,,…was aus mir geworden ist“

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Karin Gündisch las aus ihrem neuen Buch ,,Die Tür zum Paradies“ im Erasmus-Büchercafé

Ausgabe Nr. 2923

Zwei Wahlmichelsberger unter sich: Die Schriftstellerin Karin Gündisch (rechts) im Gespräch mit dem Theologen Stefan Tobler.     Foto: B. UNGAR

Nicht nur Karl, der Protagonist der titelgebenden Erzählung „Die Tür zum Paradies“ des neuen Buches von Karin Gündisch, schlägt sich mit dieser Feststellung herum: „Was ich einmal war und was aus mir geworden ist“. Sie lässt sich als subkutanes Leitmotiv des gesamten Bandes auffassen, in dem wir auf 180 Seiten in den zehn Erzählungen Personen in herausfordernden Lebenssituationen antreffen, die ihnen als Zwischen- oder Finalbilanzierung diesen Satz abnötigen. Am 1. August führte Karin Gündisch in ihrer Lesung im Erasmus-Büchercafé das zahlreiche Publikum manchmal bis zur Tür, aber manchmal auch bis in die Intimität der privaten Räume menschlicher Lebensführung ihrer siebenbürgisch-sächsischen Protagonistinnen hinein.

In keinster Weise voyeuristisch oder komplizenhaft, sondern ehrlich-ungeschönt, zuweilen tragisch, aber immer respektvoll zugleich stellt Karin Gündisch ihre Figuren in ihren Lebenszusammenhängen dar, im Familien- und Arbeitsleben, im Rentenalter, mitten im Leben, in Gebrechlichkeit und Tod, am Anfang des Erwachsenenalters und an dessen Ende, in Gewalterfahrungen und Heilungsprozessen.

Das Allmenschliche, emanierende Körpersäfte ebenso wie sprießende Träume, Worte, die messerscharf ins Fleisch schneiden, wie heilsames akzeptierendes Schweigen bekommen Raum in diesen Erzählungen.

Die Widersacher der Hauptfiguren mit ihrem siebenbürgisch-sächsischen Hintergrund machen ihnen in allen dargestellten Abschnitten der jüngsten und jüngeren Zeitgeschichte das Leben schwer – bis hin zur Auslöschung.

Es kann sich dabei um Familienregeln des siebenbürgischen Dorfes handeln mit ihren Tabus: Man heiratet am besten keinen Rumänen oder keinen Armen oder Kranken, entsprechende Konsequenzen sind zu ertragen. Oder um die gesellschaftlichen Regeln im kommunistischen Regime: Der die rigide staatliche Aufsicht verkörpernde Schnapskontrolleur wird systematisch mit Schnaps bestochen. Die freundlich anmutende Regel (leben und leben lassen) verschleiert die allgegenwärtige Bedrohung nicht: Für Frauen ist in diesem Regime die Abtreibung oft todbringend, da verboten bis zur Geburt des vierten Kindes. Damit konfrontiert, imaginieren sich die siebenbürgischen Protagonisten Ausstiegsszenarien, die sie nur zum Teil realisieren können. Auch diese sind meist nur dem Umstand geschuldet, dass sich die politische Großwetterlage ab 1990 geändert hatte: Die Auswanderung nach Deutschland wird möglich. Ein gelingendes Leben ist zwar damit noch nicht garantiert, aber, vom individuellen Geschick und von der Lebenseinstellung abhängig, zuweilen doch realisierbar. Das kann z. B. das späte, unspektakuläre wie befriedigende Lebensglück der Altenheimbewohnerin Martha sein, die im iranischen Pfleger Ali, der früher in Rumänien gelebt hat, ein aufregendes Gegenüber erfährt: Miteinander rezitierte rumänische Gedichte entreißen die notwendige intime Körperpflege ihrer demütigenden Komponente und lassen die alte Martha leibliche wie seelische Lust erfahren. Die Sehnsucht aus den aktuellen Verstrickungen hin nach einem Paradies führt manche Figuren nur bis zur Tür davor. Andere gelangen nach etlichen Anstrengungen hinein, um dann merken zu müssen, dass sie in Fake-Lösungen, Albträumen oder unerwartet besseren Varianten gelandet sind, als sie es sich haben vorstellen können.

Der bilanzierende Satz verweist auf so viel Potential, das in jedem Leben in noch so verstrickten, aussichtslosen Umständen stecken kann. Es kann sich entfalten. Es kann aber auch kleingehalten bleiben. In jedem Fall verweist es aber auf die Würde derer, die sich über die ihnen vom Leben verliehene Bettdecke hinausstrecken wollen, nach einem Paradies.

Es ist ein verhalten optimistisches, äußerst menschenfreundliches Buch in die Welt getreten, das nach der umsichtig von Beatrice Ungar moderierten Lesung am 1. August im Gespräch mit der Autorin Anlass gab, sich die Notwendigkeit vor Augen zu führen, die lebensfeindliche Macht sogenannter Tabuthemen durch hartnäckige öffentliche Diskussionsbereitschaft zu brechen, ob es sich um Sex im Alter, Abtreibung, um desillusionierte Auswanderer oder Sehnsucht nach Leben jenseits von gängigen Vorgaben handelt. Der Schillerverlag hat mit der Verlegung dieses mutigen Buches eine solche Tür geöffnet.

Daniela BOLTRES

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.