Politischer Einfluss trotz Säkularisierung?

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Vortrag des Theologen John P. Burgess über Religion und Politik in den USA

Ausgabe Nr. 2951

Theologe John P. Burgess aus Pittsburgh bei seinem Vortrag im prall gefüllten Presbyterialsaal.                                                              Foto: Tobias JARITZ

Während sich die amerikanische Gesellschaft zunehmend säkularisiert, gewinnen gleichzeitig religiöse Gruppen politischen Einfluss. Dieses scheinbare Paradox stand im Mittelpunkt des Vortrags zum Thema „Religion und Politik: Was passiert in den USA?“ des amerikanischen Theologen John P. Burgess, der am 15. März im Presbyterialsaal des Stadtpfarramts am Huetplatz stattfand. Burgess ist Theologe am Pittsburgh Theological Seminary und forscht derzeit als Fulbright-Stipendiat in Hermannstadt.

Zu Beginn seines Vortrags stellte Burgess anhand von Statistiken die religiöse Entwicklung in den Vereinigte Staaten von Amerika dar. Die Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Politik sei komplizierter, als man zunächst annehmen könnte, erklärte er. Um die aktuelle Situation zu verstehen, müsse man insbesondere das komplexe Zusammenspiel von Religion und Politik während der Präsidentschaft von Donald Trump betrachten.

Zugleich verwies Burgess darauf, dass viele Amerikaner stolz auf die in der Verfassung verankerte Trennung von Staat und Kirche seien. Dennoch spiele Religion weiterhin eine wichtige Rolle im politischen Leben des Landes. Gleichzeitig zeigten die Statistiken eine deutliche Veränderung: Der Anteil der Menschen, die sich als christlich bezeichnen, sei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen: von 78 Prozent im Jahr 2007 auf 62 Prozent im Jahr 2023. Die meisten Christen in den USA sind Protestanten.

Insgesamt lasse sich eine klare Tendenz zur Säkularisierung der Gesellschaft beobachten. Burgess prognostizierte, dass in absehbarer Zeit erstmals eine Mehrheit der Bevölkerung sich nicht mehr als christlich, sondern als konfessionslos bezeichnen werde. Damit geht auch ein schwindender Einfluss der Religion auf die Politik einher. Die Kirchen verlieren zunehmend an gesellschaftlicher und politischer Macht.

Vor diesem Hintergrund erklärte sich Burgess auch die starke Unterstützung für Donald Trump unter christlichen Wählerinnen und Wählern. Eine Mehrheit der Christen habe bei der letzten Präsidentschaftswahl für Trump gestimmt, weil viele in ihm einen Politiker sahen, der dieser Entwicklung entgegenwirken könnte. Besonders deutlich zeige sich dies bei den Evangelikalen: Rund 85 Prozent der weißen evangelikalen Christen haben Trump ihre Stimme gegeben.

Evangelikale sind eine Strömung innerhalb des Protestantismus. Zentral für ihren Glauben ist die Überzeugung, dass die Bibel die höchste religiöse Autorität darstellt und möglichst wörtlich verstanden werden soll. In politischen Fragen vertreten viele evangelikale Gruppen extrem konservative Positionen, etwa die komplette Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen, die Betonung traditioneller Familienbilder oder die Unterstützung eines weitreichenden Rechts auf privaten Waffenbesitz.

Sie unterstützten Trump allerdings nicht, weil sie ihn für einen besonders guten Christen hielten, betonte Burgess. Vielmehr erwarteten sie von ihm größere politische Freiräume für ihre Anliegen als von den Demokraten. Tatsächlich haben evangelikale Gruppen während Trumps Amtszeit an Einfluss gewonnen. Viele seiner engsten Berater stammen aus evangelikalen Kreisen, und auch in den Medien sind evangelikale Stimmen besonders präsent. Burgess verwies darauf, dass in konservativen Kreisen die Begriffe „republican“ und „evangelical“ inzwischen häufig nahezu synonym verwendet würden. Republikanische und evangelikale Ideologie überschneiden sich und verschmelzen immer stärker miteinander.

Im Anschluss an den Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. In seinen Antworten wurde Burgess auch persönlicher. Langfristig werde Trumps Präsidentschaft seiner Einschätzung nach keinen entscheidenden Einfluss auf den Prozess der Säkularisierung haben. Kein Politiker könne diese Entwicklung dauerhaft aufhalten, weshalb evangelikale Erwartungen letztlich enttäuscht werden würden.

Zugleich zeigte sich Burgess überrascht darüber, dass sich unter amerikanischen Christen bislang keine breite Gegenbewegung gegen Trump gebildet hat. Angesichts einer Politik, die seiner Meinung nach in vielen Punkten nicht sehr christlich sei, hätte er mit deutlich stärkeren Protesten gerechnet. „Eigentlich sollten Millionen von Menschen in Washington protestieren“, bemerkte er.

Auf die Frage nach der Zukunft der Kirche antwortete Burgess, Christen müssten sich darauf einstellen, künftig nicht mehr die gesellschaftliche Mehrheit zu stellen und die große Politik nicht mehr maßgeblich zu bestimmen. Stattdessen gehe es darum, Wege zu finden, im kleineren Rahmen wirksam Gutes zu tun.

Zum Abschluss des Abends wurde der Theologe emotional. „Es ist wirklich tragisch. Was in meinem Land passiert, macht mich traurig“, sagte er. Früher sei die Demokratie ein zentraler Wert in den Vereinigten Staaten gewesen. „Diese Zeit ist jetzt vorbei.“

Nach dem Vortrag lud die evangelische Kirche die Besucher zu einem geselligen Beisammensein mit Buffet ein. Besonders eine Bemerkung aus dem Publikum blieb im Gedächtnis: „Auch ein säkularisierter Staat muss irgendwo Werte hernehmen, für die er steht und nach denen er handelt.“

Tobias JARITZ

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Kirche.