Handwerker und Geistliche als Vorfahren

Ausgabe Nr. 2430
 

Gemälde von Hans Hermann (1885-1980) im Teutsch-Haus /Von Heidrun KÖNIG

 

Nach wie vor ist der 1980 verstorbene siebenbürgisch-sächsische Künstler Hans Hermann (1885-1980) als Maler und Graphiker in seiner Heimat und darüber hinaus bekannt und geschätzt. Seine Bekanntheit begründet vor allem das graphische Werk – es handelt sich um die überaus zahlreichen, weitgestreuten Drucke, von denen das Brukenthalmuseum in Hermannstadt je einen Abzug besitzt und seit 1989 in Auswahl regelmäßig zeigt.

130 Jahre nach der Geburt des Künstlers wird dem Hermannstädter Publikum nun eine Auswahl seines malerischen Werks vorgeführt, das bisher weniger Aufmerksamkeit erfahren hat, da es sich nicht primär um Werke mit den vertrauten Themen handelt.

Aus sieben Jahrzehnten stammen nämlich die im Familienbesitz befindlichen Gemälde, die im Frühsommer 2015 im Teutsch-Haus – dem Begegnungs- und Kulturzentrum der Evangelischen Kirche – ausgestellt werden; für das Ermöglichen dieser Ausstellung sei an dieser Stelle der Familie herzlicher Dank ausgesprochen.

Der außergewöhnlichen Schaffenskraft des Künstlers ist es zuzuschreiben, dass nicht nur die Werkkataloge der zahlreichen Ausstellungen aufliegen, sondern dass bereits zu seinen Lebzeiten Monographien erschienen sind, die die wichtigsten Stationen der Künstler-Vita aufzeichnen.

Hans Hermann wurde am 25. Januar 1885 in Kronstadt als Sohn des Bildhauers und Zeichenlehrers Friedrich Hermann geboren. Seine Eltern stammten beide aus Schäßburg, die Vorfahren sind Handwerker und Geistliche gewesen, heißt es in einer autobiographischen Reflexion. Die große Vielfalt in Material und Techniken, die technische Gewandtheit seines Werks führt der Künstler auf die frühe Praxis im Atelier des Vaters zurück. Ein Weiteres für die künstlerische Ausrichtung tat der quasi akademische Zeichenunterricht an der staatlichen Realschule im heimatlichen Kronstadt. Unter seinen Zeichenlehrern finden sich Ernst Kühlbrandt, Arthur Coulin und Friedrich Mieß, ihrerseits bekannte Künstler und Kunstpädagogen. Der ins Auge gefasste Beruf eines Zeichenlehrers führte 1903 und bis 1907 zum Studium an die Hochschule für Bildende Kunst in Budapest (Képzömüvészeti Föiskola), deren Kunstvermittlung einen betont akademischen Kurs hielt. Hans Hermann wich diesem nicht aus, etwa um an eine der deutschen Kunstakademien zu gehen, wie das einige seiner Kommilitonen taten, sondern steuerte zielstrebig das Lehrerdiplom an. So war er bis zum Kriegsausbruch Lehrer im Schuldienst am Mediascher Gymnasium, und dann von 1918 und bis 1949 Zeichenlehrer an der Hermannstädter Brukenthal-schule. Parallel zum pädagogischen Dienst entfaltete sich ein überaus fruchtbares künstlerisches Schaffen, davon das graphische Oeuvre einen wichtigen Teil ausmacht. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei die Kupferdruckpresse, die Hans Hermann bereits 1911 in Österreich erstanden hatte, die größte ihresgleichen in Ungarn und dann auch in Rumänien. Alle bekannten Techniken des Metalldrucks brachte der Künstler zum Einsatz. Die dafür gut geeigneten Bildmotive waren der siebenbürgischen Altstadt-Architektur entlehnt, bekannte und beliebte Winkel und Wahrzeichen der Städte, mit denen er verbunden war. Damit kam er einem ortbezogenen Identifikationsbedarf der städtischen Gesellschaft entgegen. Auch ließ sich Druckgraphik eher erwerben.

Die Ausstellung zeigt einen Querschnitt des malerischen Werks des Künstlers. Die Auswahl besteht zum wesentlichen Teil aus unverkäuflichen – unveräußerlichen Arbeiten, die den Künstler sein Künstlerleben lang still begleitet haben. Einige der Werke haben eine überlieferte Entstehungsgeschichte, sind auf den Tag datiert, lassen Gedanken und Gefühle deutlich durchscheinen, sind besonders aufgeschlossen, einladend.

In die Zeit der Beendigung der Akademiestudien fiel das Erscheinen der Bücher Kandinskys, die Zeitschrift „Der Blaue Reiter", das Futuristische Manifest der Italiener, entwickelte sich Bauhaus. Der Einblick in den Gemälde-Bestand macht deutlich, dass es in der künstlerischen Entwicklung Phasen des Experimentierens mit den Kunstrichtungen der Zeit gegeben hat, worauf klare Entscheidungen folgten. Die Monographien halten Zitate über eine solche Positionierung fest – etwa die Abwendung von der „Sackgasse“ der gegenstandslosen Kunst und den Mode-ismen des frühen 20. Jahrhunderts: „Die Grundlage jeder künstlerischen Schöpfung muss ein visuelles Erlebnis sein, von dem bei der Bildgestaltung manches beibehalten, manches weggelassen und viel eigenes dazugefügt wird. Diese Überzeugung hat mich vor flachem Realismus ebenso bewahrt wie vom Abgleiten in irgendeinen der zahlreichen Mode-ismen.“

Jedoch verläuft die künstlerische Entwicklung nicht im luftleeren Raum, sondern durchaus in Kenntnis der Grundlagen und der Ausdrucksmittel der zeitgenössischen Kunstrichtungen.

Ein frühes Aquarell, „Weihnachtsmorgen“ (1915), entstanden während des Großen Kriegs – des Ersten Weltkriegs, ist ein Ausstrecken nach Friedenshoffnung, nach dem weihnachtlich verheißenen „Friede auf Erden.“ Farbgestaltung und Technik der Arbeit zeigen Präferenzen des Jugendstils, der in Ungarn eine rege Nachfolge erlebte. Die frühe publizistische Graphik des Künstlers rezipiert die Neuerungen des angehenden 20. Jahrhunderts, darin der Wandel von der historischen Emblematik zum nachmaligen Symbolismus nachvollziehbar wird.

Im Ersten Weltkrieg war der Künstler als Leutnant in Wolhynien und Istrien eingesetzt. Aus dieser Zeit finden sich im Familienbesitz ein kleinformatiges Gemälde – Gorodischtsche brennt (1916) – und ein Selbstbildnis in Uniform (1918). Auch zwei Aquarelle von einer Reise, die ihn – kurz nach dem Attentat – auch nach Sarajevo führte, gehören in diese Zeit. Das Kriegsgeschehen blieb bis auf das brennende Gorodischtsche ausgeblendet. (Fortsetzung folgt in unserer nächsten Ausgabe)

 

Selbstbildnis, Öl auf Holz, 1918

Selbstbildnis, Öl auf Holz, 1933

 

 

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