Kinder stark machen – von Anfang an

Teile diesen Artikel

Interview mit Teresa Leonhard zum Kinderparcours ,,Mein Körper…“

Ausgabe Nr. 2936

Camelia Proca vom A.LE.G.-Verein, Julia Heyden, Teresa Leonhard und Dr. Liane Junesch vom Studiengang Grundschul- und Vorschulpädagogik in deutscher Sprache der Lucian Blaga-Universität bei der Vernissage am 8. Oktober 2025 (v. l. n. r.).                              Foto: Privat

Der interaktive Kinderparcours „Mein Körper – Ich kenne mich und hör’ auf mich“ in der Ferula der evangelischen Stadtpfarrkirche Hermannstadt sensibilisiert Kinder auf spielerische Weise für Themen wie Selbstwahrnehmung, Grenzen, Nähe und den Wert jedes einzelnen Kindes. Das Projekt wurde vom Studiengang Grund- und Vorschulpädagogik in deutscher Sprache (PIPP DE) an der Universität „Lucian Blaga“ initiiert und begleitet. Die Kuratorinnen Teresa Leonhard und Julia Heyden bekamen das Ausstellungsmaterial vom Schweizer Verein LIMITA geschenkt und entwickelten eine Umsetzung für Siebenbürgen. Ermöglicht wurde dies durch die finanzielle Unterstützung der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg und des Landes Kärnten sowie durch die Kooperation mit zahlreichen Partnerorganisationen vor Ort. Im Gespräch berichtet Co-Projektleiterin Teresa Leonhard dem HZ-Praktikanten Eduard R e s c h k e von den bisherigen Erfahrungen, den Rückmeldungen der Lehrpersonen und den Herausforderungen bei der Umsetzung.

 

Welche Gruppen haben bisher den Kinderparcours besucht?

Bisher haben sieben Klassen aus öffentlichen Grundschulen und einem Gymnasium den Parcours besucht, darunter auch eine rumänischsprachige Klasse mit Übersetzerin, außerdem eine englischsprachige Klasse einer privaten Grundschule und eine After-School-Gruppe, alle aus Hermannstadt und Umgebung. Für die kommende Woche sind noch zwei Grundschulkassen angemeldet.

Wie war die Resonanz der Lehrpersonen und Kinder?

Die Rückmeldungen waren sehr positiv. Mehrere Lehrpersonen haben erzählt, dass die Kinder aufmerksam und interessiert waren und die Inhalte gut nachvollziehen konnten. Eine Lehrerin hat sogar schon vor dem Besuch begonnen, das Thema im Unterricht erfolgreich vorzubereiten, was uns sehr gefreut hat. Eine andere war sich zunächst unsicher, ob sie mit ihrer Klasse überhaupt kommen sollte. Danach meinte sie, es sei eine wertvolle und bereichernde Erfahrung für alle gewesen, mit vielen offenen Gesprächen und ehrlichen Rückmeldungen der Kinder. Das zeigte, dass der Besuch sinnvoll war.

Gab es bestimmte Reaktionen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Ja, vor allem eine Rückmeldung einer Lehrerin, die sagte, dass sie im Workshop zum ersten Mal wirklich über das Thema professionelle Nähe nachgedacht hat. Wenn ein Kind weint, umarmen wir es oft instinktiv, aber vielleicht ist das in dem Moment gar nicht angenehm oder hilfreich für das Kind. Dieses Bewusstmachen, wie man Nähe im pädagogischen Alltag gestaltet, ohne Grenzen zu überschreiten, war für viele ein wichtiger Lernmoment. Das zeigt, dass der Parcours nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene zum Nachdenken bringt. Auf der anderen Seite war es die große Sorge der Lehrpersonen, ob und wie man den Körper in der Grundschule überhaupt thematisieren darf und kann, die uns sehr beschäftigt hat. Auch die Widersprüche in der heutigen Gesellschaft sind deutlich: Einerseits steht der Körper in allen Medien im Mittelpunkt. Andererseits ist er immer noch ein Tabu, besonders in Rumänien.

Was waren die größten Herausforderungen während der Umsetzung?

Eine Herausforderung war, dass gegenüber dem Thema immer noch Hemmschwellen bestehen, sowohl bei Lehrpersonen als auch bei Eltern. Viele sind sich unsicher, wie offen sie über Körper, Grenzen oder Berührung sprechen dürfen. Ich spreche dabei nicht von Sexualkunde. Außerdem war es schwierig, Schulen für das Projekt zu gewinnen. Das zeigt uns, dass Prävention in diesem Bereich noch stärker verankert werden muss, auch im schulischen Kontext und dass wir den Diskurs in der Gesellschaft anregen dürfen und sollen – das tut allen gut. Besonders erfreulich war für uns, dass wir so viele unterstützende Partner hatten, die unser Anliegen mittragen und die offen und auch mutig sagen: Wir wollen bestimmte Tabus aufbrechen. Der Körper ist in der rumänischen Gesellschaft scheinbar noch ein Tabu.

Wie sieht es mit der Besucherzahl insgesamt aus?

Es gab keinen großen Zustrom, das muss man ehrlich sagen. Wenn man bedenkt, wie viele Klassen es mit deutscher Unterrichtssprache gibt, hätte ich mir schon gewünscht, dass mehr Gruppen kommen. Ich hatte auf so etwas wie einen „Dominoeffekt“ gehofft, dass die, die hier waren, anderen sagen: „Da kannst du hingehen, das ist gut vorbereitet. Du bist nicht allein mit den Kindern, Studierende begleiten dich.“ Warum das nicht in größerem Umfang passiert ist, weiß ich nicht genau, aber für mich gilt: Qualität vor Quantität. Der Fokus bestand nicht darin, hohe Zahlen zu erreichen, sondern wertvolle Erfahrungen zu ermöglichen. Das ist uns gelungen. Über 100 Kinder haben die Ausstellung besucht. Sie und ihre Lehrpersonen haben etwas mitgenommen, das nachwirkt.

Wurde das Angebot auch außerhalb der Schulen genutzt?

Ja, manche Familien aus Hermannstadt, aber auch Touristen, die gerade zufällig in der Kirche waren kamen ohne Anmeldung und betrachteten neugierig die Stationen. Das ist großartig, denn genau das wünschen wir uns. Die Eltern gingen mit ihren Kindern durch den Parcours, probierten Dinge aus, sprachen miteinander. Genau das ist der Sinn der Ausstellung. Es geht nicht nur um Wissen, sondern auch um Gespräche über Themen, die oft im Alltag zu kurz kommen.

Was wünschen Sie sich, dass Kinder und Lehrpersonen aus der Ausstellung mitgenommen haben?

Prävention von sexualisierter Gewalt ist kein einfaches Thema, aber ein notwendiges. In der Ausstellung werden die sechs Präventionsprinzipien kindgerecht und niederschwellig thematisiert – diese Prinzipien gehen uns alle an. Wenn ein Kind nach diesem Besuch weiß, dass es „Nein“ sagen darf, dass es gute und schlechte Geheimnisse gibt und man nichts verschweigen muss, was sich nicht gut anfühlt oder wenn eine Lehrperson bewusster über Nähe und Distanz nachdenkt, dann ist schon viel erreicht.

Wie geht es mit der Ausstellung weiter?

Nach dem 15. November zieht die Ausstellung nach Seligstadt, wo Dr. Renate Klein und Pfarrer Johannes Klein von der evangelischen Kirchengemeinde Fogarasch die Kuratoren sein werden. Wir freuen uns sehr, dass das Projekt weitergeführt wird und so weitere Kinder und Lehrpersonen erreicht.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Persönlichkeiten.