„Kein Essen ohne eine Geschichte“

Der Verein My Transylvania beim DWS-Mitgliedertreffen vorgestellt

Ausgabe Nr. 2599

Gäste bei dem Transylvanian Brunch 2017 in Roseln/Ruja bei Agnetheln.
Foto: Beatrice UNGAR

Zum Mitgliedertreffen des Deutschen Wirtschaftsklubs Siebenbürgen (DWS) am Mittwoch der Vorwoche war Cristian Valentin Cismaru von dem Verein My Transylvania eingeladen. Cismaru ist zwar kein Koch und Lebensmittelproduzent, seine Spezialität ist aber die Gastronomie. „Wir beschäftigen uns mit der Verbindung zwischen Kultur und Essen“, erklärte Cismaru. Das heiße: Es gibt kein Essen ohne eine Geschichte,  kein Produkt ohne Storytelling. My Transylvania gibt es seit 2008, wobei der Verein seine Aktivitäten hauptsächlich in dem Gebiet zwischen Kronstadt, Hermannstadt und Schäßburg durchführt. Rund 75 Veranstaltungen im Freien, 25 Veranstaltungen im Winter in Restaurants, ein Festival und eine große gemeinnützige Veranstaltung  organisierte der Verein in diesem Jahr. 2019 wird  Hermannstadt Europäische Gastronomieregion sein und so steht dem Verein ein interessantes Jahr bevor.

Durch verhältnismäßig kleine Veranstaltungen wird versucht einmal vergessene Dörfer und zweitens Gebirgsregionen „zu retten“ mit dem Thema Essen, wobei gemäß der aus Italien kommenden Slow-Food-Bewegung der Schwerpunkt darauf gelegt wird das Essen dort zu genießen, wo es produziert wird. Dabei konzentriert sich der Verein auf die zwei Konzepte: kulinarische Veranstaltungen in den Dörfern sowie Innovation wobei traditionelle Produkte neu konzipiert werden. „New Transylvanian Cuisine“, die neue siebenbürgische Küche, war der Begriff, den sie vor elf Jahren eingeführt hatten. „Man benützt die Produkte die man vor Ort hat, aber man macht ein „Redesign“, man ändert die Optik oder Ästhetik, oder man ändert die Weise wie man die Produkte benützt“, erklärte Cismaru. Köche werden dabei beauftragt, innovativ zu sein, indem sie traditionelle Produkte einsetzen.

Cismaru lernte noch sehr früh wie man Gerichte verkosten und die Zubereitung zu beurteilen hat. Die Nachbarin seiner rumänischen Großmutter – er hatte nämlich auch eine siebenbürgisch-sächsische Großmutter – die Kochbuchautorin Silvia Jurcovan gab ihm oft Verschiedenes zum kosten. Dann nahm er als Brukenthalschüler im Rahmen einer Initiative an der Brukenthalschule an einer Ausbildung als Reiseführer teil. Die Schüler mussten dabei Monografien von Dörfern aus Siebenbürgen lesen. „Diese Monografiesache hat mir später ganz viel geholfen“, betonte Cismaru. „Mit Monografien arbeiten wir heute am meisten.“ Eine weitere Gegebenheit, die ihn prägte war, als ein Schüler vorhatte, Bücher wegzuwerfen, ein Kochbuch von Elise Fröhlich auftauchte, über das er Rezepte aus Südsiebenbürgen kennenlernte, die von allen Einflüssen der elf Bevölkerungsgruppen geprägt waren. Diese Einflüsse stammen von den Rumänen, Ungarn, Deutschen, Armeniern, Juden und Roma sowie über die politischen und historischen Umstände von der türkischen, griechischen, russischen, französischen, und teilweise der österreichischen Küche. „Das habe ich dann auch in unsere Arbeit eingeführt“, sagte Cismaru. „Wir haben sehr oft geschaut, dass wir auch in Gegenden kommen wo z.B. in einem Dorf noch zwei Armenier leben oder damit wir einmal auch ein Event haben, wo auch Zigeuner mitarbeiten“.

Cristian Valentin Cismaru (rechts, stehend) bei seiner Präsentation im Sitz des DWS in der Fleischergasse/Mitropoliei 28.
Foto: Werner FINK

Seine Frau Ileana schlug eine andere Richtung ein, sie wollte alte Geschmäcker wiederfinden und suchte nach alten Rezepten und so kam es zum Verein im Jahr 2008, den sie mit einigen anderen Familien aus Siebenbürgen starteten. Die erste Veranstaltung war ein „Transylvanian Brunch“.

Dabei wurde ein Hochzeitsmenü in einen Brunch umgewandelt. „Es gab noch überall funktionierende Nachbarschaften. Wir versuchten, mit den Nachbarschaften zusammenzuarbeiten. Es gab die Bänke, es gab die Tische, es gab Rezepte, es gab die Frauen die kochten, nur das Endprodukt war für die heutige Generation und deren Einstellung nicht mehr entsprechend“.  So wurde entschieden, diese Kombination zwischen Frühstück und Mittagessen zu machen, und die  Leute dazu zu bewegen mehrere Rezepte, in kleineren Mengen für die Gäste vorzubereiten.

Zwischen 2008 und 2013 gab es jährlich sechs Brunches. 2013 war die Nachfrage so groß, dass noch Veranstaltungen zwischen diesen Terminen angeboten wurden. Ideal funktioniere eine solche Veranstaltung mit 70 bis 150 Leuten. Um es attraktiver zu gestalten, wurden nach 2013 verschiedene Varianten veranstaltet. Beispielsweise wurden Musik und Essen kombiniert, so geschehen in Hammersdorf, wo man nach einem Orgelkonzert, in den Garten ging, um über Kräuter zu sprechen, und dann zurück in den Kirchhof, um ein Büffet mit denselben Kräutern zu probieren.

Je nach Gebiet wurden auch andere Angebote entwickelt, wie Picknick im Zibinsgebirge „Picknick în Cindrel“ oder das „Full Moon Picknick – Elektro Camping“ veranstaltet, das nach zwei Jahren Pause dieses Jahr wieder eingeführt wurde.

Hinzugekommen sind dann auch Konzepte, wie z. B. Abendessen in der Natur „Cină în natură“, wo ein richtiger Koch eingeladen wird, der mittels lokaler Zutaten etwas Neues schafft. Ab 2015 gibt es nun auch das Festival Transilvania Gastronomică“, das jedes Jahr im September veranstaltet wird, wobei in dessen Rahmen die Absicht besteht, eine Verbindung zwischen kleinen Produzenten und Restaurants herzustellen, also Möglichkeiten zu schaffen, dass die kleinen Produzenten auch in den Städten verkaufen können. Eingeladen waren dieses Jahr 26 Köche die mit Käsegerichten kreativ sein mussten.

Ab 2017 gab es dann auch eine Erweiterung, im Sinne, dass Gäste bei einem Stadtrundgang oder  einem thematischen Ausflug statt den Sehenswürdigkeiten, die Leute treffen, die etwas vorbereiten oder produzieren.

In diesem Jahr organisierte der Verein zum ersten Mal Veranstaltungen auch  in der Kleinen Walachei und in der Großen Walachei.

Der Verein bereitet sich nun auf das Jahr 2019 vor, wo Hermannstadt Europäische Gastronomieregion sein wird. „Es ist meiner Meinung nach ein sehr kompliziertes Programm geworden“, sagte Cismaru. „Ich weiß nicht, welche Richtung Erfolg haben wird und welche nicht. Es gibt Fragen, die man nicht so einfach beantworten kann: Was ist ein Sushi mit lokalen Zutaten? Noch Gastronomie aus Siebenbürgen oder nicht?“

Weitere Infos zu den Veranstaltungen des Vereins finden Sie unter www.mytransylvania.ro

Werner FINK

 

 

 

 

 

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