Schuld und Sühne auf der Lügenbrücke

Ausgabe Nr. 2424
 

Neuer Roman von Beatrix Binder spielt in Hermannstadt

 

Einen Roman zu schreiben ist nicht leicht. Und dann noch den richtigen Titel zu wählen ist eine Kunst. „Die Lügenbrücke“ ist ein ziemlich gelungener Titel. Für einen Nichtkenner der Hermannstädter Geschichte würde eine Lügenbrücke auf viel Dramatik und bestimmt auf eine Liebesgeschichte hindeuten. Und da läge er nicht einmal so falsch. Der neue Roman von Beatrix Binder „Die Lügenbrücke“ ist vor kurzer Zeit im „Der Kleine Buch Verlag“ in Karlsruhe erschienen.

 

Auf dem Umschlag ist ein Foto von der Lügenbrücke in der Abenddämmerung zu sehen. Umschlag, Titel und der Name Binder, der nun mal in der Stadt am Zibin sehr verbreitet war, lässt auf eine Handlung in Hermannstadt schließen.

Der 218-seitige Roman ist in neun Kapiteln gegliedert und spielt hauptsächlich in Hermannstadt im Kulturhauptstadtjahr 2007. Die Hauptperson, Johanna, ist Kulturjournalistin bei einem deutschen Radiosender und stammt aus Rumänien. Als Udo, ihre verflossene Liebe aus Siebenbürgen sie anruft, kommen ihr Erinnerungen, die sie all die Jahre versucht hat, zu verdrängen, wieder hoch. Kurze Zeit später ist Udo tot. Johanna fliegt in ihre alte Heimat, nach Hermannstadt, zurück und beginnt nach den Hintergründen von Udos Tod zu forschen. Dabei stößt sie auf alte Freunde und droht dabei in einem Sumpf aus Lügen, Verrat, Schuld und Sühne zu versinken. Sie erfährt, warum Udo sie vor dreiundzwanzig Jahren verlassen hatte und schließlich warum er sterben musste. Der Kommunismus und seine Folgen, die Securitate und geheime Informationen spielen dabei keine Nebenrolle.

Immer wieder erinnert sich Johanna an die Geschichten ihrer Großeltern, an die Deportation und Enteignung der Siebenbürger Sachsen und an das Leben im Kommunismus, später an die Auswanderung. Dadurch führt sie praktisch durch die ganze Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Als Leser bekommt man eine Ahnung, wie schwierig das Leben zu dieser Zeit gewesen sein muss.

Die Personen, die in dem Buch vorkommen, glaubt man als Hermannstädter/in zu kennen. Da ist zum Beispiel Udo, der an der Germanistikfakultät in Hermannstadt gearbeitet hat und nebenbei für die „Hermannstädter Zeitung“ schrieb oder Astrid, Journalistin bei der „Tribuna“, die jeden kennt und alles zu wissen scheint, was in der Stadt passiert. Straßen und Gebäude aus Hermannstadt werden erwähnt, nur leider sind manche Namen und auch Sätze in rumänischer Sprache fehlerhaft. Das sind aber nur kleine Schönheitsfehler, die rumänischsprachigen Lesern auffallen werden.

Die Autorin Beatrix Binder ist in Hermannstadt geboren und 1982 zusammen mit ihren Eltern nach Deutschland ausgereist. Mitte der 1990-er Jahre begann sie zu schreiben, ihr Debütroman „Die gläserne Falle“ erschien 2006.

Man kann „Die Lügenbrücke“ in recht kurzer Zeit lesen, ohne überfordert zu werden. Die handelnden Personen sind klar beschrieben und erscheinen einem recht schnell realistisch im Kopfkino. Wesentliche Informationen erhält der Leser immer in kleinen wohldosierten Portionen, damit man seine Sichtweise immer wieder neu einstellen kann. Dadurch bleibt das Buch durchweg spannend. So schafft es die Autorin, dass man selber auch an der Lösung des Falles mitarbeitet. Ein absolut lesenswertes Buch.

Cynthia PINTER

 

Beatrix Binder: Die Lügenbrücke. Roman, Der Kleine Buch Verlag, Karlsruhe 2015, 218 Seiten, ISBN: 978-3-7650-9105-6

 

 

Posted in Aktuelle Ausgabe, Bücher.