Geschichte und Legende

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Hans-Georg Junesch stellte Martin von Tours vor

Ausgabe Nr. 2938

Pfarrer Hans-Georg Junesch bei seinem Vortrag im Spiegelsaal des DFDH.
Foto: Eduard RESCHKE

Der Kaffeenachmittag des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt (DFDH) stand am 11. November ganz im Zeichen des Martinstages. Die Hälfte des Publikums bildeten Schülerinnen und Schüler der Brukenthalschule, die gemeinsam mit ihrem Religionslehrer, Pfarrer Hans-Georg Junesch, gekommen waren, um dessen Vortrag über Martin von Tours zu verfolgen.

 

Pfarrer Junesch begann seinen Vortrag mit einem Blick auf die frühen Jahre Martins, der um die Jahre 316/317 in Savaria, im Gebiet des heutigen Ungarn, geboren wurde. Weder er noch seine Eltern waren Christen und auch seine berühmte Mantelteilung ereignete sich vor der Taufe. Die Datierung seiner Geburt in die Zeit Kaiser Konstantins veranschaulichte Junesch als eine Epoche, in der das Christentum im Römischen Reich gerade erst anerkannt worden war.

Passend illustriert wurde das Erzählte durch Bildmaterial des Schweischer Martinsaltars. Ein typisches Bildmotiv begleitete den Vortrag: Martin, dargestellt als junger Soldat zu Pferd, mit Mantel und Schwert, während vor ihm ein frierender Bettler kniet. Diese Szene sei, so Junesch, nicht nur Ausdruck gelebter Nächstenliebe, sondern auch ein symbolischer Moment – eine „Verbindung zwischen zwei Menschen“, wie er es nannte. In der Tradition wird erzählt, dass Martin in der Nacht nach der Mantelteilung einen Traum hatte, in dem ihm Jesus Christus mit dem halben Mantel erschien.

Über viele Heilige des frühen Christentums existieren zahlreiche Erzählungen, die im Laufe der Jahrhunderte ausgeschmückt oder weiterentwickelt wurden. Mit zunehmender zeitlicher Distanz verschwimmt häufig die Grenze zwischen historischer Überlieferung und späteren Deutungen. Im Fall von Martin von Tours ist die Quellenlage jedoch in einem Punkt bemerkenswert: Schon kurz nach seinem Tod verfasste ein Zeitgenosse, der ihn persönlich kannte und sein Wirken begleitet hatte, eine Biografie. Diese frühe Schrift, die unter dem Titel „Vita Sancti Martini“ („Das Leben des Heiligen Martin“) überliefert ist, stellt ein außergewöhnliches Dokument ihrer Zeit dar. Die heute bekannte Fassung geht zwar auf eine Abschrift aus dem 12. Jahrhundert zurück, doch gilt sie als eine bedeutende Quelle für die historische Person Martin.

In seinem Vortrag zeichnete Junesch Martins Lebensweg, der durch mehrere Regionen des damaligen Römischen Reiches führte. In jungen Jahren kam er in das Gebiet um Pavia in Norditalien, die Heimat seines Vaters. Dort begegnete er dem christlichen Glauben und begann sich im Alter zwischen zehn und fünfzehn Jahren auf die Taufe vorzubereiten. Als Sohn eines Offiziers war für ihn jedoch der Eintritt in den Militärdienst verpflichtend. So gelangte er mit fünfzehn nach Mailand, wo der Kaiser residierte. Er wurde dort einer höheren Dienstklasse zugeordnet und zum Leiter der kaiserlichen Leibgarde ausgebildet.

Später wurde Martin nach Amiens versetzt, im Norden des heutigen Frankreichs. Die Geschichtsforschung nimmt an, dass sich in dieser Zeit auch jenes berühmte Ereignis der Mantelteilung ereignete, das zu seinen bekanntesten Symbolhandlungen zählt. Die Darstellungen zeigen ihn meist als jungen Soldaten.

Die Taufe empfing Martin im Jahr 351 in Poitiers im westlichen Teil des heutigen Frankreichs. Einige Zeit danach verließ er in Worms (heute Deutschland) den Militärdienst. Anschließend zog er sich in die Umgebung von Genua zurück. Seine Art, den christlichen Glauben zu leben und weiterzugeben, zog viele Menschen an und machte ihn bekannt. In Ligugé bei Poitiers wurde er im Jahr 370 zum Priester geweiht und gründete dort ein Kloster, das zu einem prägenden Zentrum der frühen christlichen Gemeinschaft wurde.

Junesch erzählte auch die bekannte Geschichte, in der sich Martin im Gänsestall versteckte, um seiner Wahl zum Bischof von Tours zu entgehen. Er wurde jedoch von den Gänsen verraten. Besonderes Interesse fanden die Schilderungen rund um Martins Tod im Jahr 397 in Candes. Junesch erläuterte, wie Martins Leichnam über den Fluss Loire nach Tours überführt wurde und die Bevölkerung die nächtliche Fahrt mit Lichtern vom Ufer aus begleitete. Daraus entwickelten sich die späteren Laternenumzüge, wie man sie vielerorts, auch in Hermannstadt, bis heute am Martinstag kennt. Da die Beisetzung am 11. November erfolgte, wurde dieses Datum zum Gedenktag des Heiligen Martin.

Der Nachmittag klang bei angeregten Gesprächen bei Kaffee und Kuchen aus. Die nächste Veranstaltung des DFDH ist die Adventsfeier am Freitag, dem 12. Dezember, 18 Uhr.

Eduard RESCHKE

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Gesellschaft.