Landkarte fürs Leben

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Ausgabe Nr. 2954

Der Philosoph Carsten Adler über Stoizismus, Veränderung und sein Buch

Der gebürtige Burgdorfer Geisteswissenschaftler Carsten Adler. Foto: Privat

Was bedeutet es, ein gutes Leben zu führen? Für den Philosophen Carsten Adler liegt die Antwort nicht in äußeren Umständen, sondern im eigenen Umgang mit ihnen. In seinem Buch „Pepe Poseidonios – der kleine Stoiker aus dem Atlantik“ nähert er sich dem Stoizismus auf persönliche Weise. Eine Rezension ist aus der Feder von Eduard Reschke in der HZ Nr. 2950 vom 13. März 2026 erschienen. Im Gespräch berichtet Carsten Adler dem HZ-Praktikanten Eduard R e s c h k e von seinem Zugang zur stoischen Philosophie, persönlichen Wendepunkten und die Gedanken hinter seinem Buch.

Viele können mit dem Begriff Stoizismus zunächst wenig anfangen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich glaube, dass der Begriff für viele erst einmal negativ behaftet ist oder einfach nichts Konkretes auslöst. Man verbindet damit vielleicht Gefühllosigkeit oder Strenge, aber das trifft es eigentlich nicht.

Warum ist Stoizismus Ihrer Meinung nach gerade wieder präsenter?

Ich denke, dass viele Menschen merken, dass äußere Dinge allein nicht tragen. Dass man darüber vielleicht nicht wirklich Zufriedenheit findet und dann nach etwas anderem sucht.

Was bedeutet Stoizismus für Sie persönlich?

Für mich bedeutet er vor allem, nicht von äußeren Dingen abhängig zu sein. Also nicht zu sagen: Ich bin glücklich, wenn dieses oder jenes passiert, sondern zu schauen, wie ich selbst damit umgehe. Ein Gedanke, der für mich zentral ist: Wenn ich mir immer nur das wünsche, was ist, dann bin ich wunschlos glücklich.

Wie sind Sie zu diesem Gedanken gekommen?

Das war bei einem Spaziergang im Wald. Der Gedanke kam einfach und ein paar Tage später bin ich auf Seneca gestoßen. Da hatte ich das Gefühl, genau das wiederzufinden.

War das Ihr Einstieg in den Stoizismus?

Ja, aber nicht im klassischen Sinne. Es war eher ein Wiedererkennen. Die stoischen Texte sind für mich keine Lehre von außen, sondern eher eine Art Landkarte.

Sie haben auch viel über Menschlichkeit gesprochen. Welche Rolle spielt sie für Sie?

Wenn man sich anschaut, was Menschen erlebt haben, verändert das den Blick. Es gibt Menschen, über die man vielleicht schnell urteilt. Aber wenn man ihre Geschichte kennen würde, würde man sie wahrscheinlich eher verstehen.

Und das verbinden Sie mit Stoizismus?

Ja, weil ich glaube, dass dieser Impuls im Menschen selbst liegt. Der Stoizismus erinnert einen eher daran, als dass er etwas vorgibt.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Stoizismus habe wenig mit Emotionen zu tun?

Die Frage ist, ob man ein Spielball seiner Emotionen sein will oder ob man versucht, sich darüber ein Stück weit zu erheben. Ich glaube, dass wir als Menschen dazu in der Lage sind.

Sie haben selbst einen starken Wandel erlebt. Was hat sich bei Ihnen verändert?

Meine Werte haben sich stark verschoben. Früher war die Musik ein sehr großer Teil meines Lebens. Ich hatte dort auch Möglichkeiten, aber ich habe gemerkt, dass es nicht mein Weg ist. Das hat viele überrascht, weil das mein Lebensmittelpunkt war.

Was hat Sie zu dieser Erkenntnis gebracht?

Dieses „auf Biegen und Brechen etwas erreichen wollen“ kann einen auch kaputt machen. Ich habe etwas gewollt, das meinem Willen entsprochen hat, aber nicht meinem Wesen.

Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert?

Als ich nach einem Jahr von La Palma zurückkam, sagten meine Eltern, ich hätte mich komplett verändert. Für viele wirkte das wie ein kompletter Wandel.

Was hat Sie nach La Palma geführt und welche Rolle hat diese Zeit für Sie gespielt?

La Palma war für mich wie ein inneres Retreat. Ich bin damals spontan aufgebrochen, wollte möglichst weit weg von meiner Heimat und etwas völlig Neues ausprobieren. Ich habe dort viel gelesen, geschrieben, meditiert und oft stundenlang am Meer gesessen. Es war für mich eine Phase der Einkehr.

Woran merkt man diese Veränderung heute?

Zum Beispiel daran, dass mich Dinge, die mich früher interessiert haben, heute gar nicht mehr reizen. Auch dieses extreme Auf und Ab von „himmelhoch jauchzend“ bis „zu Tode betrübt“ habe ich so nicht mehr.

Wie sind Sie nach Hermannstadt gekommen?

Über meine Familie. Wir haben herausgefunden, dass es dort Wurzeln gibt. Als ich dort war, hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass es sich ein Stück wie Heimat anfühlt.

Kommen wir zu Ihrem Buch: Worum geht es in „Pepe Poseidonios – der kleine Stoiker aus dem Atlantik“?

Im Kern geht es um einen inneren Wandel. Im Buch wird das symbolisch dargestellt, aber eigentlich geht es darum, alte Strukturen hinter sich zu lassen.

Steckt darin auch viel von Ihnen selbst?

Ja, auf jeden Fall. Man kann sich beim Schreiben nicht komplett herausnehmen.

Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern mitgeben?

Diesen Moment, innezuhalten und sich zu fragen: Will ich das wirklich?

Sie haben bereits ein weiteres Buch geschrieben. Worum geht es darin?

Das Buch heißt „Die einzige Religion ist Liebe! Der philosophische Beweis, dass alle Religionen in ihrem Kern vereint sind“ und erscheint in den kommenden Tagen. Darin geht es um die Idee, dass allen Religionen ein gemeinsamer Kern zugrunde liegt.

Was nehmen Sie persönlich aus all dem mit?

Immer wieder dieser Moment, innezuhalten und zu prüfen, ob das, was man will, wirklich der eigene Weg ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Anmerkung der Redaktion: Carsten Adlers Buch „Pepe Poseidonios – der kleine Stoiker aus dem Atlantik“ ist in der Schiller-Buchhandlung und im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt erhältlich. Sein neues Buch „Die einzige Religion ist Liebe! Der philosophische Beweis, dass alle Religionen in ihrem Kern vereint sind“ ist im Manuela Kinzel Verlag erschienen und wird u. a. auch über das Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt erhältlich sein.

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher, Gesellschaft, Persönlichkeiten.