,,Als die Stille kam“

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Schulvortrag über Lawinenunglück am Bulea-See 1977

Ausgabe Nr. 2940

Friedrich Philippi (links) und Monika Hay.                         Foto: Max GALTER

„Jetzt kommt bitte die letzte Reihe erstmal vor und setzt sich in die erste“. Mit diesem einleitenden Satz schlägt Friedrich Philippi, ehemaliger Erdkundelehrer des Samuel-von-Brukenthal-Gymnasiums, zwei Fliegen mit einer Klappe. Er bringt nicht nur einige Schüler mit einer Aufmerksamkeitsschwäche näher zum Geschehen, sondern füllt auch die leer gebliebene erste Reihe.

Diese Nähe ist wichtig, um die Schüler für etwas zu sensibilisieren, das ihnen bis heute noch in Form einer Marmortafel in der Schule begegnet. Denn die Marmortafel gedenkt an das Lawinenunglück im Frühjahr 1977 am Bulea See, das 23 Schülern und Lehrern des hiesigen Gymnasium das Leben nahm. Im Rahmen einer Schulrally über geschichtsträchtige Objekte der Brukenthalschule beschäftigten sich zwei Klassen der Mittelstufe am 27. November in der Aula mit diesem traurigen Anlass. Und was gibt es besseres, als einen Zeitzeugen selber sprechen zu lassen.

Aus Philippis gut dokumentierten Bildern trat ein vertrautes Lagerleben hervor. Man sah eine junge Skigruppe, die von der Drahtseilbahn aus losgelaufen ist. Ohne Ausrüstung, da es einen Materiallift nach oben gab. Es glänzte der schneebedeckte Schnee auf dem vereisten See und man erkannte die Bulea Hütte. Nach drei sonnigen skiaffinen Tagen folgte unaufhörlicher Schneefall. Man konnte bald nicht mehr aus der Hütte mit den Kindern, weil der Schnee bis zum Dach anstieg. Diese Abende genossen sie mit Tanz, Spiel und Gesprächen.

Die Aufmerksamkeit der Kinder hatte Philippi inzwischen gewonnen, gespannt hörten sie ihm zu. Schließlich kamen sie zu dem schwarzen Tag. Einem Sonntag. Der frisch gefallene Schnee wollte bedient werden, aber nicht alle Kinder durften zur Abfahrt. Die dicke Neuschneeschicht war nichts für Kleine. Die erfahrensten unter den Kindern gingen mit Richard Schuller, dem Leiter des Skilagers, auf den Hang. Während sie den Schnee platt traten, löste sich die Schneedecke. Diese riss alle mit, die auf der Piste waren.

Laut Philippi war das Ereignis fast lautlos: Aus der Hütte hörte man die Katastrophe offenbar nicht.

Die Suchaktionen begannen am Folgetag. Das Militär suchte mit Stangen und sondierte die Schneemassen. Innerhalb von zwei Tagen konnten 23 Menschen geborgen werden, Schüler wie Lehrer. Niemand wurde lebend geborgen. Die Verunglückten wurden mit der Gondel ins Tal gebracht. Helfer konnten nicht unterscheiden, wen sie transportierten. In den Tagen danach folgten zahlreiche Beerdigungen. Bilder zeigten trauernde Familien, Schüler, die beim Begräbnis halfen, und besondere Gräber, etwa jene der „Gross-Jungen“ (Peter und Dieter), beide Söhne der damaligen Schulleiterin Edda Gross.

Philippi schilderte auch menschliche Details: Weil er zu einer Hochzeit musste, sei er am Samstagabend abgestiegen. Ein Mädchen, dem die Mütze fehlte und das zurückgeschickt wurde, überlebte so das Unglück. Zufälle, die Leben gerettet haben.

Der Lagerleiter Schuller wird als Teilschuldiger betrachtet, Philippi aber relativierte diese Schuldzuschreibungen, weil die Begründung nachgewiesenermaßen erfunden war, doch die Diskussion bleibt lebendig.

Die Lawine war nach heutigem Verständnis wahrscheinlich eine Schneestaublawine. Eine große, frische Masse auf einem bereits stark verdichteten oder vereisten Hang, die plötzlich nicht mehr haftet. Solche Rutschungen entwickeln eine ungeheure Kraft, sind enorm schnell, oft dauert ein vollständiger Durchgang weniger als eine Minute. In Lawinentälern, wie auch dem Bulea-Kessel, kann sich bei sehr hoher Schneebelastung großes Gefährdungspotenzial ergeben. Nach dem Unglück wurde das jährliche Skilager nicht mehr in der bisherigen Form fortgeführt. An die Opfer erinnerten später Ski-Wettkämpfe, so der um den In Memoriam-Pokal, eine Gedenktafel am Bulea und eine in der Schule im zweiten Stock.

Mit diesem Vortrag wird nun der Blick der Schüler auf diese Marmortafel im Schulhaus für immer verändert sein.

Die Erinnerungen an jene Menschen, die 1977 ihr Leben verloren, sind in der Schule und in der siebenbürgisch-sächsischen Minderheit also noch zu spüren, nicht als bloßes Datum auf einer Tafel, sondern als Mahnung an die Kraft der uns umgebenden Natur.

Max GALTER

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft.