„Duales Bildungssystem – Eine Anerkennung auf höherem Niveau erforderlich“

Continental plant in Hermannstadt etwa 800 weitere Arbeitsplätze

Ausgabe Nr. 2559

Harald Friedrich (rechts) führte die Gäste durch das Werk.
Foto: Werner FINK

Anfang Dezember waren Konsul der Bundesrepublik Deutschland Hans Erich Tischler, Kreisratsvorsitzende Daniela Cîmpean, sowie Subpräfekt Horațiu Marin zu Gast in der Hermannstädter Niederlassung der in der Automobilindustrie tätigen Firma Continental. Nach einer kurzen Vorstellung der Hermannstädter Niederlassung machte Geschäftsführer Oswald Kolb die Anwesenden mit den neuesten Zielen der Niederlassung in Hermannstadt vertraut. Die Kapazitäten sollen erweitert werden sowohl im Bereich Forschung und Entwicklung als auch in der Produktion. Rund 800 weitere Mitarbeiter sollen bis 2021 in Hermannstadt angestellt werden. Im Rahmen der Gespräche wurde über die damit verbundenen Schwierigkeiten diskutiert, u. a. über den Mangel von qualifizierten Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt, dem hierzulande noch mangelnden Interesse an der dualen Berufsausbildung.

 

Weltweit verfügt Continental über 230.000 Mitarbeiter. Von diesen sind 18.200 (Stand Ende 2016) in den sieben Einheiten an den zehn Standorten in Rumänien tätig. Insgesamt 1.300 Millionen Euro (Stand Ende 2016) investierte Continental in Rumänien.

Den Standort in Hermannstadt gibt es seit 2003. Hier verfügt Continental über ein ca. 220.000 Quadratmeter Grundstück, wobei sich das Werk über 34.000 Quadratmetern erstreckt. Über 320 Millionen Euro wurden hier investiert und der Stand der hier produzierten Einheiten lag Ende 2016 bei 33 Millionen Einheiten pro Jahr. Jeder in Europa produzierte PKW soll mittlerweile zwei in Hermannstadt produzierte Teile eingebaut haben. Gegenwärtig gilt Continental als der vierattraktivste Arbeitgeber in Rumänien. Im November 2017 belief sich die Anzahl der bei Continental in Hermannstadt tätigen Mitarbeiter auf über 4.000 Personen.

Kontinuierlich werden bei Continental neue Arbeitsplätze geschaffen. „Im Moment sind wir dabei, die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten zu erweitern. Die Architekten planen bereits. Parallel dazu wollen wir auch unsere Produktionskapazitäten erweitern“, erklärte Geschäftsführer Oswald Kolb. „Zusätzliche Geschäfte bedeuten natürlich zusätzliche Arbeitskräfte“, betonte Kolb.

Angesichts der geplanten Erweiterungen wurde für den Bereich Forschung und Entwicklung ein Gebäude gemietet und geplant ist auch, weitere Räumlichkeiten zu mieten, wo bis zur Fertigstellung der eigenen Neubauten auf dem Continentalgelände 2019 die neu angestellten Mitarbeiter ihre Aktivität ausführen können. Das Ziel ist, bis 2021 auf ca. 4.700 Mitarbeiter zu kommen. Der Bedarf an Arbeitskraft kann allerdings vom lokalen Arbeitsmarkt allein nicht gedeckt werden. Die Hochschulabsolventen betreffend kann der Bedarf durch die Zusammenarbeit mit der Lucian Blaga-Universität etwa zu 60-65 Prozent gedeckt werden. Der verbleibende Bedarf wird durch Partnerschaften mit weiteren sieben Universitäten im Lande gedeckt.

Ein angesprochenes Thema war der Bedarf an qualifizierten Facharbeitern und die damit zusammenhängende duale Ausbildung in Hermannstadt. Die Leiterin der Personalabteilung, Lăcrămioara Dărăban, stellte das Oualifizierungsprogramm von Continental vor, das bereits seit 2006 funktioniert und seit 2013 in Zusammenarbeit mit dem Energetischen Lyzeum betrieben wird. Qualifiziert werden Techniker in Elektronik und Elektromechanik, wobei sie nach einer sechsmonatigen Ausbildung ein vom Bildungsministerium anerkanntes Zertifikat bekommen. 2017 habe man der Schulleitung vorgeschlagen, zwei Klassen mit je 50 Plätzen im dualen Ausbildungssystem für Continental zur Verfügung zu stellen. Auf den Vorschlag wollte die Schule nicht gleich eingehen. Angegeben wurden Gründe wie mangelndes Interesse seitens der Kandidaten. Kandidaten würden aufgeben, bevor die Schule anfange u. a. weil sie auf den Hochschulen in der zweiten Aufnahmerunde akzeptiert werden. Es bestehe das Risiko, dass die Plätze nicht belegt werden und es gebe infolgedessen ein Problem bezüglich der Norm der Lehrer. Außerdem sei das Niveau der Kandidaten nicht das Beste. Schließlich stimmte die Schulleitung zu, die zwei Klassen für Continental aufzustellen, falls das Bildungsministerium die Anwendungsnormen für das Technische Duale Ausbildungssystem genehmigt. Wann das Ministerium diese Anwendungsnormen freigeben wird, ist allerdings nicht vorauszusehen. Continental hat sich nun vorgenommen, auch das Independența-Lyzeum und das Henri Coandă-Lyzeum anzusprechen, wegen je einer Continental-Klasse für Elektromechaniker im dualen Ausbildungssystem.

In Hermannstadt gibt es zwar die vor einigen Jahren von dem Deutschen Wirtschaftsclub Siebenbürgen, dem Hermannstädter Bürgermeisteramt und dem Independența-Lyzeum gegründete Berufsschule im dualen Ausbildungssystem, doch die Anzahl der Absolventen würde für Continental bei weitem nicht ausreichen.

„Die duale Ausbildung ist erfolgreich, wenn das wirklich in der Gesellschaft auf höchstem Niveau akzeptiert wird“, glaubt Kolb. „Das heißt, dieser Standpunkt muss öffentlich von der Regierung vertreten werden, so dass die Leute merken, dass es eine hilfreiche Ausbildung für sie ist“. Im Endeffekt sei es eine Frage des Images. Die duale Ausbildung müsse dasselbe Niveau darstellen, wie z. B. ein Bachelor. Das müsse so attraktiv für die potentiellen Kandidaten sein, dass diese sich möglicherweise nicht für den Bachelor als Ingenieur sondern für die duale Ausbildung entscheiden. Es müsse eine Anerkennung auf sozialer Ebene geben, und es müsse daher auch öffentlich in dieser Richtung kommuniziert werden.

Konsul Tischler erwähnte im Rahmen der Diskussionen die duale Berufsausbildung in Kronstadt, wo die Anzahl der Absolventen groß ist und wo sogar die Absicht bestünde, das Angebot zu erweitern.

Ein weiteres Thema der Gespräche war der Personentransport. Der Personentransport innerhalb der Stadt funktioniere gut. Gegenwärtig haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, über fünf städtische Busrouten zu Continental zu gelangen. Probleme gebe es, wenn es um Gegenden außerhalb der Stadtgrenze gehe. Wiederum wurde das so oft besprochene Thema der Verkehrsblockaden bei der Einfahrt aus Heltau erwähnt. Aus Ortschaften außerhalb der Stadt werden Mitarbeiter zum Werk nach Hermannstadt über 12 Routen transportiert. Angesichts der geplanten Erweiterungen wolle man weitere Gegenden einbinden. Gestellt wurde nun die Frage, wie ein Netzwerk zustande gebracht werden könne, um die Stadt und die umliegenden Ortschaften besser miteinander zu verbinden.

Sowohl Subpräfekt Horațiu Marin als auch Kreisratsvorsitzende Daniela Cîmpean erklärten sich bereit, im weiteren Rundtischgespräche zu veranstalten, zu denen die zuständige Personen eingeladen werden, um Lösungen zu verschiedenen Problemen zu finden.

„Die duale Ausbildung ist ohne Wenn und Aber eine gute Initiative und ich freue mich, dass hier Lücken im rumänischen Bildungssystem durch Lösungen seitens des privaten Bereichs überbrückt werden“, betonte Kreisratsvorsitzende Cîmpean. Als eine mögliche Lösung schlug sie ein Treffen vor, zu dem Vertreter von interessierten Unternehmen, des Schulinspektorates, des Hermannstädter Bürgermeisteramtes und Bürgermeister aus dem Kreis eingeladen werden, um das Problem zu besprechen, und auf dem auch erfolgreiche Beispiele vorgestellt werden sollen, wie die duale Berufsschule Kronstadt.

Im Anschluss an die Gesprächsrunde führte Harald Friedrich, Betriebsleiter für den Bereich Getriebesteuerungen, die Anwesenden durch seine Abteilung. Friedrich ist übrigens ein gebürtiger Mediascher, der 1979 nach Deutschland ausgewandert war. Schon als Kind soll ihn die Tatsache fasziniert haben, dass der Strom durch den Kupferdraht fließt. Diese Neigung und Leidenschaft für die Technik habe er sich bis auf den heutigen Tag bewahrt. Nun ist er bereits seit rund 20 Jahren für Continental im Einsatz. An der nach 2000 getroffenen Entscheidung, für diese Continentalniederlassung in Rumänien gerade Hermannstadt zu wählen, war Friedrich aktiv beteiligt. Beim Aufbau hat er als Projektleiter mitgemacht. In den letzten drei Jahren war er in Indien tätig und in diesem Jahr ergab es sich so, dass er nun in der Hermannstädter Niederlassung landete. „Ich bin angenehm überrascht“, sagte Friedrich. „Ich fühle mich hier noch immer sehr wohl, vor allem dadurch, dass man in der Gesellschaft so offen aufgenommen und gleich mitintegriert wird.“

Werner FINK

 

 

 

 

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