreisen  die dako-rumänische Kontinuitätstheorie als ein rumänisch-ungarischer Streit aufgefasst werde, dies sei aber hingegen ein internes rumänisches Problem.  „Was für eine Bedeutung hat das schon, wer zuerst da war: Wichtig ist, wer heute da ist“, schlussfolgerte László Surján.

Werner FINK

 

 

 

 

 

 

 

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