Ein Blick hinter das Tor in den Hof

Zu dem Buch ,,Kleine Erde, Hermannstadt“ von Susanne Thrull

Ausgabe Nr. 2667

Susanne Thrull: Kleine Erde, Hermannstadt, Schiller-Verlag Bonn-Hermannstadt, 2019, 132 Seiten, ISBN 9783946954651.

Das Buch ,,Kleine Erde, Hermannstadt – Bericht über eine Zeit, die es gegeben hat“ von Susanne Thrull, erschienen im Jahre 2019 im Schiller-Verlag Bonn-Hermannstadt, ist eine Biografie ihres Mannes Ralf Thrull, Laborarzt im Ruhestand, und seiner Familiengeschichte in Siebenbürgen. Nun im hohen Norden Deutschlands zu Hause aber tief verbunden mit seiner Heimat Hermannstadt ersucht das Ehepaar Thrull mit aufwendiger Recherche in Archiven die Familiengeschichte zusammen.

Nach Jahrzehnten der Abwesenheit erwirbt Ralf Thrull letztendlich ein Haus in derselben Straße, in der er aufwuchs. Die anschließende, umfangreiche Renovierung kostet Nerven, bereitet viel Mühe und macht ordentlich Schwierigkeiten.

Erzählt wird alles aus Sicht von Susanne Thrull, die als involvierte, aber dennoch in gewisser Weise Außenstehende, eine interessante ethnologische Perspektive der teilnehmenden Beobachtung hat und sie prädestiniert für die Rolle der Erzählerin.

Die Handlung ist dabei mehr oder weniger zeitlich chronologisch aufgebaut, wobei im ersten Teil des Buches viele Einschübe der verschiedenen Handlungsstränge einen etwas verwirren. So werden in etwas zu kurzen Kapiteln viele Ereignisse angeleuchtet aber nicht zu Ende geführt, man hat das Gefühl es springt ein wenig hin und her, ohne so richtig irgendwo Halt zu fassen.

Die Ereignisse und Aktivitäten, wie das Durchkramen der Archive sind teilweise sehr lebhaft dargestellt, die vielen Details helfen hierbei den vielen Aufwand, die Akribie und auch die Frustration nachzuempfinden.

Dies ist allerdings Fluch und Segen zugleich. Denn gerade die Detailversessenheit hindert ein wenig, Spannung zu erzeugen und dauerhafte Aufmerksamkeit herbeizuführen. Besonders deutlich wird dies bei der Recherche der Familiengeschichte.

Tritt schon bei der Beschreibung der Stadterkundung in der Vorbereitung der Gruppenreise durch zu viele Ortsnennungen, Straßennamen und Beschreibungen ein wenig Langeweile beim Leser ein, so setzt die Erläuterung der Verwandtschaftsbeziehungen mit ihren Namensdoppelungen und die auf den ersten Blick undurchsichtigen Verbindungen der Erschöpfung die Krone auf.

Es handelt sich aber ja schließlich auch nicht um einen Roman, die Absicht der Unterhaltung und Spannungserzeugung sind nur teilweise gegeben. Ernüchternd ist, dass wenn ein Spannungsbogen aufgebaut wird, er leider ein jähes Ende findet, was nur bedingt am Ausgang des Ereignisses liegt.

Obwohl es also eher ein Buch ist, welches einer Nische entspricht, dürfte es von allgemeinem Interesse sein.

Sehr informativ sind die gut recherchierten historischen Ereignisse, gerade für Jemanden, der noch nicht allzu ausführlich mit der Geschichte der Siebenbürger Sachsen vertraut ist.

Auch bekommt man einen guten kulturellen Einblick, sowohl in die Vergangenheit, die ausführlich beleuchtet wird, aber auch in die Gegenwart. Die Beschreibungen des Essens lassen einem den Speichel in den Mund fließen, die Kuriositäten in der Bürokratie, die Schwierigkeiten auf der Baustelle und die Missgeschicke und Erlebnisse aus Ralf Thrulls Kindheit in Hermannstadt und Umgebung geben einen guten Eindruck, wie das Leben damals wohl gewesen sein muss, und welchen Strapazen man allgegenwärtig noch begegnet. Bespickt mit lustigen Zufällen, ständig neuen Wendungen und Erkenntnissen, fühlt man eine Art Verbundenheit. Für viele Siebenbürger Sachsen sicherlich auch in den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte, wie das Aufkommen des Kommunismus, die Flucht aus der Heimat, die ständige Angst und Sorge.

Das doch teilweise zähe Durchkämmen zu Beginn, lohnt sich also allemal, denn mit Anfang der Kinderzeit in Siebenbürgen legt man das Buch ungern zur Seite und ist fast ein wenig enttäuscht, dass nach 102 Seiten dann das Ende doch ein wenig abrupt kommt.

Der Reisebericht im Anhang ist ein wenig unglücklich dort platziert und gleichzeitig auch schon wieder passend. Auch hier werden keine Details ausgespart.

Der Hamburger Ärztin Susanne Thrull ist ein lesenswertes Buch gelungen, welches in erster Linie die Genealogie ihres Mannes, Ralf Thrull, beleuchtet und die mühevolle Zeit auf der Baustelle.

Im Grunde genommen ist es eigentlich viel mehr: Und zwar ein Buch über Herkunft und Sehnsucht, über die Suche nach etwas, das tief in jeder und jedem von uns drin sitzt, über den Willen, etwas Unvollendetes zu richten.

Oder, wie Susanne Thrull das sehr gut auf den Punkt gebracht hat, eine Geschichte über „das Wiederherstellen einer Welt, die es gegeben hatte und die es gegeben hätte, wenn nicht Verschiedenes dazwischengekommen wäre. Es war der Versuch, eine wiedergefundene Identität zu gestalten“.

Niels STERN

 

 

 

 

 

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