„Langeweile kenne ich nicht!“

Ausgabe Nr. 2469
 

Gespräch mit Kilian Dörr, Stadtpfarrer der Ev. Kirchengemeinde A. B. Hermannstadt

 

Der ehemalige Schüler des Brukenthallyzeums wusste nach dem Abitur erst nicht so recht, was er tun sollte. Mit seinen Lieblingsfächern Mathe und Physik sah er schwache Perspektiven. Auf der Suche nach einer alternativen und ideologiefreien Lebensweise kam er zum Theologischen Institut in Hermannstadt, während seine Klassenkameraden sich mit Informatik und Technologie befassten. Nach der Wende, an der er aktiv mitwirkte, beantragte Kilian Dörr ein Stipendium beim Lutherischen Weltbund. Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau Elfriede, beschloss er, für ein Auslandsstudium in den Westen zu gehen und danach wieder nach Siebenbürgen zurück zu kehren. Seit 15 Jahren ist er Stadtpfarrer der evangelischen Kirchengemeinde A. B. Hermannstadt.

Das Interview wurde geführt von Juditha Catona (Hunedoara), Delia Cociu, Dalia Lisan und Annamaria Risti (Hermannstadt), Daniela Damian und Rodica Dan (Kronstadt), Maria Bischof-Brandl und Gabriella David (Ungarn), Susann Danowsky (Klausenburg – Deutschland), koordiniert von Manuela Vrancea (Hermannstadt).

 

Bitte erzählen Sie etwas über ihren beruflichen Werdegang.

Nach dem Studium bekam ich eine Vikarstelle in Mediasch. Zunächst war es unser Plan, fünf Jahre da zu bleiben und dann zu sehen, wie es weiter geht. Aber durch die Pastorenabwanderung gab es einen Mangel an Geistlichen, so dass wir in Mediasch blieben und einen Kirchenverbund aufbauten. Dieser Kirchenverbund führte leerstehende Pfarrhäuser gemeinnützigen Zwecken zu. Einige davon sind Jugend- und Gästehäuser geworden. Nach weiteren sechs Jahren in Mediasch kamen wir dann nach Hermannstadt.

Wollten Sie schon immer Pfarrer werden?

Nein. Meine katholische Mutter und mein evangelischer Vater haben mir davon abgeraten. Ich sollte lieber etwas „Seriöses“ machen, meinten sie.

Welches sind Ihre Hauptaufgaben?

Ich bin natürlich in erster Linie Pfarrer, mache viel Gemeindearbeit und Seelsorge. Außerdem kümmere ich mich um die Geschäftsführung der Kirche und bin Vorsitzender der Brukenthal-Stiftung. Ich mache auch gelegentlich Projekt- und Sozialarbeit. Dazu gehören z. B. die „Grüne Kirchenburg" in Hammersdorf, der Diakoniehof Schellenberg und einige Umweltschutzprojekte, an denen auch viele engagierte Schüler teilnehmen.

Welche weiteren Maßnahmen treffen Sie, um Kindern und Jugendlichen die Kirche näher zu bringen?

Wir „importieren“ gute Leute z. B. einen Mitarbeiter zur Jugendförderung aus Frankfurt oder ein Musikerpaar aus Norwegen. Wir freuen uns an drei Kinderchören, organisieren Musikevents, veranstalten Kindergottesdienste und Kinderbibeltage. Für die Konfirmanden haben wir mehrere Konfirmandenfreizeiten z. B. fahren wir nach Mediasch, ins Gebirge oder nach Albota. Dort wird natürlich die Konfirmation vorbereitet, aber auch kreativ gearbeitet. Zurzeit haben wir fünf Konfirmanden, die aktiv in die Gemeindearbeit eingebunden werden.

Welche Rolle spielen Musik und Kultur im Leben der Kirche?

In unserer Kirche singt der Bachchor, der etwa sechzig Leute umfasst und multikulturell ist. Es werden gerade zweihundert Jahre alte Lieder, die wir im Archiv gefunden haben, einstudiert. Das ist natürlich sehr schön. Mal gibt es einfachere Stücke, mal für einen Laienchor nicht ganz leicht zu singende Oratorien.

Unsere Kirche zeigt der breiten Öffentlichkeit verschiedene Ausstellungen mit Exponaten aus dem Archiv der Kirche und organisiert zahlreiche Projekte mit Künstlern. Zum Beispiel hatten wir zwei Künstler aus Japan, die sieben Wochen in der Kirchenburg in Hammersdorf wohnten und dort verschiedene Werke, mit verschiedensten Materialien die sie fanden, gestalteten.

Vor acht Jahren haben wir das Brukenthalmuseum vom Staat zurück bekommen, so dass wir nun auch dort die Arbeit im Sinne des Umweltmanagements positiv beeinflussen wollen. Mit den Methoden eines Kunstmuseums versuchen wir hier das Umweltbewusstsein zu fördern. Unsere Arbeit dort, wie in 3 weiteren Gebäuden der Kirchengemeinde, wurde im Herbst 2015 nach der europäischen Umwelt-Norm EMAS zertifiziert.

Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Schule aus?

Natürlich gibt es zunächst den Religionsunterricht. Dort werden Bibelgeschichten kind- und jugendgerecht vermittelt. Dann haben wir noch die Hausaufgabenbetreuung und wir arbeiten auch eng mit Sozialarbeitern zusammen z. B. im Projekt „Offenes Haus“, wo die Kinder vor Ort ein warmes Mittagessen bekommen, bei den Hausaufgaben betreut werden und ihre Freizeit in einem gewaltfreien Raum verbringen. Abends gehen die Kinder nach Hause… Wir arbeiten hier auch mit Freiwilligen.

Ist Religion in Rumänien ein Pflichtfach?

Das wissen die Lehrer besser! Laut Stundentafel ist es ein Pflichtfach („Trunchi comun“) und doch müssen Eltern die Kinder extra für den Religionsunterricht anmelden, wenn sie das wollen.

Gibt es darüber hinaus noch weitere Berührungspunkte zwischen Kirche und Schule?

Ja, z. B. einen kulinarischen: Jeden Freitag findet im Hof der Brukenthalschule ein kleiner Wochenmarkt statt, auf dem Landwirte aus der Gegend ihre Waren anbieten. Einige sind bereits bio-zertifiziert, und wir arbeiten daran, dass möglichst viele die Chancen einer Bio-Produktion erkennen. Außerdem gibt es kulturelle Berührungspunkte: Mehrsprachige Schüler werden gelegentlich zu Kirchenführern an der Stadtpfarrkirche ausgebildet und gewinnen dadurch Sozialkompetenz.

Bleibt denn die Anzahl der Ehrenamtlichen stabil?

Zur Zeit haben wir dreißig Leute, die ehrenamtlich tätig sind, aber die Zahlen sind rückläufig. Es fehlt ein bisschen an Nachwuchs, wie überall. Die Hauptaufgaben der Ehrenamtlichen sind: die Arbeit im Besuchsdienst, in Helfergruppen, Handarbeitskreisen, in der Kleiderkammer und bei der Medikamentenausgabe. Hier bieten wir interessante Aufgaben für Leute an, die sich für einen guten Zweck einsetzen möchten.

Sind Sie Umweltaktivist?

In gewissem Sinne schon. Der Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung ist seit jeher ein Grundanliegen der christlichen Kirche. Etwas konkreter wurde es bei uns mit den Bemühungen, die Verbrauchskosten der kirchlichen Gebäude zu senken: Wärmedämmungen und Solaranlagen für Warmwasser können wichtige Einsparungen bringen, die für Menschen mit geringem Einkommen relevant sind. Über das Europäische Christliche Umwelt Netzwerk ECEN lernte ich dann weitere Facetten des Umweltengagements kennen, so dass wir als Kirchengemeinde in der Lage waren, das Umweltmanagement der 3. Europäischen Ökumenischen Versammlung 2007 zu übernehmen. Auf diesem Weg sind wir weitergegangen und wissen uns mit vielen Umweltorganisationen verbunden. Baumpflanzaktionen, Verbesserung der Fahrrad-Infrastruktur in der Stadt, Umweltbildung in der „Grünen Kirchenburg Hammersdorf“, Betreiben der Pfarrgärten als Bio-Gemeinschaftsgärten, Ausstellungen und Einsätze für eine sanfte touristische Nutzung der Gebirge unserer Gegend, auch Teilnahme an den Protesten gegen Atomkraft, schädliche Bergbaumethoden (Roșia Montană) und die Schiefergas-Förderung durch das berüchtigte „Fracking“ – das sind ein paar Punkte, in denen es eine gute Zusammenarbeit gibt.

Wir danken für das Gespräch.

 

Stadtpfarrer Kilian Dörr (links außen) mit den Lehrerinnen Juditha Catona, Delia Cociu, Dalia Lisan, Annamaria Risti, Daniela Damian, Rodica Dan, Maria Bischof-Brandl, Gabriella David, Susann Danowsky und  Manuela Vrancea bei dem Gespräch im Presbyterialsaal im Stadtpfarrhaus.

 

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