Ein Erzähl- und Redekünstler

Der Schriftsteller und Pfarrer Eginald Schlattner wurde Ehrendoktor der BBU

Ausgabe Nr. 2602

 

Senatspräsident Prof. Dr. Ioan Chirilă (links) überreicht Eginald Schlattner die Urkunde der Ehrendoktorwürde der Klausenburger Babeș Bolyai-Universität.                               
Foto: Fred NUSS

Einmalig und einzigartig, diese Attribute passen zu der feierlichen Verleihung der Ehrendoktorwürde der Babeș Bolyai-Universität an den Schriftsteller und Pfarrer Eginald Schlattner am Montag, den 12. November d. J.. Sie fand in einer Kirche, der evangelischen Johanniskirche in Hermannstadt statt, der gesamte Senat der Klausenburger Universität war gekommen und saß in Robe auf der rechten Seite des Chorraumes. Vor dem Chorraum war der Präsidiumstisch aufgestellt, der Bischof der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien, Reinhart Guib, begrüßte die Anwesenden, allen voran den Geehrten, der sich vor knapp drei Wochen einer Not-OP hatte unterziehen müssen.

 

Nach dem würdevollen Einzug der Senatsmitglieder und der Honoratioren hatte der Männerchor der Klausenburger Orthodoxen Theologiefakultät Gaudeamus igitur“ und danach die rumänische Staatshymne angestimmt, eine Premiere für dieses Gotteshaus, das auch noch nie eine akademische Feier dieser Art erlebt hatte. Guib betonte auch, dass es eine gute Fügung sei, dass so eine weltliche Feier in einer siebenbürgisch-sächsischen Kirche“ stattfinde: Wo denn sonst würde es besser erkennbar sein, wofür Eginald Schlattner als ökumenischer Europäer steht“.

Als Gastgeber begrüßte Bischof Reinhart Guib (links außen) die Gäste in der Johanniskirche, allen voran die hohen Vertreter der Klausenburger Babeș-Bolyai Universität (v. l. n. r.): Univ.-Doz. Dr. Daniela Vladu, Lehrstuhlinhaberin Germanistik, Senatspräsident Univ.-Prof. Dr. Ioan Chirilă, Prorektor Prof. Dr. Rudolf Gräf und Univ.-Doz. Dr. Gabriella-Nóra Tar.
Foto: Fred NUSS

Prorektor Prof. Dr. Rudolf Gräf überbrachte zunächst die Grußworte des BBU-Rektors und Vorsitzenden der Rumänischen Akademie, Prof. Dr. Ioan-Aurel Pop, und des Präsidialberaters Sergiu Nistor. Dann dankte er allen Anwesenden für die Teilnahme und wies darauf hin, dass man bei dem Geehrten von einem Sonderfall“ sprechen muss: Es handelt sich nicht um einen Wissenschaftler, dessen wissenschaftlicher Beitrag durch einen Nobelpreis anerkannt wurde, wie im Falle von Stefan Hell, ebenfalls Ehrendoktor der BBU, es handelt sich auch nicht um einen Politiker hohen Ranges wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, der die Ehrendoktorwürde der BBU 2010 zuerkannt wurde, auch nicht um besondere Verdienste in der Theologie wie im Fallen von Wolfhart Pannenberg oder Josef Ratzinger, sondern es geht um einen Menschen, der einerseits die fantastische Formulierung des Chronisten Miron Costin bestätigt und diese gleichzeitig auch widerlegt: ‚Denn nicht die Zeiten werden vom Menschen gesteuert, sondern der Mensch unterliegt den Zeiten.‘ Sein Lebensanfang stand so sehr unter der ‚Herrschaft der Zeiten‘, dass es ihn fast das Leben gekostet hätte; dessen Zeit des Erwachsen-Seins und der Seneszenz hat aber das Lebensrad so gedreht, dass er das Symbol einer Explosion kreativer Energie sowohl für die vom Aussterben bedrohte Gemeinschaft, als auch für das Einzelschicksal eines Menschen geworden ist, der die Energie und die Kraft gefunden hat, eine Gemeinschaft darzustellen und zu ergänzen.“

In ihrer Laudatio würdigte die Dozentin Dr. Gabriella-Nóra Tar von der Philologie-Fakultät der BBU die literarischen Verdienste von Eginald Schlattner, indem sie dessen Werk unter dessen Lebensmotto stellte. Dieses lautet: Verlasse den Ort des Leidens nicht, sondern handel so, dass die Leiden den Ort verlassen.

Zu den Ehrengästen gehörten der Deutsche Konsul Hans Erich Tischler, der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganț, der Deutsche Botschafter Cord Meyer-Klodt, die Österreichische Botschafterin Isabelle Rauscher, der DFDR-Vorsitzende Paul-Jürgen Porr, Kurtfelix Schlattner, der Rumänische Botschafter Emil Hurezeanu und Prorektor Ioan Marian Țiplic von der Hermannstädter Lucian Blaga-Universität. (v. l. n. r.).                                  
Foto: Fred NUSS

So zitiert ihn der Autor Harald Grill, der Schlattner 2015 in Rothberg besucht hat, in seinem Beitrag in der Festschrift für Eginald Schlattner zum 85. Geburtstag, die unter dem Titel Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ im Klausenburger Universitätsverlag erschienen ist. Als eine der Herausgeberinnen nennt Tar diese Aussage einen Doppelimperativ“, eine ars poetica des international rezipierten Schriftstellers“. Bei Schlattner, so die Laudatorin, avanciere das Schreiben zum Handeln und dieses Schreiben gelte oft auch als virtuelle Rückkehr an Orte und in Zeiten des individuell erlebten kollektiven Leidens in Rumäniens Geschichte des 20. Jahrhunderts“. Tar würdigte Schlattner vor allem seiner Rede- und Erzählkunst wegen und wer bei der Feierlichkeit dabei war, konnte sich persönlich davon überzeugen. Mit seiner Dankesrede, die er sowohl in rumänischer als auch in deutscher Sprache hielt,  beeindruckte Schlattner erneut alle Anwesenden. Zunächst ging er in rumänischer Sprache ein auf die doppelte Loyalität“ der Siebenbürger Sachsen und allgemein der deutschen Minderheit, die rumänische Staatsbürger seien aber z. B. bei der Volkszählung sich zu der deutschen Minderheit zugehörig erklären können, also zu ihrer ethnischen Herkunft. Man habe also die Freiheit, sich über zwei Loyalitäten – die dem Staate und die der eigenen Ethnie gegenüber – zu definieren. Seine fruchtbarste Entscheidung war, mit 40 Jahren das abgebrochene Theologiestudium wieder aufzunehmen. Nun, zu einem Zeitpunkt an dem 100 Jahre seit dem Ende des Ersten Weltkrieges gedacht werden, sehe er es als Auftrag aller Religionen an, zwischen scheinbar unvereinbaren Situationen zu vermitteln. Dazu aber müsse man den jeweils anderen verstehen. In deutscher Sprache erzählte Schlattner von seiner Teilnahme an einem Rundtischgespräch im ZDF-Studio, wo er die Anwesenden herausforderte mit der Aussage, Rumäniens Beitrag zu Europa bestünde in der orthodoxen Spiritualität. Er ging dann um seine Aussage zu erklären auf die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der West- und der Ost-Kirchen ein. Zur Westkirche, zu der er auch die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien zähle, sagte er: Über das Leid des anderen vergessen wir auf Gott“. Und zu der Orthodoxen Kirche: Über der Liturgie vergessen sie den Nächsten“. Ein Trost sei, dass das neue Jerusalem zwar Mauern haben wird, aber die Tore werden Tag und Nacht offen sein“.

Schlattner stellte zum Schluss fest: Wir sind verantwortlich für das Antlitz des Anderen, ja sogar für das Antlitz Gottes in der Welt!“ Wie man es von ihm gewohnt ist, hat Eginald Schlattner nicht bloß gedankt, er hat eine echte Predigt gehalten, die alle bereichert hat.

Wie sie durch die Begegnung mit Eginald Schlattner bereichert worden sind, davon schwärmten in ihren nach dem kleinen Imbiss im Terrassensaal des Teutschhauses gehaltenen Grußworten der Botschafter der Bundesrepublik Deutschlands in Bukarest, Cord Meyer-Klodt,  die Botschafterin der Republik Österreich in Bukarest, Isabelle Rauscher, der Botschafter Rumäniens in Berlin Emil Hurezeanu, der deutsche Konsul in Hermannstadt, Hans Erich Tischler, und zum Schluss die Dozentin Dr. Mirona Stănescu vom Departement für Deutschsprachige Grundschul- und Theaterpädagogik der BBU.

Mirona Stănescu sprach zum Schluss ihres sehr persönlichen Grußwortes die Hoffnung aus: Vielleicht ist ihr Sack mit Geschichten noch nicht leer und es wollen noch welche herausspringen“. Besitze doch Schlattner einen unermesslichen Schatz an Erfahrungen und Wissen“. Möge der Geehrte diesen Schatz weiterhin ausschöpfen und an seine Leserinnen und Leser mit der gleichen Lust am Erzählen weiterreichen.

Beatrice UNGAR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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