,,Ein Konglomerat unserer Erfahrungen“

Gespräch mit Thomas Perle, derzeit Dorfschreiber von Katzendorf

Ausgabe Nr. 2682

Thomas Perle.Foto: Julia GREVENKAMP

Thomas Perle, 1987 in Oberwischau/Vişeu de Sus geboren, emigrierte 1991 gemeinsam mit seiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland. Nach seinem Volontariat am Staatstheater Nürnberg studierte er Theater-, Film und Medienwissenschaften an der Universität Wien. Bekanntheit erlangte Perle mit seinem Kurzprosatext „wir gingen weil alle gingen“, für den er 2013 mit dem exil-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Sein Theaterstück „karpatenflecken“, das eigentlich im Mai am Wiener Burgtheater uraufgeführt werden sollte, erhielt den Retzhofer Dramapreis 2019.

Der HZ-Praktikant Tobias L e i s e r sprach mit Thomas Perle über dessen jüngstes Stück „Live“, das in der Regie von Bobi Pricop an der deutschen Abteilung des Radu Stanca-Nationaltheaters in Hermannstadt entstand und am 24. Juli online Premiere feiert, sowie dessen bisherige Tätigkeit als Dorfschreiber von Katzendorf.

 

Am Freitag feiert Ihr Stück „Live“ – wenn auch in diesem Jahr unter besonderen Umständen – Premiere auf der Bühne des Radu Stanca-Nationaltheaters in Hermannstadt. Wovon handelt es?

Es geht um das Leben im Onlinezeitalter, wie sich Wahrheit im Internet manifestiert, was Wahrheit sein kann und wie wir manipuliert werden können.

Die Aufführung ist in fünf Szenen unterteilt, die mitunter auch auf den Erfahrungen der Darsteller sowie aller Beteiligten beruhen. Wie viel Realität und wie viel Fiktion stecken in dem Text?

Während des sehr langen Probenprozesses haben wir viel recherchiert, und dementsprechend viel Realität aus dem Onlinemedium entnommen und das verarbeitet. Am Ende ist alles mit hineingeflossen. Wir können also gar nicht mehr sagen: Was ist Fiktion? Was ist Realität? Was ist wirklich aus dem Leben mit hineingeflossen? Es war ein kontinuierlich fließender Schaffensprozess.

Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Der gesamte Prozess hat etwa ein halbes Jahr in Anspruch genommen. Mit Vorbesprechungen und Vorarbeiten Anfang des Jahres. Anfang März wollten wir dann mit den Proben beginnen, da kam jedoch die Pandemie und der Lockdown dazwischen.

Wir mussten umdenken und haben die Proben ins Virtuelle verschoben. Wir haben Material generiert, so hat sich das Stück fortlaufend weiterentwickelt. Es ist ja nicht nur das Schreiben, sondern auch das Sammeln von Geschichten, das Ausprobieren, das Sprechen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern. Seit drei Wochen proben wir pyhsisch auf der Bühne des Theaters. Ein großer Unterschied.

Das Plakat des Stücks.

Wie entstand die Idee zu „Live“?

Es gab die Idee des Hauses, ein Stück zu dem Thema ,,Identität in der Krise“ zu machen. Dann kam die Corona-Krise und es wurde etwas ganz anderes. Das Thema Identität spielt natürlich noch eine große Rolle, aber das Stück entwickelte sich dann immer wieder in andere Richtungen. Den Umständen entsprechend wurden Ideen immer wieder abgeändert oder sogar ganz verworfen. Wir wussten ja nicht, was in der derzeitigen Lage möglich sein würde – ob wir gemeinsam auf der Bühne proben dürfen, ob wir etwas auf der Bühne zeigen dürfen.

Eine klassische Aufführung vor physisch anwesendem Publikum wird es ja tatsächlich nicht geben.

Richtig, die Aufführungen werden mit vier Kameras sowie einem Handy gefilmt und schließlich als Stream im Internet ausgestrahlt. Nichtsdestotrotz wollten wir uns aber nicht zu sehr vom klassischen Theater entfernen und bloß eine Aufzeichnung des Stücks  ausstrahlen. An allen drei Spieltagen wird „Live“ auch jedes Mal live aufgeführt. Es ist auch eine limitierte Anzahl an Plätzen auf der Bühne eingerichtet, diese werden derzeit jedoch nur hausintern besetzt sein. Sollte irgendwann ein regulärer Theaterbesuch stattfinden können, sollen Zuschauer dort Platz nehmen dürfen.

Welche Ihrer persönlichen Erfahrungen sind in das Stück mit eingeflossen?

Das gesamte Stück ist ein Konglomerat unserer aller Erfahrungen und viele haben ihre Ideen dazu beigetragen. Und so ist es eben bei einer Stückentwicklung: Man verarbeitet alles, was man kriegt, und das wurde sowohl von meinem eigenen Leben als auch von unserer besonderen Arbeitsweise geprägt. Ich saß nun in Wien, die Schauspielerinnen und Schauspieler und der Regisseur, Bobi Pricop, überall in Rumänien verstreut. Diese physische Trennung voneinander hatte natürlich auch einen massiven Einfluss auf die Entwicklung des Stückes. In der ersten Phase galt es, ganz viel Material zu sammeln, und da ist auch sehr viel aus den Biografien der Teilnehmenden mit eingeflossen. In einer Szene spielen zum Beispiel Facebook-Kommentare eine große Rolle. Da stammen viele erschreckende Zitate aus der „echten“ virtuellen Welt, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Gerade weil es eben auch um das Thema Identität geht, haben wir an unseren eigenen Biografien angesetzt, wie der einer ungarischstämmigen Schauspielerin, und eine Szene geschaffen, die echte Kommentare von Ungarn hassenden Menschen aus rumänischen Internet-Foren verarbeitet.

Besonders das Thema Identität ist in Ihren Werken oft von zentraler Bedeutung. So auch in Ihrem Stück „karpatenflecken“, das eigentlich am 15. Mai diesen Jahres am Wiener Burgtheater uraufgeführt werden sollte. Gibt es schon einen neuen Termin?

Das kann ich zurzeit noch nicht sicher sagen. Ich hoffe, dass wir die Premiere wie derzeit geplant im Dezember feiern können, jedoch müssen wir vorerst abwarten, wie sich die Lage bis dahin entwickelt.

Im vergangenen Jahr erhielten Sie den Literaturpreis „Dorfschreiber von Katzendorf“. Ein Jahr lang können Sie in den Ort zurückkehren, in der Dichterklause residieren und Eindrücke für ein neues Werk sammeln. Wie viel Zeit konnten Sie bisher in Anbetracht der Pandemie in Katzendorf verbringen?

Ich bin froh, dass ich bereits im August und im Herbst letzten Jahres etwas Zeit in Katzendorf verbringen konnte, und ich war auch im Februar und März einige Wochen vor Ort. Dann kam die Pandemie und jetzt werde ich wohl der Corona-Dorfschreiber.

Wie hat sich diese Zeit im Februar und März angefühlt?

Es herrschte eine sehr vor-apokalyptische Stimmung, eine ganz komische Aura, besonders nachdem die ersten Fälle im Nachbardorf bekannt geworden waren. Als die Bewohner sich dann Geschichten von Menschen, die sich nicht an die Quarantäne hielten, erzählten, kam natürlich auch Angst auf. Ich musste aber schließlich meine eigene Sicherheit in den Vordergrund stellen und bin zurück nach Wien gefahren, bevor die Ausreise nicht mehr möglich gewesen wäre.

Wissen Sie schon, was aus Ihren Eindrücken aus Katzendorf entstehen wird?

Nein, das habe ich noch nicht entschieden. Erste Texte über meine bisherige Zeit dort sind aber schon in den Spiegelungen, einer Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas erschienen, die vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München herausgegeben wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch und gutes Gelingen für die Premiere.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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