„Wir sind für die Menschen da”

Gespräch mit Hans-Georg Junesch, dem Dechanten des Kirchenbezirks Hermannstadt

Ausgabe Nr. 2602

Dechant Hans-Georg Junesch.                               
Foto: Cynthia PINTER

Hans-Georg Junesch ist der neue Dechant des Kirchenbezirks Hermannstadt der Evangelischen Kirche A. B. . Am Samstag, dem 20. Oktober, wurde er im Rahmen eines Gottesdienstes in der Hermannstädter Johanniskirche von Bischof Reinhart Guib eingesegnet. Er ist Pfarrer, Religionslehrer und Vorstandsmitglied im Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt. Über seinen beruflichen Werdegang und die Ziele, die er sich in seinem Mandat als Dechant vorgenommen hat, sprach Hans-Georg Junesch mit der HZ-Redakteurin Cynthia P i n t e r.

 

Stellen Sie sich bitte kurz für unsere Leser/innen vor.

Ich sag immer, ich bin ein siebenbürgisch-sächsischer Zigeuner. Mein Vater war nämlich Pfarrer und da er während meiner Zeit im Elternhaus mehrmals die Stelle gewechselt hat, sind wir öfter umgezogen. Seine erste Stelle war in Lugosch, wo ich auch 1970 geboren wurde. Als ich ein Jahr alt war, zogen wir nach Girelsau/Bradu um, wo ich meine Kindheit verbracht habe und wo meine drei Schwestern geboren wurden. Meine Schulzeit war genauso wechselhaft: Die Grundschule besuchte ich in Girelsau, 5. und 6. Klasse absolvierte ich in Hermannstadt, 7. und 8. Klasse beendete ich in Viktoriastadt, dann folgten die Lyzeumsjahre an der Brukenthalschule, als ich im Quartier genau in dem Haus gewohnt habe, wo der jetzige Sitz der HermannstädterZeitungist, bloß ein Stockwerk höher. Den Wehrdienst habe ich zufällig wieder in Lugosch geleistet.

Wie sehr hat Ihre Kindheit als Pfarrerssohn Ihren Werdegang beeinflusst? Wollten Sie schon immer Pfarrer sein?

Der Beruf war mir auf jeden Fall vertraut. Ich hab schon in meiner frühen Kindheit darüber bewusst nachgedacht, ob ich auch Pfarrer werden möchte, weil mich alle Kinder als Pfarrerssohn gehänselt haben. Also wollte ich als Kind auf keinen Fall Pfarrer werden. Mit der Zeit bin ich aber doch in die Fußstapfen meines Vaters hineingewachsen. Wichtig für meine spätere Berufswahl war auch meine Mitgliedschaft in der von dem damaligen Stadtpfarrer Wolfgang Rehner geführten Jugendgruppe in Hermannstadt. Ich nahm wöchentlich an Jugendstunden im Pfarramt teil, wo uns Theologiestudenten über die Bibel erzählten. Es gab auch Ausflüge und Ferienlager. In der 12. Klasse, als ich mich für eine Studienrichtung entscheiden musste, war mir sofort klar, dass ich nicht auf Rumänisch studieren wollte. Mit drei anderen Klassenkollegen entschloss ich mich für das Theologiestudium. Wir waren 12 Theologiestudenten in meinem Jahrgang, davon zwei Frauen.

Welche Pfarrgemeinden haben Sie bisher betreut?

Das Vikariat habe ich in Karlsburg unter der Obhut von Pfarrer Gerhard Wagner abgeschlossen. Schon während des Studiums habe ich Religionsunterricht gegeben, zuerst an der Schule Nr. 6 und seit zehn Jahren an der Brukenthalschule.

Meine erste Pfarrstelle war in Broos, wo ich von Bischof Christoph Klein ordiniert wurde und knapp fünf Jahre lang mein Zuhause hatte. Unter meiner Betreuung waren etwa 500 Gemeindemitglieder, 13 Ortschaften und acht Predigtstellen. 2003 bin ich nach Hermannstadt gekommen auf die zweite Pfarrstelle im Hippodrom-Viertel, in der ehemaligen Michael Weiß-Straße, in ein Pfarrhaus mit einem Gemeinderaum, das die Kirchengemeinde 1980 gekauft hat. Es war damals wichtig einen Pfarrer für die Wohnblockviertel zu delegieren. Heute kommen nur noch wenige Gemeindeglieder in den Gemeinderaum. Als ich die Pfarrstelle übernahm, kamen etwa 30 Leute in den Gottesdienst, jetzt sind es etwa zehn. Die jüngeren Leute ziehen es vor, in die Stadtpfarrkirche bzw. zur Zeit in die Johanniskirche zu gehen.

Wie lange geht Ihr Mandat als Dechant des Kirchenbezirks Hermannstadt?

Mein Mandat geht vier Jahre lang, was ziemlich kurz ist. In anderen Landeskirchen, in Deutschland oder Österreich dauert ein Mandat mindestens sechs Jahre und ist zum Teil verbunden mit einer eigenen Stelle. Bei uns ist das so, dass der Dechant eigentlich weiter Pfarrer in seiner Gemeinde bleibt und das Dekanat als zusätzliche Aufgabe übernimmt. Der Dechant wird von der Bezirkskirchenversammlung gewählt.

Welche sind die Aufgaben eines Dechanten?

Früher, bis vor 30 Jahren, hatte der Bezirk bloß eine Funktion der Supervision. Es gab den Dechanten und den Bezirkskirchenanwalt, die auf Visitation in die Gemeinden fuhren und die Amtsführung der Pfarrer überprüften. Die Verbindung zur Landeskirche musste ebenfalls vom Dechanten gepflegt werden. Nach der Wende hat sich durch die Schrumpfung der Gemeinden einiges verändert. Es gibt viel zu verwalten und laut unserer Kirchenordnung ist der Bezirk zuständig für die verwaisten Gemeinden. Das heißt, der Bezirk verwaltet sie direkt, auch wenn es einen zuständigen Pfarrer gibt. Teilweise ist auch die Buchhaltung hier angesiedelt.

Was haben Sie sich für Ihr Mandat als Dechant vorgenommen?

Mein wichtigstes Ziel ist es, verlassene Kirchenburgen mitsamt Pfarrhaus und Schule in verantwortungsvolle Hände zur Nutzung zu übergeben. Oft sind in den Dörfern das Pfarrhaus, die Schule und der Gemeindesaal räumlich nah beieinander. Deswegen möchten wir sie nicht separat vermieten. Wichtig ist auch, dass diese auf lange Zeit verpachtet werden. Wir haben auch schon einige Interessenten. Zum Beispiel ist der ASTRA-Verein interessiert, in Neithausen/Netuș im Oberen Harbachtal einzusteigen, um ein Zentrum für seine Tätigkeit zu eröffnen. Im Gegenzug dafür, dass der Verein die Pflege und den Erhalt der Kirche übernimmt, werden wir ihm die alte Schule und den Gemeindesaal zur Nutzung, bzw. zum Verkauf anbieten.

Die Pflege und Verwaltung der verwaisten Kirchenburgen belastet uns sehr, deswegen wäre das die beste Lösung, sie an seriöse Partner abzugeben. Insgesamt gehören 56 Gemeinden zum Kirchenbezirk, davon sind etwa 20 verlassen.

Empfinden Sie die Stellung als Dechant als etwas Neues oder als Erweiterung Ihrer bisherigen Arbeit?

Beides. Die Verwaltungsarbeit und der Umgang mit allen Pfarrern sind das Neue, das dazugekommen ist. Die Arbeit als Dechant ist eine neue Herausforderung für mich, die mir gut tut.

Was haben Sie sich vorgenommen, für das neue Amt zu verbessern?

Ich werde versuchen, mehr Aufgaben an die Pfarrämter zu übergeben, besonders in Agnetheln und Kerz. Außerdem habe ich mir vorgenommen, Angebote aufzuarbeiten für Nachfolger in den Reihen der Pfarrer. In fünf Jahren werden nämlich wenigstens zwei unserer Kollegen in Rente gehen. Ich möchte mich jetzt schon um Nachfolger umschauen. Die Zusammenarbeit mit den Heimatortsgemeinschaften (HOGs), was die Gebäudeverwaltung betrifft, möchte ich vertiefen, Klarheiten schaffen, ihnen Verantwortung abgeben.

Wie viele Pfarrer und Gemeindemitglieder hat der Bezirk Hermannstadt?

Wir sind acht Pfarrer, eine Diakonin und zwei Vikarinnen. Zum Bezirk Hermannstadt gehören rund 2.500 Gemeindemitglieder.

Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Pfarrer aus?

Das wichtigste ist natürlich, dass man mit Menschen gut umgehen und zusammen arbeiten kann. Nach 1990 sind eben auch sehr viele Verwaltungsaufgaben für die Pfarrer in Siebenbürgen hinzugekommen, weil die Gemeindestrukturen nicht mehr getragen haben wie bis dahin. Früher haben Kurator, Kirchenväter und Presbyterium praktisch alles verwaltet. Heutzutage muss vieles davon der Pfarrer machen. Was ich meinen Kollegen aber nahelege, ist, dass wir nicht für die alten Gebäude da sind, sondern für die Menschen. Ein guter Pfarrer sollte immer für die Menschen da sein.

In welcher Gemeinde haben Sie sich am wohlsten gefühlt?

Das ist schwer zu sagen. Eigentlich hab ich mich in der Brooser Pfarrgemeinde ziemlich gut gefühlt. Ich hatte den ganzen Kreis Hunedoara in Obhut. Faszinierend für mich waren vor allem die Vielfalt und die großen Unterschiede zwischen den Gemeinden. Zum Beispiel war Broos die traditionelle Gemeinde, in Hunedoara, Petroșani und Lupeni waren sehr viele zugewanderte Siebenbürger Sachsen, die sich nach dem Krieg oder erst in den 1970-er Jahren angesiedelt hatten. Manche waren aus Nordsiebenbürgen hin gezogen. Mit ihnen hatte ich bis dahin keinen Kontakt gehabt, und ihre eigenartige Mundart hörte sich sehr exotisch für mich an. Aber seit 15 Jahren habe ich in der Hermanstädter Gemeinde mein Zuhause und könnte mir zur Zeit einen Wechsel schwer vorstellen.

Würden Sie Ihre erste Predigt noch einmal halten?

Ja, schon. Ich kann mich zwar nicht mehr an den Inhalt erinnern, aber an die Umstände und das Gefühl, das ich dabei hatte. Meine erste Predigt hielt ich als Student in Craiova. Wir waren zu zweit. Mein Kollege, Ulf Ziegler, hatte auf Deutsch gepredigt und ich musste das Rumänische übernehmen. Es war für mich sprachlich eine große Herausforderung, ich war sehr aufgeregt. Es war aber wie ein Wunder für mich. Ich ging sehr aufgeregt auf die Kanzel, hatte die Bibel vor mir und die Gemeinde, und plötzlich war ich ein paar Sekunden später ruhig.

Auf das Rumänische wollte ich nochmal zurückkommen. Es ist schwer zu sagen, wie es sprachlich in unserer Gemeinschaft weitergehen wird, aber inzwischen ist mir das Rumänische viel vertrauter geworden. Diesen Übergang in eine neue Zeit müssen wir jetzt verstärkt in die Wege leiten mit Offenheit dem Rumänischen gegenüber.

Wenn Sie nicht Pfarrer geworden wären, welchen Beruf hätten Sie gerne ausgeübt?

Nächstes Jahr sind es 20 Jahre seit ich ordiniert bin und zu predigen macht mir immer noch Freude. Ich merke aber auch, dass ich strukturell denke und dass mir das auch wichtig ist, dass klare Strukturen sind in einem Betrieb. Also hätte ich vielleicht in Richtung Verwaltung etwas gemacht. Bewegung ist mir auch sehr wichtig, ich könnte keine acht Stunden am Schreibtisch sitzen.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Mein Taufspruch hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Er stammt aus Philipper 4, Vers 4: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ Guten Mutes zu sein ist mir wichtig. Mein Trauspruch ist mir auch sehr wichtig. Das ist der Psalm 37, Vers 5: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen“. Die Erfahrung hab ich gemacht, dass sich die Probleme gelöst haben, als ich ratlos war.

Was machen Sie gerne in Ihrer Freizeit?

Es ist wichtig, dass man sich einen Tag in der Woche frei nimmt. Ich bin gerne draußen, betätige mich handwerklich im Garten oder gehe wandern. Wir sind mit meiner Frau und Tochter öfter im Zibinsgebirge und in den Fogarascher Bergen gewandert. Ich lese gerne Krimis, skandinavische Autoren, Henning Mankells Krimis finde ich besonders gut.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

 

 

 

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