,,Eine zuversichtliche Gemeinschaft“

Tagung zum 50. Gründungsjubiläum der Germanistik in Hermannstadt

Ausgabe Nr.2647

Gruppenbild mit  teilnehmenden Germanisten und Germanistinnen sowie Lehrerinnen und Lehrern vor dem Gebäude der Fakultät für Philologie und Bühnenkünste der Lucian Blaga-Universität.
Foto: Beatrice UNGAR

,,In seinen Anfängen war der Hermannstädter Lehrstuhl für Germanistik somit und zunächst nur ein Potential an Lehre und Forschung, nicht mehr, jedoch eine  –  nach ihrem Sinn und Seinsauftrag  – zuversichtliche Gemeinschaft von Lehrenden, die der germanistischen Tradition in diesem Raum viel zu verdanken hatte. Seine Gründung im Jahre 1969 fiel allerdings in eine Phase der bildungspolitischen Entwicklung, in der mehr Raum entstanden war für die ethnisch geprägte Eigenentfaltung. Und eine seiner vorgegebenen Auftragsaufgaben lag darin, gemeinsam mit den anderen Fachbereichen der neu gegründeten Hermannstädter Fakultät für Philologie und Geschichte unter den grundlegenden Veränderungen der Zeit einen kulturellen und geistigen Mittelpunkt von hoher gesellschaftlicher Relevanz zu bilden.“ Diese Worte von Prof. Dr. Gerhard Konnerth, gelten immer noch: Auch heute bilden die Hermannstädter Germanisten eine zuversichtliche Gemeinschaft allerdings viel besser und vor allem freier international vernetzt.

 

Prof. Dr. Maria Sass (am Rednerpult) moderierte als Initiatorin und Koordinatorin der Tagung die Eröffnungsveranstaltung am Freitagvormittag. Grußworte sprachen (v. l. n. r.) Prof. Dr. Zeno-Karl Pinter, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt, Dr. Ovidiu Matiu, Leiter des Departements für anglo-amerikanische und germanistische Studien, Prof. Dr. Andrei Terian, Dekan der Fakultät für Philologie und Bühnenkünste und Prof. Dr. Claudiu Kifor, Prorektor für Forschung, Entwicklung und Doktorat der Lucian Blaga-Universität.
Foto: Beatrice UNGAR

Davon zeugte die aus Anlass des 50. Gründungstages des Hermannstädter Lehrstuhls für Germanistik in Hermannstadt veranstaltete internationale Jubiläumstagung, bei der unter dem Titel ,,Literatur und Sprache im südorsteuropäischen Raum“ vom 24. bis 26. Oktoebr an der Fakultät für Philologie und Bühnenkünste der Lucian Blaga-Universität Germanisten und Germanistinnen aus verschiedenen Ländern teilgenommen haben.

Bevor wir auf die Tagung eingehen, blättern wir kurz in dem Archiv der Hermannstädter Zeitung und werden fündig. In der Ausgabe Nr. 79 vom 11. Juli 1969 schreibt Manfred Huber unter dem Titel ,,Geburtsstunde einer Fakultät/In Klausenburg bei künftigen Hermannstäder Studenten notiert“ u. a.: ,,Universitätsstadt Klausenburg, Dienstag, 7 Uhr. Ein Strom junger Passanten eilt die Napoca- und Horea-Strasse hinunter. Die müdlichen Prüfungen beginnen in einer Stunde. Auf den Gängen der Philologie-und Geschichtefakultät drängen sich die Kandidaten. Das Dekanat ist überfordert, die Professoren sind in Senatssitzungen, der Rektor der Universität hat nicht einmal für die Presse Zeit. Der ganze Universitätsbetrieb läuft auf Hochtouren. Und in dieser vibrierenden Atmposhäre wird hier, in der Klausenburger Alma Mater, die Hermannstädter Fakultät geboren.“

Die Lesung am Freitagabend moderierte Prof. h. c. Dr. Dr. h. c. Stefan Sienerth (am Rednerpult). Es lasen die Autoren: Hellmut Seiler (2. v. l.), Joachim Wittstock (3. v. l.) und Radu Vancu (4. v. l.). Letzterem stand Nora Căpățână (1. v. l.) als Übersetzerin zur Seite.        
Foto: Beatrice UNGAR

Michael Markel, damals Assistent an dem Klausenburger Germanistiklehrstuhl, zählte für die damaligen HZ-Leserinnen und -Leser einige Vorteile auf, die sich aus der Gründung der neuen Universität ergeben: „Erstens wird Klausenburg notwendigerweise entlastet, zweitens kann der Bedarf der Schulen an Absolventen der Germanistik (beispielsweise in der Agnethler Gegend) in Zukunft besser gedeckt werden und ausserdem werden die Studenten in Hermannstadt die Möglichkeit haben, leichter die deutsche Umgangssprache zu lernen.“

Im Rückblick stellte Prof. Dr. Konnerth in seinem Vortrag am 25. Oktober d. J. in der Aula der Lucian Blaga-Universität fest: ,,Als Abteilung der Klausenburger Babeș-Bolyai-Universität im Juni 1969 gegründet, nahm die Hermannstädter Fakultät für Philologie und Geschichte am 15. September 1969 die Ausbildung von Germanistikstudenten, im Gründungsjahr nur in den Studiengängen Deutsch-Englisch und Deutsch-Rumänisch, mit zunächst 20, später dann mit 30 Studienplätzen auf. Im Herbst 1972 erweiterte sie ihre Fächerkombinationen um die Studiengänge Geschichte-Deutsch und Geschichte-Englisch (insgesamt 25 Studienplätze), und ab dem Wintersemester 1973/1974 bot sie mit den Fächerkombinationen Englisch-Deutsch und Englisch-Rumänisch (insgesamt 30 Studienplätze) weitere Ausbildungsmöglichkeiten an. Nachdem durch das Dekret Nr. 147 vom 5. Juni 1974 die Zugehörigkeit zur Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg/Cluj-Napoca bestätigt worden war, entließ das Dekret Nr. 203 vom 30. Juni 1976, mit der Gründung des Hochschulinstituts Sibiu/Hermannstadt (Institutul de Învățământ Superior Sibiu), zu dem noch eine Fakultät für Maschinenbau und eine für Wirtschafts- und Verwaltungsrecht gehörte, die Fakultät für Philologie und Geschichte in die damalige akademische Freiheit, die sie nur acht Jahre später die Existenz kosten sollte. Denn die Fakultät für Philologie und Geschichte, mit den nun gut ausgebauten Lehrstühlen für die Fachbereiche Germanistik, Anglistik, Romanistik und Geschichte fiel, bei stetig sinkender Studienplätzezahl  – so an der Germanistischen Abteilung, vor deren Auflösung im Jahre 1987, zunächst auf 20 Plätze  – den damaligen, in allen Bereichen der Wirtschaft, Bildung und Kultur weitestwirkenden Rationalisierungsstrategien zum Opfer und wurde durch das Dekret Nr. 213 vom 23. Juni 1984 dem territorial nächstgelegenen Polytechnischen Institut administrativ angeschlossen. Dieses war für das Hochschulinstitut Sibiu/Hermannstadt das damalige Polytechnische Institut Klausenburg (Institutul Politehnic Cluj-Napoca), das damit zu seinen Diplom-Abschlüssen auch Absolventen der Fachbereiche Germanistik als Erstfach und Romanistik oder Anglistik als Zweitfächer zählen durfte.

Die von Eugen Christ, Geschäftsführer der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden Württemberg – die ein wichtiger Förderer der Tagung war – initiierte Zukunftwerkstatt Deutsch ,,Lehrerfortbildung in Rumänien – wohin?“am Samstagvormittag moderierte der Hermannstädter Chemielehrer Gerold Hermann (2. v. l.)
Foto: Beatrice UNGAR

Erst das vom 1990 ernannten Ministerpräsidenten Petre Roman gezeichnete Regierungsdekret Nr. 225/1990 erfüllte den alten Traum der Hermannstädter von der eigenen Universität.“

Den Rückblick ergänzte Dr. Sunhild Galter mit einem Bericht über den Ist-Zustand der Germanistik, die seit 2013 als Studiengang innerhalb des Departements für anglo-amerikanische und germanistische Studien der Fakultät für Philologie und Bühnenkünste fungiert. Ihr Fazit lautete: ,,Zur Zeit gehören dem Germanistenteam an der Lucian Blaga-Universität zehn fest angestellte Lehrkräfte an, dazu unterrichten hier noch eine DAAD-Lektorin, ein Kollege mit Zeitvertrag, eine externe Lehrkraft und zwei Doktorandinnen. (…) Die in den letzten 20 Jahren dramatisch gesunkenen Schülerzahlen brachten auch unseren Fachbereich zeitweilig in Bedrängnis, aber nun scheint es wieder bergauf zu gehen und wir sind zuversichtlich dass an dieser Stelle im Jahre 2069 auch das 100jährige Bestehen gefeiert werden kann!

Stefan Sienerth präsentierte in seinem Vortrag im Plenum zwei Neuerscheinungen: Zunächst den von ihm und Doris Sava herausgegebenen Band ,,Literaturgeschichte und Interkulturalität. Festschrift für Maria Sass“, in dem aus Anlass des doppelten Geburtstages – 50 Jahre Germanistik in Hermannstadt und 60. Geburtstag von Maria Sass, der langjährigen Leiterin dieses Lehrstuhls, – literaturhistorisch, kulturwissenschaftlich und interdisziplinär ausgerichtete Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven die Geschichte und Dokumentation der rumäniendeutschen und deutschen (Gegenwarts-)Literatur aufgreifen, sowie das Buch „Rumäniendeutsche Seinszusammenhänge und weitläufigere Bezüge. Literarische Kommunikation in der deutschsprachigen Literatur Rumäniens – das Fallbeispiel Joachim Wittstock“, herausgegeben von Maria Sass, Olivia Spiridon und Stefan Sienerth ebenfalls im Peter Lang-Verlag erscheinen wird.

Weitere Vorträge im Plenum präsentierten Dr. Eugen Christ, Geschäftsführer der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden Württemberg, der eine provozierende ,,Versuchung eines Ausblicks“ auf die Zukunft der Germanistik in den Raum stellte, Dr. Anneli-Ute Gabanyi zur Zeitspanne 1940-1948, als die Klausenburger Universität in Hermannstadt Zuflucht gefunden hatte, und Dr. Olivia Spiridon zur literarischen Darstellung der unteren Donau.

Die bei der Tagung präsentierten Vorträge und Referate werden laut Koordinatorin Prof. Dr. Maria Sass  in einem Sammelband der von dem Hermannstädter Germanistik-Studiengang herausgegebenen Reihe ,,Germanistische Beiträge“ veröffentlicht werden, der voraussichtlich im ersten Halbjahr des Jahres 2020  erscheinen wird.

Beatrice UNGAR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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