Erfolgsautor, Weltreisender und Schatzsucher

Zum 125. Todestag von Robert Louis Stevenson (13. Nov. 1850 – 3. Dez. 1894)

Ausgabe Nr. 2649

 

Robert Louis Stevenson.Foto: © National PortraitGallery, London

,,Dieser Stevenson ist ein ganz und gar großer Schriftsteller, ich versichere Ihnen, Monsieur Goncourt, ein sehr großer, den größten ebenbürtig.“ So urteilte Marcel Proust über den Schotten Robert Louis Stevenson, der – erst 44jährig – auf der Südseeinsel Ulopu (Samoa) starb. Den meisten ist er nur als Autor des berühmten Romans „Die Schatzinsel“ bekannt, der oft in einer gekürzten Jugendbuch-Fassung gelesen wird. Deutsche Neuübersetzungen erschienen in den letzten Jahren vor allem im Manesse-  und im mareverlag.

 

Nicht allein Proust bewunderte Stevenson, er wird häufig mit anderen „Abenteuer-Schriftstellern“ wie Joseph Conrad, Arthur Conan Doyle, B. Traven, Rudyard Kipling und Jack London verglichen, deren Wertschätzung bis heute anhält. Manche sehen in Walter Scott (ebenfalls Schotte), Alexandre Dumas dem Älteren („Der Graf von Monte Christo“) und in Charles Dickens („Oliver Twist“) seine Vorbilder. – Stevenson selbst glaubte nicht an ein bleibendes Interesse an seinen Werken, als er kurz vor seinem Tod meinte, dass sein Nachruhm kaum vier Jahre überdauern werde.

Als einziges Kind des Leuchtturm-Ingenieurs Thomas Stevenson und dessen Gattin Margaret in der schottischen Hauptstadt Edinburgh geboren, kränkelt Robert Louis von Geburt an. Die Hoffnung des Vaters, den Sohn in seine beruflichen Fußstapfen treten zu sehen, erfüllt sich nicht. Er beugt sich zwar dem Willen des Vaters, den „Brotberuf“ des Juristen zu ergreifen, wird jedoch nie einer juristischen Tätigkeit nachgehen.

Schon 13-jährig bereist er mit seinen Eltern Frankreich, Italien und Deutschland, wo er  in Bad Homburg für vier Wochen zur Kur weilt. In den kommenden Jahren hält er sich aus gesundheitlichen Gründen mehrfach an der Cote d’Azur auf. Dort verliebt er sich 1876 in die wesentlich ältere, unglücklich verheiratete Amerikanerin Fanny Osbourne (1840-1914). Zwei Jahre später trifft er sie erneut; sie erwidert seine Zuneigung und fährt  nach Amerika, um sich von ihrem Mann scheiden zu lassen.

In diesem Jahr erscheint ein erstes wichtiges Buch von Stevenson, die „Reise mit dem Esel durch die Cevennen“, einem Gebirgszug im Südosten Frankreichs. 1879 schifft er sich nach New York ein, um Fanny in Kalifornien zu besuchen und sie zu heiraten. Die Überfahrt auf dem Auswandererschiff macht den in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsenen jungen Mann mit der Not der Zwischendeckpassagiere bekannt. Er wird sie in einem Reisebericht festhalten, dessen Veröffentlichung seine Eltern verhindern und der erst nach Stevensons Tod erscheinen kann (auf Deutsch 2005 mit dem Titel „Emigrant aus Leidenschaft“ publiziert).

Mit dem Zug reist er – gesundheitlich angeschlagen –  über Chicago nach San Francisco weiter, wo die Ehe mit Fanny geschlossen wird. Seine Eltern, anfangs strikt gegen diese Verbindung, beugen sich den Tatsachen und unterstützen schließlich den Sohn finanziell.

Nach der Rückkehr der Eheleute nach Schottland verfasst Stevenson die ersten Kapitel seines ersten Erfolgsromans „Die Schatzinsel“, der 1883 erscheint. Das Motiv zum abenteuerlichen Stoff entsteht beim Zeichnen einer Schatzkarte für den 15jährigen Lloyd, seinen Stiefsohn, dem das Buch gewidmet ist. Die Geschichte vom gleichaltrigen Jim Hawkins und dessen Begegnung mit dem ehemaligen Piraten, dem einbeinigen Long John Silver, fasziniert bis heute und hatte eine Kette von Nachahmungen und Verfilmungen zur Folge. Zahlreiche Schatzsucher und Autoren machten sich auf die Suche nach der „echten“ Schatzinsel, die teilweise bis in unsere Tage anhält (z.B. im Pseudo-Sachbuch von 2005 „Reisen im Licht der Sterne. Eine Vermutung“ des Schweizers Alex Capus, der die These vertritt, dass Stevenson tatsächlich einen Schatz auf der Kokosinsel Tafahi entdeckt und während des fünfjährigen Lebens mit seiner Familie auf Samoa ausgebeutet habe). –

Schon drei Jahre später erscheinen zwei Bücher, die Stevensons Ruhm mehren und festigen:

Die Erzählung „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und der Roman „Entführt“   (Kidnapped, 1886).

Die Figuren Dr. Jekyll und Mr. Hyde versinnbildlichen selbst heute noch das Doppelgänger-Motiv bzw. die Persönlichkeitsspaltung eines Menschen. Der angesehene Dr. Jekyll führt tagsüber ein moralisch tadelloses Leben, während sein zweites Ich nachts – z. T. unter Drogeneinfluss –  verbotenen Trieben frönt und sogar einen Mord begeht. Stevenson greift hier ein beliebtes Motiv der Romantik auf, das z.B. schon von E.T.A. Hoffmann (in „Die Elixiere des Teufels“ und „Der Sandmann“) verwendet wurde. Neuere Deutungen dieser Erzählung weisen auf Erkenntnisse von Freuds Psychoanalyse hin oder führen als Ursache für das Doppelleben des Dr. Jekyll auf die prüden Moralvorstellungen des Viktorianischen Zeitalters zurück (1837-1901).

Der zuerst in einer Jugendzeitschrift erschienene Fortsetzungsroman „Entführt“ spielt im 18. Jh. in Schottland. Erzählt werden die Abenteuer des 16-jährigen adligen David Balfour, der von einem schurkischen Onkel um sein Erbe gebracht werden soll. Zwar findet die Handlung ein vorläufiges Happy End, doch kündigt ein angeblicher Herausgeber am Schluss an, dass es eine Fortsetzung geben werde, falls das Buch dem Publikum gefalle. Diese lieferte Stevenson mit dem Roman „Catriona“ (1892/93) nach, als er schon auf Samoa lebte.

Daran lässt sich ablesen, dass der Autor das Verlangen der Leser und die Forderungen des Buchhandels sehr geschickt nutzte, um seinen schriftstellerischen und finanziellen Erfolg zu steigern. Die meisten seiner Bücher spielen im Heimatland Schottland, einige in der Südsee. Er verbindet gekonnt historische und landschaftliche Motive mit abenteuerlichen Handlungen.

Stevensons eigenes Leben und das seiner Frau Mary gestaltet sich ebenfalls abenteuerlich: Kurz nach dem Tod des Vaters (1887) verlassen sie Schottland für immer. Nach Aufenthalten in Frankreich und den USA erhält er von seinem Verleger den Auftrag, ein Südseereisebuch zu verfassen. 1888 sticht die Familie mit dem gecharterten Schoner „Casco“ Richtung Tahiti in See. Nach einer längeren Zwischenstation in Honolulu lassen sie sich auf Samoa nieder, wo Stevenson das Gut Vailima bei Apia erwirbt und 1890 ein neu erbautes Farmhaus bezieht. Dem lungenkranken Erfolgsautor bleiben noch knapp vier Lebensjahre, die er mit Südseereisen, schriftstellerischer Tätigkeit (z.T. mit seinem Stiefsohn Lloyd verfasste Romane), aber auch mit politischem Engagement in der samoanischen Politik verbringt. Sein Ansehen bei den Einheimischen steigt, da er sich für deren Belange gegen die Kolonialmächte Frankreich und Deutschland einsetzt (die sogar seine „Ausschaltung“ erwägen). Die Häuptlinge beraten sich oft mit dem geschätzten „Tusitala“ (= Geschichtenerzähler). –

Seine letzten beiden Romane bleiben unvollendet. Sie spielen erneut im geliebten Schottland, das wegen seines rauen Klimas für Stevenson physisch unerträglich geworden war. Aber auch hier lauern gesundheitliche Gefahren: Matrosen hatten die Grippe eingeschleppt, an der auch viele Samoaner starben. Der Arzt verbietet dem Kranken das Sprechen, weil er Blut spuckt. Er erlernt von der Stieftochter Belle das Taubstummenalphabet und diktiert ihr den Roman „St. Ives“, der die Abenteuer des gleichnamigen französischen Adligen erzählt, der vor der Niederlage Napoleons aus der schottischen Kriegsgefangenschaft ausbricht, gegen einen spionierenden Cousin sein Erbe durchsetzen und das geliebte englische Mädchen für sich gewinnen will. Der spannende Roman gilt zwar nicht als überragend, wurde aber drei Jahre nach seinem Tod aus dem Nachlass von einem jungen britischen Autor mit sechs Kapiteln nach Stevensons Notizen ergänzt (deutsche Erstausgabe in einer glänzenden Übersetzung von Andreas Nohl 2011 bei Hanser).

R. L. Stevenson erleidet am 3. Dez. 1894 einen Hirnschlag. Sein Leichnam wird von den Samoanern auf dem Gipfel des Mount Vaea bestattet – gemäß einem früher von ihm geäußerten Wunsch. Der wuchtige Grabstein trägt die Inschrift:

„Unter dem weiten von Sternen übersäten Himmel / Schaufelt mein Grab und bettet mich zur Ruh / Glücklich lebte ich und glücklich starb ich /…/ Zurück ist der Seemann von der See …“

Konrad WELLMANN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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