„ein buchstabe hat mich erwählt”

Nora Iuga erhielt den Sonderpreis der Spiegelungen-Redaktion

Ausgabe Nr. 2559

Nora Iuga (links) im Gespräch mit dem früheren HZ-Chefredakteur Ewalt Zweyer.                                       Foto: Christel WOLLMANN-FIEDLER

Versteckt liegt das Lyrikkabinett in der Amalienstraße in München hinter dem imposanten Universitätsgebäude von Friedrich von Gärtner aus dem Jahr 1840. Ein echtes Kabinett ist es. Die Gäste werden in guter Atmosphäre und mit einem feinen Lyrikprogramm empfangen. Am Nikolausabend soll der von der Zeitschrift Spiegelungen des Instituts für deutsche Geschichte und Kultur Südosteuropas (IKGS) in diesem Jahr erstmals ausgelobte Preis für Lyrik vergeben werden. Drei herausragende Lyriker werden geehrt. Kristiane Kondrat, im Banat geboren, die seit den 1970er Jahren in Deutschland, in Augsburg lebt, bekommt den Publikumspreis für ihr Gedicht „Ufer“. Christina Rossi, die Laudatorin, erzählt über Kristiane Kondrat und ihre Gedichte. Den Spiegelungen-Preis für Lyrik erhält der in Bayreuth geborene Lothar Quinkenstein und heute in Berlin lebende Osteuropakenner. Mara-Daria Cojocaru stellt Quinkenstein und seine vier Gedichte vor: „Die Brücke aus Papier“, „März“, „Jenseits des Flusses“ und „alte kleider“.

 

Zu guter Letzt bekommt die Grande Dame und Altmeisterin der rumänischen Lyrik den Sonderpreis der Redaktion. Die beiden Gedichte der surrealistischen Dichterin dort ist das reich“ und ein buchstabe hat mich erwählt“, hat Georg Aescht aus dem Rumänischen übersetzt.

Hervorragend und schauspielerisch kompetent rezitiert die griechische Schauspielerin Nike Maria Vassil die Gedichte der Preisträger, Klaus Hübner moderiert die Lyrikveranstaltung. Die Pianistin Pikria Lursmanashvili erheitert die Gemüter mit Kompositionen von Franz Liszt, Frederic Chopin, Edvard Grieg und Claude Debussy. Als Blickpunkt im Hintergrund des Geschehens an der Wand hängt ein Bild der Künstlerin Sieglinde Bottesch aus Hermannstadt, die seit Jahrzehnten in Ingolstadt lebt und arbeitet.

Aus Bukarest ist Nora Iuga angereist und bringt Joachim Wittstock ihren langjährigen Freund und Laudator aus Hermannstadt gleich mit. Ein bekannter und wichtiger deutscher Schriftsteller in Siebenbürgen, in Rumänien, ist er, hat u. a. weit über zwanzig Romane veröffentlicht, hat Essays und Artikel geschrieben, und die vierbändige Werkausgabe seines Vaters Erwin Wittstock, herausgegeben. Nora Iuga hat sich Joachim Wittstock als Laudator gewünscht. Eine schriftstellerisch geprägte, gut überdachte Laudatio folgt.

„Es kommt schon einiges zusammen, wenn Neugierde, Wissensdrang, Gestaltungswille und Mitteilungsbedürfnis über lange Strecken hinweg rege sind und an Intensität mitunter zunehmen. Veröffentlichungen in den verschiedensten Gattungen, Lesungen im großen Rahmen und in überschaubarer Runde, Auftritte auf Buchmessen, Gespräche im Hörfunk und Fernsehen summieren sich nach und nach zu einer ansehnlichen Bilanz,“ berichtet der Laudator, spricht weiter über ungewöhnliche Lebensenergie, dass die Preisträgerin publikumsbetont orientiert ist, auch den Rückzug in die Einsamkeit benötigt, aus dem ihr literarisches Schaffen erwächst.

Nein, eine halbe Stunde soll Nora Iuga nicht sprechen, sie will aber, weil sie doch so gerne spricht, wie sie verrät. Man einigt sich so auf zehn, zwölf Minuten, na ja.

„Guten Abend, ich danke Ihnen sehr, dass so viele heute Abend in diesem Saal sind. Das hätte ich nicht erwartet. Sehen Sie, ich spreche als wären Sie alle meinetwegen gekommen. Aber Sie haben von meinem Freund gehört, dass ich Schauspielerin werden wollte, aber es ist mir nicht gelungen, deshalb habe ich Sie zum Lachen gebracht.“

Eine offizielle Dankesrede fällt ihr schwer, noch dazu in einer fremden Sprache, weil sie von Natur aus nicht konventionell sein kann und fügen kann sie sich auch nicht, ihre Gedanken laufen davon und sie kann den Weg zu sich zurück nicht mehr finden, erfahren die gespannten Zuhörer. Manchmal sei sie bescheiden, doch ein anderes Mal kann sie sehr hochmütig sein. Dann erzählt Nora Iuga, dass sie keine größere Lust auf dieser Erde verspürt, als dieses beinahe erotische Gefühl des Dichters, der wie besessen, wie unter Narkose sein Gedicht schreibt. Diese einmalige Lust beim Schreiben seiner Gedichte kann ein wahrer Dichter nur als ein besonderes Geschenk, das nicht einem jeden gegeben wird, wahrnehmen. Sie ist der Meinung, dass Dichten eine Pflicht ist, um andere zu beglücken. Wir erfahren auch, dass ihrer Meinung nach eine Bezahlung für diese eigene Freude Prostitution wäre, doch könnte sie mit einer solchen Weltanschauung Kulturminister in Rumänien werden. Es geht weiter mit Lust und Liebe, mit Kant, ja dem „großen Kant“ und dem hochgewachsenen großen Klaus Johannis, dem Staatspräsidenten Rumäniens.

Schließlich erzählt die Lyrikpreisträgerin, die Grande Dame der Dichtkunst in Rumänien, dass sie außer achtzehn Lyrikbänden und acht Romanen, Interviews und Tagebüchern, über fünfunddreißig deutsche Klassiker und aus Rumänien stammende deutsche Autoren übersetzt hat, darunter Oskar Pastior, Eginald Schlattner, Herta Müller und noch zwei andere Nobelpreisträger, Günther Grass und Elfriede Jelinek. Ihren Laudator Joachim Wittstock erwähnt sie am Schluss ihrer Dankesrede, vergleicht ihn mit einem doppelten Espresso, erzählt von seiner außergewöhnlichen Literatur und der Bedeutung seiner Werke im rumänischen Prosaraum. Zwei seiner Bücher hat sie ins Rumänische übersetzt.

Die Lyrikerin beendet ihre unkonventionelle Rede mit den Worten: „Jetzt meinen Sie glatt, ich sei in Schwung geraten“…

Die bekannte sonore Stimme, die von Bukarest nach München schallt und jeden wach ruft, gehört zur Dichterin. Das ererbte schauspielerische Talent hilft ihr enorm und wir alle sind fasziniert vom Intellekt, von der surrealistischen Lyrik und der Grandezza der Person.

Christel WOLLMANN-FIEDLER

 

Nora Iuga

ein buchstabe hat mich erwählt

ein grauer     ein orangeroter

sie kreisen umeinander

der zoo ist das paradies

mit gitterstäben mein hirn und der spatz

hat sich auf meine schulter gesetzt

ein zeichen hat mich erwählt   ein buchstabe

gerändert wie ein auge

fünf uhr morgens

jedes versprechen ist ein käfig

hör       jenes gedicht

ist der schrei eines gefangenen

die angst sitzt im hass

pul den kern aus der olive

Deutsche Fassung: Georg Aescht

 

Nora Iuga

dort ist das reich

hinter der weißen mauer

auf die das kind die weltgeschmiert hat

ist ein schwarzes loch

dort ist das reich der ameisen

dort werden strümpfe gestopft

altkleider verkauft

schuhe besohlt

steigen dichte dämpfe aus den kesseln der wäschereien

hört man die nachtigall singen

und den flieder…

an diesem abend ist frau luna zu deiner rechten

die dame mit dem schirm       erinnerst du dich

sie hatte ein muttermal links auf der lippe

ich aber glaubte…

schweig     sonst weckst du die kaiserin

Deutsche Fassung: Georg Aescht

 

 

 

 

 

 

 

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