Sie hat Geschichte geschrieben

Ausgabe Nr. 2407
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Rosemarie Maurer geborene Müller ist tot

„Eine vielbeschäftigte Darstellerin, die Höhen und Tiefen des Ensembles miterlebte. Als sie 1988 wieder glänzte, wurde festgehalten, sie eigne sich eigentlich für jede Rolle“. So wird Rosemarie Maurer geborene Müller in der zum 50. Jubiläum der deutschen Abteilung am Hermannstädter Staatstheater (heute Radu Stanca-Nationaltheater)  2007 herausgegebenen Festschrift vorgestellt. Die am 27. Januar 1937 in Hermannstadt geborene Schauspielerin starb am 10. November d. J. in Kellberg/Deutschland.

Schillers Diktum aus „Wallensteins Lager“, dass die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht, will ich nicht als bare Münze nehmen. Ich möchte Rosemarie einen Kranz flechten – einen Lorbeerkranz. Denn sie gehörte zu jenen Schauspielerinnen der ehemaligen Deutschen Abteilung des Staatstheaters Hermannstadt, die Geschichte geschrieben haben. Mit ihrer darstellerischen Überzeugungskraft, die ihrer Haltung, mit ihren Ecken und Kanten – und mit ihrer Liebenswürdigkeit. Sie war auf der Bühne eine exzellente Partnerin und danach oft eine unerbittliche Kritikerin. Sie konnte Professionalität und Privates trennen. Vor allem aber konnte sie das Publikum in ihren Bann ziehen, es zum Lachen bringen, es zum Weinen bringen, es zum Nachdenken zwingen.

Das ist ihr in mehr als hundert Rollen gelungen – ein schauspielerisches Lebenswerk, das nicht vielen vergönnt ist. Erst recht nicht im Rumänien der „vielseitig entwickelten sozialistischen Gesellschaft“. Die Propagandaabteilungen der Partei (sie hießen tatsächlich so) waren nicht an Kunst interessiert, sondern an Indoktrination. Wie viele andere Theaterleute schaffte sie es auch in den drögesten kommunistischen Thesenstücken, Menschen, berührende menschliche Schicksale zu verkörpern und damit die vorgeschriebene politische Aussage ins Gegenteil zu verwandeln. Sie und ihr Mann Christian Maurer können von den berüchtigten „vizionări“ (Begutachtungen) ein leidvolles Lied singen – aber auch wunderbare Anekdoten über den listigen Umgang mit den Bürokraten erzählen. „Die wahren Schauspieler lassen sich vom Autor bloß das Stichwort bringen, nicht die Rede. Ihnen ist das Theaterstück keine Dichtung, sondern ein Spielraum.“, hat Karl Kraus einmal gesagt. Bei Rosemarie Müller erhielt dieser Satz eine besonders stringente Wahrheit.

Rosemarie Müller hat nicht nur viel gespielt – sie hat überzeugend gespielt. Egal ob eine Hosenrolle in der leichten Komödie „Susi, unsere Kuh“ oder das tragische Schicksal der Emilia Galotti Lessings oder Schillers Luise in „Kabale und Liebe“; egal ob die Miranda in Shakespeares „Sturm“ oder die Witwe Begbick in Brechts „Mann ist Mann“; egal ob Emily Webb in Thornton Wilders „Kleiner Stadt“ oder die Gespensterbändigerin im gleichnamigen keineswegs hervorragenden Stück  von Băieșu. Sie hat als aufmüpfiges Evchen im „Zerbrochenen Krug“ ihr Publikum ebenso begeistert wie in „Die Moral der Frau Dulska“ von Gabriela Zapolska.

Doch wir würden Rosemarie Müller nicht gerecht werden, wenn wir sie allein auf ihre darstellerischen Fähigkeiten reduzierten. Sie bewies menschliche Größe, Opferbereitschaft für das deutsche Theater als sie zusammen mit ihrem Mann Christian Maurer der heimatlichen Bühne treu blieb, obwohl immer mehr der Kollegen sich in Richtung Deutschland verabschiedeten. Erst als brutale Störungen und Bedrohungen der Ausfahrten der Deutschen Abteilung des Staatstheaters Hermannstadt durch einen nationalistischen Mob sich mehrten, entschieden sie sich schweren Herzens zur Ausreise.

„Ein Schauspieler ist ein Mensch, dem es gelungen ist, die Kindheit in die Tasche zu stecken und sie bis an sein Lebensende darin aufzubewahren.“ (Max Reinhardt) Rosemarie Müller hat den Traum ihrer Kindheit, die Bühne, zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht – in Hermannstadt in hundert Rollen und nachher in Passau im Sichten des reichen Theaterarchivs. Wir sind ihr für beides zu Dank verpflichtet.        

Renate MÜLLER-NICA

 

Rosemarie Müller und Christian Maurer 1967.

Foto: Archiv

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