„…mit Recht eine musikalische Stadt”

180 Jahre Hermannstädter Musikverein, 70 Jahre Hermannstädter Staatsphilharmonie

Ausgabe Nr. 2610

Postkarte von 1900 mit Blick auf das Musikvereins-Gebäude (heute Hermania-Restaurant) auf der Kleinen Erde (heute Str. Filarmonicii).

„Hermannstadt kann man mit Recht eine musikalische Stadt nennen, denn in jedem Hause ist gewiss jemand, der wenigstens ein Instrument zu spielen weiß“, schrieb 1828 ein Wiener Schriftsteller über die Pflege der Hausmusik. Elf Jahre danach, am 20. Januar 1839, findet die Gründungsversammlung des Hermannstädter Musikvereins – übrigens der erste überhaupt in Hermannstadt gegründete Verein – statt, 121 Jahre danach, am 1. Januar 1949, wird die Hermannstädter Staatsphilharmonie gegründet. In diesem Jahr dürfen sich die Hermannstädter Musikliebhaber auf zwei Jubiläen freuen: 180 Jahre seit der Gründung des Hermannstädter Musikvereins und 70 Jahre seit der Gründung der aus dem 1935 aufgelösten und 1943 neu gegründeten städtischen philharmonischen Orchester hervorgegangenen Hermannstädter Staatsphilharmonie. Aus diesem Anlass drucken wir in der neuen Rechtschreibung Auszüge aus einem Beitrag des letzten Vorsitzenden des Hermannstädter Musikvereins, dem langjährigen Professor und Direktor am Landeskirchlichen Lehrerseminar Dr. Hans Tobie, ab, der in der Hermannstädter ZeitungNr. 53 vom 24. Januar 1969 veröffentlicht worden ist.

 

Schon 1787 baute Martin Hochmeister ein eigenes Theater – noch vor Prag, Graz und Budapest! – und die wandernden Schauspiel- und Operngesellschaften konnten ihre Aufführungen nun aus den Bretterbuden, über die Harald Krasser in Nr. 50 der HZ berichtet hat, in das Stadttheater verlegen, wo schon 1788 über 130 Theater- und Opernaufführungen stattfanden, die zum größeren Teil Repertoirestücke des Wiener Nationaltheaters waren. Allerdings entsprachen sowohl Orchester als auch Dekorationen und Kostüme den von größeren Opern gestellten Anforderungen nur in geringem Maße.

In diesem Haus, später Sitz der Hermannstädter Allgemeinen Sparkasse, fand die Gründungssitzung des Musikvereins statt.     
Foto: Fred NUSS

Die (…) Musikfreunde trafen sich dann öfters zu Proben, und schon 1832 gründete der städtische Thurnermeister“ Anton Erter eine höhere Musikschule“. Zwei Jahre später, also 1834, wird in Hermannstadt von diesen Musikfreunden, die wöchentlich einmal in der Sporergasse in der Wohnung Friedrichs von Huttern unter Musikdirektor Karl von Baussnern, dem Vater des bekannten Komponisten Waldemar von Baussnern, probten, die Gründung eines Vereins zur Pflege edler Musik erwogen und am 8. Oktober 1838 auch beschlossen. Das Hermannstädter Publikum beginnt sich nun so sehr dafür zu interessieren, dass bald 223 Mitglieder, 76 ausübende und 147 unterstützende, vorhanden sind. Am 20. Januar 1839 findet im Sonnenstein’schen Haus (Ecke Großer Ring-Heltauergasse) die constituierende Generalversammlung“ statt, wo Vereinsdirektor Wilhelm Konrad die Eröffnungsrede hält. Der Verfasser dieser Zeilen fand sie vor 30 Jahren zufällig auf dem Aufboden des 1877 erbauten Musikvereinshauses auf der Kleinen Erde (…) mit vielen anderen Dokumenten und las sie als letzter Präsident des Vereines am 20. Januar 1939, dem 100. Jahrestag, in der Musikalischen Gedenkstunde der Vereinsgründung“ aus der Handschrift vor. Darin heißt es:Die Tonkunst hat in Hermannstadt stets viele Verehrer gehabt. Wer erinnert sich nicht auch jetzt mit Vergnügen der Zeiten, wo unter der Leitung eines Strauss die deutsche Oper und der von Caudela und Rengelrod die Oratorien und Kirchenmusik auf einer so hohen Stufe standen, dass Hermannstadt in musikalischer Hinsicht alle österreichischen Provinzstädtchen sich wohl würdig anschließen konnte… Der Kunstsinn soll geweckt, das Gefühl geläutert und die geistige Vervollkommung gefördert werden, – vor allem auch bei der Jugend!“

Deshalb werden die schon bestehenden Elementarschulen für Gesang zu einer Musikschule ausgebaut, zu der 1840 eine höhere Gesangschule für Sologesang, 1841 eine Harmonie- und Blasinstrumentenschule und 1842 eine Violinschule hinzukommen. Am 11. September 1839 findet schon die erste Chorschulprüfung statt, in jedem Jahr etwa 8-9 Vereinskonzerte mit 6-8 Programmpunkten mit Orchester und Solisten. (…)

Dr. Hans Tobie (1892-1985)
Foto: Horst BUCHFELNER

Welch demokratischer Geist diese Vereinsgründung beherrscht hat, wird deutlich, wenn man das noch vorhandene Verzeichnis der mit Ende des Jahres 1840 bestehenden Mitglieder des Hermannstädter Musik-Vereins“ durchsieht. Da finden sich unter den schon 476 Mitgliedern – 130 ausübende, 337 Ehrenmitglieder (unterstützende) und 9 auswärtige Ehrenmitglieder – neben hohen Würdenträgern Studenten, Schulmeister, Töpfer und Seifensieder, Barbiere und Buchdrucker, Kürschner und Lederer, Schlosser und Spengler, Tischler und Schuster, und unter den Auswärtigen Ehrenmitgliedern“ unser Wunderkind Filtsch Carl, Tonkünstler in Wien“ und dessen BruderJoseph. k. Hof Concepts Pract. in Wien“. (…)

Von diesem Hermannstädter Musikverein waren als erstem in Siebenbürgen seit 1839-1848 und dann nach einer durch die Revolutionsereignisse von 1848/1849 bedingten stilleren Zeit – von 1860 an unzählige und vielgestaltige Impulse ausgegangen: In jeder größeren und kleineren Stadt des sächsischen Siedlungsgebietes (Hermannstadt, Kronstadt, Schäßburg, Mediasch, Bistritz, Mühlbach, Broos, Regen, Reps, Agnetheln, Großschenk, Heltau usw.) wurde ein Musikverein, eine Liedertafel, ein Liederkranz oder ein Chor gegründet, die dann vielfach ihrerseits unter hervorragenden strebsamen Dirigenten ein intensives musikalisches Leben entwickelten und selbst große und größte Chor- und Orchesterwerke sowie Opern und Singspiele aufführten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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