Ein Herz und eine Seele: FITS und Hermannstadt

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Die meisten Indoor-Aufführungen des Theaterfestivals waren ausverkauft

Ausgabe Nr. 2965

Auch nach dem Tod versucht der „Hausengel“ ihren Sohn vor der Gewalt des Mannes zu schützen.                                  Foto: Diana RACZ/FITS

FITS 2026: 10 Tage lang verwandelte sich Hermannstadt erneut in die größte Bühne Rumäniens. 5.000 Künstler aus aller Welt pilgerten in die Stadt am Zibin, wo zwischen dem 19. und 28. Juni die 33. Ausgabe des Internationalen Theaterfestivals (FITS) unter dem Motto „Suflet“ (Seele) stattgefunden hat. Der Ausnahmezustand war überall in der Altstadt zu erleben, wo Schauspieler Straßenshows boten, Musiker Konzerte gaben und Akrobaten Zirkuseinlagen zeigten. Aber die richtigen Theaterfans fanden sich in den vielen Sälen der Stadt ein, um die neuesten Inszenierungen zu sehen.

Florin Piersic Jr. trat mit George Constantinescu in der dystopischen Komödie „Colibri“ auf. Foto: Ovidiu MATIU

Schon am ersten Festivaltag gab es im Saal des Gong-Theaters ein Highlight: Der bekannte Schauspieler Florin Piersic Jr. trat mit George Constantinescu in der dystopischen Komödie „Colibri“ auf. Das von Garret Jon Groenveld geschriebene Stück unter der Regie von Florin Piersic Jr. zeigt eine stark regelorientierte Gesellschaft. Abgesehen von der Absurdität der Situationen und der Sozialsatire, vermittelte das Stück eine beunruhigende Botschaft: Die individuelle Freiheit gerät ins Wanken, wenn Überwachung und Kontrolle zur alltäglichen Norm werden. Die beiden Darsteller spielten sehr überzeugend, aber es fehlte manchmal die Dynamik.

„Sex, Geld & Hunger“ in der Regie von Luk Perceval des Helena Modrzejewska National Stary Theatre Kraków setzte am gleichen Tag einen markanten Akzent. Perceval verdichtet hier Émile Zolas Romanzyklus „Les Rougon-Macquart“ zu einem intensiven Theaterabend, der weniger einer einzelnen Hauptfigur folgt, als ein dichtes Geflecht aus Lebensgeschichten entfaltet. Die Inszenierung zeigt Menschen, die in Beziehungen, Ambitionen, Abhängigkeiten und existenziellen Bedürfnissen gefangen sind. Ihre Entscheidungen beeinflussen sich ständig und werden Teil eines größeren gesellschaftlichen Mechanismus. Jeder ringt zwischen dem, was er sich wünscht, und dem, was ihm möglich ist, zwischen Instinkt und Moral, Hoffnung und Zwang. Schuldige oder Unschuldige kennt diese Welt nicht – nur Menschen, die versuchen, mit ihren Sehnsüchten und Schwächen zu überleben. Das Ensemble des Krakauer Theaters schlüpfte dabei in zahlreiche Rollen und trug den Abend mit großer körperlicher Präsenz und beeindruckender Präzision. Die reduzierte Bühne, ausdrucksstarken Choreografien und musikalischen Einlagen schafften eine dichte Atmosphäre, in der Fragen nach Herkunft, sozialer Prägung und den Kräften, die unser Handeln bestimmen, immer wieder neu verhandelt werden.

Auf der Ruhmesmeile 2026 mit einem Stern gewürdigt wurden (v. l. n. r.): Italiens Botschafterin Laura Aghilarre (für Emma Dante), Cristina Uruc (für Cristian Măcelaru), Milo Rau (für Elfriede Jelinek), Wim Vandekeybus, Ofelia Popii, Astrid Fodor, Constantin Chiriac, Fanny Ardant, Simona-Mirela Miculescu (für Mariana Niculescu) und Akihiro Yamamoto.                                Foto: Sebastian MARCOVICI

Kontrolle wurde im Tanztheater „Infamous Offspring“ des belgischen Choreografen Wim Vandekeybus groß geschrieben, das in der Kulturfabrik gezeigt wurde. Oder besser gesagt der Kontrollverlust. Zeus und Hera verlieren im Stück die Kontrolle über ihre zahlreiche Nachkommenschaft. In dieser Patchwork-Familie gibt es Eifersucht, Ehebruch, Gier und viele andere Aspekte, die zur menschlichen Erfahrung gehören. In der Aufführung wurde Hephaistos von Iona Kewney verkörpert, einer schottischen Malerin und Kontorsionistin, die die wesentlichen Merkmale des verkrüppelten Feuergottes in eine fantasievolle Ausdruckssprache übersetzte. Wim Vandekeybus entwickelte die visuelle Erzählung mithilfe verschiedener Medien: Film und Bühnenperformance, Tanz und gesprochene Sprache ergänzten sich. All diese Ausdrucksformen verstärkten und unterstrichen sich gegenseitig und schafften so eine einzigartige Performance.

„Die Nachfolger der Götter“: Zeus und Hera haben die Kontrolle über ihre Kinder verloren.                                                Foto: Ovidiu MATIU/FITS

Einzigartig war auch das in letzter Minute eingeplante Konzert-Theater „Gro(o)ve“ von Radu Afrim, eine Koproduktion von UNITER und dem Bukarester Nationaltheater „I.L. Caragiale”, dessen beide Vorstellungen beim Theaterfestival in Hermannstadt binnen Minuten ausverkauft waren. In der Aufführung, die als einmalige Darbietung konzipiert war, brachte der Regisseur nicht nur einige der schönsten rumänischen Frauenstimmen und fantastische Tänzer, geleitet von der Choreografin Andreea Gavriliu, auf die Bühne, sondern auch Bilder des tragischen Krieges in der Ukraine, Einblicke in das Mikrokosmos der nach Rumänien zugewanderten ausländischen Arbeiter, antifaschistische Botschaften und Aufrufe zur Liebe. Etwa zwei Stunden lang bewunderten und tanzten die Zuschauer zu dem kraftvollen und zugleich einfühlsamen Gesang von Luiza Zan, Corina Sîrghi, Ana Everling, Ioana Milculescu, Max Constant und Fruzsina Szabó mit unterschiedlichen Stimmfarben.

Manchmal macht nicht die Anzahl der Schauspieler die Bedeutung des Theaterstückes aus. Manchmal reicht ein einziger Schauspieler, um eine spannende Geschichte zu erzählen. Dies war auch der Fall in „And Here I Am“ (Und hier bin ich) von Hassan Abdulrazzak. Der palästinensische Schauspieler Ahmed Tobasi von Artists On The Frontline erzählt seine eigene bemerkenswerte Geschichte, wie er als Mitglied des Islamischen Dschihad in Palästina zum Schauspieler wurde. Dabei fragt er, ob die Bühne wirklich so mächtig sein kann wie eine AK-47. Der Beifall, mit dem das Publikum am Ende applaudierte, lässt vermuten, dass dies der Fall ist – auch wenn nicht ganz klar ist, ob wir der Aufführung selbst zujubeln oder Tobasis bemerkenswerter persönlicher Wandlungsreise, die ihn im Alter von 17 Jahren für vier Jahre ins Gefängnis führte, bevor er unter den Einfluss von Juliano Mer Khamis geriet, einem der Leiter des „Jenin Freedom Theatre“.

Weniger dramatisch ging es ein paar Stunden später auf der Bühne des Thaliasaals zu, wo man der absurden One-Man-Show mit Wolfram Koch „Zack. Eine Sinfonie“ beiwohnen konnte, in der Texte von Daniil Charms verarbeitet wurden. Die kurzen Texte verlangen rasante Szenen- und Rollenwechsel. Mit ständig wechselnden Kostümen, Perücken und Masken schlüpfte Wolfram Koch in unterschiedlichste Figuren – eine anspruchsvolle Aufgabe, die er mit beeindruckender Leichtigkeit meisterte. Seinen Fans bot die Vorstellung die Gelegenheit, ihn von vielen ungewohnten Seiten zu erleben. Und auch alle, die einen vielseitigen Sinn für Humor mitbrachten, kamen bei dieser Koproduktion des Staatstheaters Saarbrücken mit dem Théâtre National du Luxembourg dabei voll auf ihre Kosten, auch wenn manchmal durchaus alberne und platte Witze dabei waren.

Eines der am schnellsten ausverkauften Theaterstücke war gewiss „Don Quijote“ von Miguel Cervantes, unter der Regie von Alexandru Dabija, mit dem bekannten rumänischen Schauspieler Marcel Iureș in der Hauptrolle. Iureș ist besonders für seine internationalen Rollen in Blockbustern wie „Projekt: Peacemaker“ (1997) an der Seite von George Clooney und Nicole Kidman oder „Mission: Impossible“ (1996) mit Tom Cruise bekannt. Im Hermannstädter „Gong“-Theater spielte er den gebrechlichen exzentrischen alten Mann, der sich auf ein verrücktes Abenteuer begibt. Zusammen mit seinem treuen Diener Sancho Panza, gespielt von Dan Rădulescu, durchquert Don Quijote eine Welt voller Illusionen und Gefahren. Bewaffnet mit einer Lanze, einem Schwert und einer grenzenlosen Fantasie stürzt er sich in die bekannten heldenhaften Kämpfe. Bei jeder Auseinandersetzung wird die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit immer brüchiger, und die beiden entdecken, dass die reale Welt überhaupt nicht der Welt in den Ritterromanen gleicht.

Marcel Iureș in der Hauptrolle des Don Quijote. Foto: Sebastian MARCOVICI/FITS

Kafkas „Metamorphose“ des Bukarester Excelsior-Theaters, in der Regie von Yuri Kordonsky, brachte Menschlichkeit und Absurdität auf die Bühne und gab den Hermannstädtern die Gelegenheit, den Schauspieler Marius Turdeanu vom Radu Stanca-Nationaltheater in der Rolle des Händlers Gregor Samsa, der zu einem „Ungeziefer“ mutiert, wieder zu sehen. Besonders in dieser Inszenierung ist, dass die Figuren nicht nur ihre Dialoge sprechen, sondern jedes Mal auch die Rolle des Erzählers übernehmen, sich beschreiben und ihre Aktionen beschreiben, während sie sie durchführen. Auch wenn sie nicht immer die „Wahrheit“ sagen – manchmal beschreiben sie sich, wie sie sein wollten, nicht wie sie auch tatsächlich aussehen. Das Bühnenbild spielt eine wichtige Rolle in dieser Inszenierung: Ein sich drehender Raum ermöglicht den Zuschauern, in Gregors Zimmer zu schauen, gleichzeitig drinnen und draußen zu sein. Dazu stellt der Regisseur Gregors Metamorphose geschickt dar: In der ersten Szene ist die Figur alleine im Zimmer, um sich nach und nach zu vervielfachen, bis zuletzt neun Darsteller einen pluralen Gregor verkörpern. Es ist ein spektakulärer visueller Effekt, bei dem sich die Darsteller mal kollektiv bewegen, und die gleiche Bewegung durchführen, mal Gesten weiterführen und ergänzen und somit letztendlich das drehende Quadrat füllen. Das Ende schließt allerdings den Kreis, denn im Tod ist Gregor wieder alleine, als ein kleiner, einziger, verdeckter Körper, der auch das von der eigenen Familie Verlassen-sein wiedergibt.

Marius Turdeanu vom Radu Stanca-Nationaltheater in der Rolle des Händlers Gregor Samsa, in Kafkas „Die Verwandlung“. Foto: Sebastian MARCOVICI/FITS

„Valentina“ von Caroline Guiela Nguyen des Théâtre National de Strasbourg gehörte zu den stillen, aber nachhaltig bewegenden Produktionen. Im Mittelpunkt steht ein rumänisches Mädchen, das für seine Mutter, die kein Französisch spricht, einen Brief des behandelnden Arztes übersetzen soll. Zwischen dem Wunsch, die Mutter zu schützen, und der Pflicht, die Wahrheit auszusprechen, gerät Valentina in einen inneren Konflikt, der für ein Kind kaum zu tragen ist. Aus dieser einfachen Ausgangssituation entwickelt Nguyen eine berührende Geschichte über Verantwortung, Liebe und die Macht der Sprache. Besonders beeindruckend war die junge Hauptdarstellerin, die keine professionelle Schauspielerin ist. Mit einer bemerkenswerten Natürlichkeit trug sie den gesamten Abend und verlieh der Figur der Valentina eine große Glaubwürdigkeit. Gerade ihre ungekünstelte Präsenz machte die emotionalen Konflikte des Kindes unmittelbar erfahrbar. Die Inszenierung verzichtet insgesamt auf große Gesten und vertraut auf leise Zwischentöne. Zwischen Krankenhaus und Schule, zwischen Rumänien und Frankreich erzählt sie von Migration, familiären Bindungen und den Rollen, die Kinder oft viel zu früh übernehmen müssen. So entsteht ein sensibles Theaterstück über Wahrheit und Schweigen, das gerade durch seine Zurückhaltung tief berührt.

Mit „Medeas Kinder“ präsentierte der Regisseur Milo Rau und seine Milo Rau & NTGent-Company das zweite Stück des Festivals, in dem Kinder die Hauptrollen übernahmen. Wie schon in einer vorherigen Inszenierung stehen auch hier die jüngsten Figuren im Mittelpunkt – diesmal jedoch, um einer der dunkelsten Geschichten der europäischen Literatur eine neue Perspektive zu geben. Rau verbindet Euripides‘ Medea mit einem realen belgischen Kriminalfall und entwickelt daraus keine klassische Nacherzählung, sondern eine Auseinandersetzung mit Familie, Verlust, Ungerechtigkeit und den Folgen erwachsener Entscheidungen aus der Sicht von Kindern. Die sechs jungen Darstellerinnen und Darsteller wechselten mühelos zwischen Spielszenen, persönlichen Erzählungen und der direkten Ansprache des Publikums. Filmsequenzen ergänzten das Bühnengeschehen, ohne den Fokus von ihrer Präsenz zu nehmen. Die reduzierte Inszenierung verlieh den schweren Themen eine besondere Intensität und zeigte, wie Kinder über Trennung, Tod oder Zukunftsängste sprechen, ohne dass ihre Perspektive an Ehrlichkeit verliert.

Szenenfoto von „Medeas Kinder“. Foto: Sebastian MARCOVICI/FITS

Mit „Der Brief“ präsentierte Milo Rau seine zweite Inszenierung beim FITS und schlug dabei einen deutlich sanfteren Ton an als in „Medeas Kinder“. Gemeinsam mit Olga Mouak und Arne De Tremerie (Festival d’Avignon) entwickelte er eine persönliche Reflexion über das Theater, das Erinnern und die Erfahrungen, die das Leben prägen. Zwischen autobiografischen Erzählungen, literarischen Bezügen und humorvollen Momenten bewegte sich der Abend immer wieder an der Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit. Von Jeanne d’Arc über Tschechows „Die Möwe“ bis hin zu Shakespeare entstand eine Reise durch die Theatergeschichte, die zugleich nach der Rolle des Theaters in der Gegenwart fragt. Im Mittelpunkt standen weniger die einzelnen Geschichten als die Begegnung mit dem Publikum. Die beiden Schauspieler wechseln mühelos zwischen persönlichen Erinnerungen, Spielszenen und Reflexionen über ihre Arbeit auf der Bühne. Auf diese Weise versteht sich „Der Brief“ als Plädoyer für ein zeitgenössisches Volkstheater – offen, nahbar und im Dialog mit den sozialen Fragen der Gegenwart. Humor und Ernst stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander und machen den Abend zu einer ebenso nachdenklichen wie lebendigen Hommage an die Kraft des Theaters.

Eine rumänische Produktion, die viele Frauen im Publikum ansprach, war „Lapte negru“ (Schwarze Milch) nach Elif Shafak, adaptiert von Alma Klein, dargeboten vom Bukarester „Nottara“-Theater am letzten Festivaltag im Saal des Radu Stanca-Nationaltheaters. „Schwarze Milch“ (Regie: Leta Popescu) erzählt auf humorvolle Weise von Weiblichkeit, Mutterschaft, postnataler Depression und der Leidenschaft für das Schreiben, in einer Gesellschaft, in der Frauen nach wie vor mit Doppelmoral und konservativen Denkweisen zu kämpfen haben. Die Geschichte ist inspiriert von den Erfahrungen der berühmten türkischen Schriftstellerin Elif Shafak, die mit der Schwierigkeit konfrontiert war, ein Gleichgewicht zwischen ihrer schriftstellerischen Tätigkeit und ihrem Familienleben zu finden.

In „L’angelo del focolare“ (dt. „Hausengel“) brachte Regisseurin Emma Dante und die Compagnia Sud Costa Occidentale / Carnezzeriadie nicht den idealisierten Typus der glücklichen Hausfrau und Mutter auf die Bühne, sondern die dramatische Geschichte einer Familie, die infolge einer Vergewaltigung entstanden ist und mit einem Femizid endet. Doch nicht einmal der Tod der Frau reicht aus – niemand glaubt ihr. Jeden Morgen findet die Familie sie tot vor und glaubt ihr nicht und jeden Morgen steht sie wieder auf und nimmt ihr Leben in einem Kreislauf aus Gewalt und Leid wieder auf. Im letzten Akt schafft sie es aber, sich zu befreien, sich ein paar glückliche Momente mit der Familie zu erlauben und einen letzten Tanz mit ihrem Mann und Mörder zu tanzen.

Horia Brenciu live auf dem Großen Ring. Foto: FITS

Nicht zu vergessen waren die Konzerte auf dem Großen Ring, wo am Samstag Voltaj und am Sonntag Horia Brenciu und seine HB-Band das Publikum begeisterten. Voltaj-Leadsänger Călin Goia verriet, dass die Band gerade verhandelt, ob sie in der Silvesternacht am Großen Ring konzertiert. Das Konzert ist zwar noch unsicher, doch eines ist gewiss: FITS 2027 wird vom 18. bis 27. Juni stattfinden. Das Motto dieser 34. Auflage wurde noch nicht verraten.

Cynthia PINTER

Mirona STĂNESCU

Ruxandra STĂNESCU

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Theater.