Von der Schulbank in den Zweiten Weltkrieg

Ausgabe Nr. 2456
 

Zeitzeugenbericht von Paul Philippi im Demokratischen Forum der Deutschen

 

Ob nun beim Häuten der Zwiebel oder dem Aufreißen alter Wunden: Unaussprechliches zur Sprache zu bringen wiegt schwer. Eben dies ist dennoch die Pflicht eines Zeitzeugen, Vergangenheit greifbar zu machen, sie als Mahnung zu formulieren.

Am 3. November d. J. hat sich Professor Dr. Dr. h.c. Paul Philippi dieser Aufgabe angenommen und im Rahmen des Vortrags „Von der Schulbank 1943 in den Zweiten Weltkrieg“ einen sehr persönlichen Einblick in die Geschichte gestattet. Der Theologe, Historiker und Ehrenvorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien trug dem Plenum eine detaillierte Beschreibung seines persönlichen Werdegangs vor, der eng  mit den Geschehnissen in Siebenbürgen zur Zeit des deutschen Nationalsozialismus verbunden ist.

   Philippi vertritt die These, die deutsche Gemeinschaft in Rumänien sei in den Nationalsozialismus „gekippt“ worden. Bereits als Schüler seien viele seiner Bekannten in Kontakt mit der nationalsozialistischen Führung der deutschen Volksgruppe gekommen. Philippi selbst habe nach der Schulzeit ein „Völkisches Dienstjahr“ abgeleistet – eine Entlehnung des „Reichsarbeitsdiensts“ des Dritten Reichs – und wurde anschließend vor die vermeintliche Wahl gestellt, in die Waffen-SS oder die rumänische Armee einzutreten. Dass diese Wahlfreiheit lediglich vorgeschoben, also fingiert war, machte Philippi anhand seiner eigenen Erfahrungen deutlich: Aufgrund des Unwohlseins, in die Armee eines anderen Staates einzutreten, ersuchte er um Aufnahme in die rumänischen Streitkräfte, welche ihm aber durch den Volksgruppenführer verwehrt wurde. Auf diese Weise fanden sich im Jahr 1943 viele junge Schulabgänger in den Reihen der Waffen-SS. Von der Schulbank in den Krieg.

Die von Philippi bemühte Metapher des Kippens suggeriert, dass eine solche Entwicklung häufig als unbewusster Vorgang vonstattenging, seltener auch als eine unbedarfte Entscheidung für den Nationalsozialismus. Für Philippi sind vor diesem Hintergrund unterschiedliche Motive bedeutend: Zum einen litten viele seiner Bekannten an einer Deutschlandgläubigkeit, die zumeist auf unrealistischen Annahmen fußte. Dies umfasste auch ein Faible für das Germanische, für den Kult, eine mythologische Grundlage des Deutschen, die auf das Deutsche Reich projiziert wurde. Philippi argumentiert, solche Gedanken seien im Ringen um Identifikation, um Zugehörigkeit für die Jugendlichen wichtig gewesen. Auch die Übervorteilung der siebenbürgischen Deutschen durch die Rumänen im „Altreich“ war ein häufiges Motiv, das Jugendliche zum Beitritt in die als deutsch wahrgenommene Waffen-SS bewegte. Die politische Schuld der Deutschen in Rumänien, so Philippi, liege in der Übertragung der politischen Autorität auf die nationalsozialistische Volksgruppenführung. Den jungen Menschen, die aus Unbedarftheit, aus Landsknechtmentalität von der Schulbank in den Krieg gingen, könne für diesen Schritt kein Vorwurf der Schuld gemacht werden.

Das Leben von Paul Philippi zeigt eindrucksvoll, wie vielschichtig Geschichte sein kann, wie häufig sie aus der heutigen Perspektive vereinfachenden Mustern aufliegt. Das Stigma der Mitgliedschaft in der Waffen-SS, so Philippis Fazit, dürfe nicht als universeller Schuldstempel dienen. Was in Deutschland für die Deutung der Mitgliedschaft in der Waffen-SS gelte, ist nicht generell auf Rumänien übertragbar. Im Kontrast zur weitverbreiteten Vorstellung der Waffen-SS als Eliteeinheit, berichtet Philippi vor allem von den militärischen Aufgaben der Regimente, der „kämpfenden Truppen“ aus Rumänien. Das „Rabaukentum“, die begangenen Kriegsverbrechen der SS, seien den Absolventen der Mittelschule in Siebenbürgen zum allergrößten Teil nicht bekannt gewesen. Vielmehr stellt die Rekrutierung der jungen Deutschen aus Siebenbürgen für die verlustreiche Kriegsführung eine „Aushebung“ weiteren „Menschenmaterials“ für dahingeschmolzene Regimente dar. Nicht mehr, nicht weniger.

Dem Vortrag und Zeitzeugenbericht von Herrn Philippi folgte eine rege Diskussion, die viele Aspekte der Zeit des Zweiten Weltkriegs in Siebenbürgen zur Sprache brachte. Zugleich blieben aber auch Fragen offen, die vor allem in der Deutung des Berichts von Herrn Philippi liegen:

Sprechen Unbedarftheit und die Rekrutierung in gedrungener Freiwilligkeit von Schuld frei? Inwiefern sind gerade auch junge Deutsche aus Rumänien im Rahmen der „kämpfenden Truppe“ der Waffen-SS zu Tätern geworden?

Grundsätzlich werden Paul Philippis Ausführungen als Impuls zur weiteren Diskussion dienen müssen. Diese muss jenseits von Schwarzweißmalerei stattfinden und ehrlich geführt werden: Sind diejenigen, die in den Krieg gegangen sind – freiwillig, unfreiwillig, bedacht oder unbedacht – nicht in jedem Fall Opfer geworden? Sei es als Verstorbene, Verletzte, Verblendete oder Verführte. Und ist es nicht möglich, dass diese Personen zugleich auch Täter wurden, durch Verrohung oder Verzweiflung? Der Begriff  eines „ehrenden Gedenkens“ scheint in diesem Zusammenhang verkürzt, überholt.

Jonas BORNEMANN

 

Paul Philippi in Aktion: Für gute Ergebnisse bei nationalen und internationalen Wettbewerben im Bereich der exakten Wissenschaften hat der Rotary Club Hermannstadt nun schon im sechsten Jahr einen Exzellenzpreis an Hermannstädter Lyzeaner verliehen. Am Montag fand die Gala statt. Die Preisgekrönten: Raul Ioan Drăgoiu (Brukenthalschule, 1. Preis, 7.000 Lei und Platz in einem internationale Rotary-Jugendlager, 1.000 Lei Fahrtkostenzuschuss), Horațiu Udrea (Gheorghe-Lazăr-Lyzeum, 2. Preis, Platz in Rotary-Jugendlager, 1.000 Lei Fahrtkostenzuschuss), Mirabela Frățilă (Octavian-Goga-Lyzeum, 3. Preis, Platz in Rotary-Jugendlager, 1.000 Lei Fahrtkostenzuschuss). Unser Bild: Der Gründervater des Hermannstädter Rotary Clubs, Prof. Dr. Paul Philippi überreichte Raul Ioan Drăgoiu den ersten Preis.                       Foto: Fred NUSS

 

 

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