Immer wieder Siebenbürgen

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30. studentische Sommer-Schule der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/Breisgau

Ausgabe Nr. 2924

Teilnehmer der studentischen Sommer-Schule bei einer Stadtführung durch Hermannstadt.                                                           Foto: Immo N. FIEBRIG

Zwei voll besetzte Kleinbusse mit Studenten aus Freiburg und dem Ziel Hermannstadt starteten am 27. Juli 2025, Sonntagnachmittag. Für die meisten Reisenden war dies die erste Fahrt nach Rumänien. Nicht so für einen der Fahrer, Prof. em. Dr. Dr. h.c. Albert Reif, Vegetationskundler des Forstwissenschaftlichen Instituts. Albert Reif begann bereits vor 30 Jahren, nach der politischen Öffnung Rumäniens, studentische Exkursionen durch Siebenbürgen zu führen.

 

Tags drauf, am Montag, traf die etwas übernächtigte Freiburger Gruppe in ihrem Quartier ein: Das Tagungshaus der Evangelischen Akademie Siebenbürgen in Neppendorf. Sie wurden von Studenten der Universität für Agrarwissenschaften und Veterinärmedizin Klausenburg (USAMV Cluj), unter der Leitung von Prof. Dr. Florin Păcurar freudig empfangen.

Die eigentliche Sommer-Schule begann mit einer geführten Besichtigung Hermannstadts und den umliegenden Kirchenburgen von Heltau, Michelsberg und Birthälm. Die Sommer-Schule war auf Studierende von Masterstudiengängen der Agrarwissenschaften, Forst- und Umweltwissenschaften sowie der speziellen rumänischen Montanologie (Bergwissenschaften) ausgerichtet. Die Teilnehmer durften erfahren, in welcher Weise sich die Landbewirtschaftung Rumäniens in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Viele Veränderungen des Offenlandes sind auf den Rückgang der Tierhaltung zurückzuführen und auf das damit verbundene Ausbleiben der regelmäßigen Beweidung und Mahd. Es entstehen Brachen, und die Flächen verbuschen zunehmend. In den Wäldern wurde vor allem die ausbleibende Verjüngung der Eichen diskutiert.

Auf besonderes studentisches Interesse stieß die Hutweide im Naturschutzgebiet „Breite“ bei Schäßburg. Die imposanten, teils bis zu 500 Jahre alten Eichen und die seltenen Totholzkäfer, nebst zahlreichen Schmetterlingsarten und Spechten, boten reichlich Diskussionsstoff.

Kurz vor Blasendorf erklärte Prof. Reif die Veränderung der Steppenvegetation. Vor allem die Studenten aus Deutschland erlebten die Federgrassteppe an den Hängen entlang der Kokel als eine ökologische Besonderheit. Die Hanglagen werden auch heute noch durch Schafherden beweidet.

Infolge des Klimawandels sind allerdings die früher dominanten Federgräser (Stipa sp.) durch das Goldbartgras (Sorghastrum sp.) verdrängt worden. Hinzu kommt, dass das traditionelle Abbrennen der Weideflächen im Frühjahr mittlerweile ausbleibt. So genanntes Streu (alte Grashalme) reichert sich an, und es mangelt an jungen, nährstoffreicheren Trieben. Die Futterqualität der Weide ist damit gesunken.

Ein Besuch bei der Firma BIOFLORA in Blasendorf rundete den Tag ab. Das Unternehmen ist von wirtschaftlicher Bedeutung in der Sammlung, dem Anbau, der Verarbeitung und dem Export hochwertiger Arzneipflanzen auf dem internationalen Markt. Mit der Firma WELEDA in Schwäbisch Gmünd besteht seit über 20 Jahren eine enge Kooperation. WELEDA hat sich weltweit einen Namen im Bereich hochwertiger Naturkosmetika und pflanzlicher Arzneimittel sowie Homöopathika gemacht. Das Unternehmen bezieht einige Rohstoffe aus Rumänien und schätzt deren nachhaltige Produktion einschließlich biologischer Zertifizierung („Bio-Qualität“).

Von den Eichenwäldern und der Steppe bewegte sich die studentische Exkursion in der zweiten Woche über kurvenreiche Landstraßen bergauf, in die höher gelegenen Bergmisch- und Nadelwälder des Westgebirges (Munții Apuseni).

An dieser Stelle muss auch die Biologin Dr. Evelyn Ruşdea erwähnt werden. Sie ist in Hermannstadt geboren und aufgewachsen, als Tochter aus einer rumänisch-siebenbürgisch-sächsischen Ehe. Ohne sie und ihr Herzblut für Landschaft, Kultur und Menschen ihrer ersten Heimat wäre hier keines der Projekte zustande gekommen – auch die Sommer-Schule nicht. Nach ihrer Promotion in Deutschland trat sie eine Stelle an der Universität Freiburg am Institut für Landespflege an. Es war für sie folgerichtig, nach der politischen Wende in Rumänien den Austausch von Studenten zwischen Deutschland/Uni Freiburg und Rumänien/Uni Klausenburg zu initiieren. 1995 organisierte sie gemeinsam mit Albert Reif die erste studentische Exkursion nach Rumänien.

Die Beziehung zwischen den beiden Universitäten wurde durch jährliche Exkursionen und Praktika vertieft und gipfelte im Jahr 2000 erstmalig in einem deutsch-rumänischen Forschungsprojekt für nachhaltige Regionalentwicklung im Westgebirge mit dem Titel: „Proiect Apuseni – O şansă pentru Ţara Moţilor“ [„Apuseni-Projekt: Eine Chance für das Motzenland“]. Ein wichtiges Ergebnis dieses interdisziplinären Vorhabens war die Wiederentdeckung des umfangreichen Vorkommens an Heilpflanzen in dieser Bergregion. Arnika (Arnica montana, siehe Bild unten) wurde als Zielart identifiziert, nicht zuletzt wegen der wirtschaftlichen Bedeutung und der Bedrohung ihrer Lebensräume (Habitate) durch Wegfall der traditionellen Landwirtschaft. Folgeprojekte im Verlauf von zwei Jahrzehnten sowie die Kooperation mit WELEDA und BIOFLORA führten zu nachhaltiger Bewirtschaftung und Wiederherstellung dieser Wiesen und Weiden.

Neuerdings wird der Einsatz von zweierlei Drohnen zur Kartierung der Arnikahabitate und zum Monitoring der nachhaltigen Beerntung verwendet. Die moderne Drohnentechnologie wurde den Studenten während der Sommer-Schule im Dorf Gheţari vorgeführt.

Professoren und Dozenten beider Universitäten erkannten das Besondere, Einzigartige der siebenbürgischen Landschaft und hatten die Region mit ihren Bewohnern fest in ihr Herz geschlossen. Die langjährige Zusammenarbeit führte über kulturelle Barrieren hinweg zu vertrauensvollen Beziehungen. Diese waren die Grundlage für den Erfolg gemeinsamer Ziele und letztlich für die Entwicklung von Visionen. Die Begeisterung für Forschung und nachhaltige Entwicklung wird an die Studenten weitergegeben und sorgt entsprechend für Nachwuchswissenschaftler.

Immo N. FIEBRIG

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bildung.