Klug und tiefgründig

Teile diesen Artikel

Der neue Roman von Iulian Ciocan

Ausgabe Nr. 2961

Iulian Ciocan: Am Morgen kommen die Russen. Roman. Aus dem Rumänischen von Peter Groth. Dittrich Verlag, Weilerswist-Metternich 2025, 240 Seiten, ISBN 978-3-910732-88-9, 18 Euro.

Mit seinem Roman „Am Morgen kommen die Russen“, der 2015 auf Rumänisch unter dem Titel „Iar dimineaţa vor veni ruşii“ im Polirom Verlag erschienen ist, liefert Iulian Ciocan eine kraftvolle literarische Vision, die sich zwischen dystopischer Fiktion und bitterer politischer Realität bewegt. Der Autor, der als eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Literatur der Republik Moldova gilt, greift ein zentrales Thema seiner Heimatregion auf: die wiederkehrende Angst vor Fremdherrschaft, Besetzung und Identitätsverlust.

Die Handlung des von Peter Groth ins Deutsche übersetzten und vor kurzem im Dittrich Verlag erschienen Romans spielt in einem fiktional datierten Jahr 2020 (unter Verweis auf den 25. Juni), das mit dem historischen Datum der sowjetischen Besetzung Bessarabiens am 28. Juni 1940 in Beziehung gesetzt wird.

In dieser Konstruktion fungiert das Jahr 2020 als Spiegelbild und Wiederholung eines historischen Traumas. Der Schauplatz ist vorwiegend Chişinău, beschrieben als Stadt im Ausnahmezustand, in der Panik, wechselnde Loyalitäten, Machtverschiebungen und existentielle Entscheidungen den Alltag bestimmen. Ein Professor flieht, ein Student kehrt zurück – das persönliche Schicksal wird zur Metapher für ein kollektives Trauma.

Stilistisch beeindruckt Ciocan mit einer Sprache, die nüchtern, klar und zugleich aufgeladen ist. Der lakonische Ton erzeugt eine unheimliche Spannung: Nicht dramatische Effekthascherei steht im Vordergrund, sondern das Alltägliche unter Ausnahmebedingungen, das dem Leser den Boden unter den Füßen entzieht. Gleichzeitig gelingt es dem Autor, groteske und absurde Momente einzubauen – etwa literarische Zirkel, Verfahren gegen Schriftsteller oder absurde Bürokratien –, die den Roman ins Unheimliche kippen lassen.

Inhaltlich eröffnet der Roman mehrere Ebenen zugleich: Er ist Politthriller und Satire, Gesellschaftsanalyse und Reflexion über Erinnerung, Identität und Macht. Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung einer Gesellschaft, die zwischen Rückzug und Widerstand, Flucht und Anpassung gefangen ist. Der „Feind“ erscheint dabei in mehrfacher Gestalt: militaristisch, ideologisch, aber vor allem auch innerhalb der Gesellschaft selbst. Wer gilt als loyal? Wer wird zum Verräter? Wer bleibt verschont, wer wird geächtet? Diese Fragen treiben den Roman bis zur letzten Seite voran.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Topografie des Raums: die Moldau, das frühere Bessarabien, zwischen Pruth und Dnjestr erscheint nicht nur als geografisches Gebiet, sondern als mentale Zone. Zwischen Osten und Westen, zwischen Russland und Rumänien, zwischen Erinnerung und Gegenwart bewegen sich die Figuren. Aus dieser Verortung ergibt sich eine besondere Doppelbödigkeit: Der Roman handelt nicht nur von einer „Invasion“, sondern von der Wiederkehr eines bereits erfahrenen Unheils – und damit von einer kollektiven Wachsamkeit, die gerade im postsowjetischen Kontext von großer Aktualität ist.

Positiv hervorzuheben ist zudem, dass Ciocan nicht in einfache Schwarz-Weiß-Schemata verfällt. Zwar ist Russland im Text nicht positiv besetzt, doch der Autor zeichnet vielmehr ein komplexes Netz aus Ängsten, Verunsicherung und systemischen Brüchen. Die Figuren sind keine klassischen Helden, sondern Menschen, die mit ihrem Schicksal ringen und häufig scheitern. Gerade diese Perspektive verleiht dem Roman Authentizität und Tiefe.

Nicht zuletzt überzeugt „Am Morgen kommen die Russen“ durch seine Fähigkeit, Geschichte und Gegenwart literarisch miteinander zu verbinden und dabei Spannung, Reflexion und Emotion zu vereinen. Ciocan gelingt ein Text, der fesselt, ohne belehrend zu wirken, und der gleichermaßen unterhält wie zum Nachdenken anregt. Wer sich auf diese Mischung aus politischer Fiktion, historischer Erinnerung und psychologischem Einfühlungsvermögen einlässt, wird mit einem literarischen Erlebnis belohnt, das lange nachhallt.

Iulian Ciocan hat einen vielschichtigen und eindrucksvollen Roman geschrieben, der Geschichte, Politik und menschliche Erfahrung miteinander verknüpft. „Am Morgen kommen die Russen“ ist ein Werk, das sowohl literarisch als auch inhaltlich überzeugt – spannend, klug und tiefgründig.

Josef SALLANZ

Anmerkungen der Redaktion: Der Rezensent, Dr. Josef Sallanz, ist DAAD-Lektor am Germanistiklehrstuhl der Staatlichen Pädagogischen Universität Ion Creangă in Chişinău und hat u. a. 2020 den Band Dobrudscha. Deutsche Siedler zwischen Donau und Schwarzem Meer” verfasst (Deutsches Kulturforum östliches Europa Potsdam).

Der Schriftsteller Iulian Ciocan, Jahrgang 1968, war auf Einladung des Rumänischen Kulturinstituts bei der Leipziger Buchmesse 2026 zu Gast, wo er auch diesen Roman vorgestellt hat.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.