Mit dem Evangelischen Gesangbuch durchs Jahr 2024
Ausgabe Nr. 2878

„Schön singen“? So oft bin ich im pädagogischen Kontext damit konfrontiert, dass junge Menschen ihre Stimmen nicht mehr singend erklingen lassen wollen, weil – ähnlich wie heute das Aussehen durch eine visuelle Bildkultur normiert wird – der „perfekte“ Stimmklang in der akustischen Popkultur vorgegeben scheint.
Dem steht das Singen im Gottesdienst geradezu aufmüpfig gegenüber: ohne Proben singt ein bunter Haufen, nicht immer fehlerfrei, inbrünstig aus tiefster Seele. „Du meine Seele, singe,/ wohlauf und singe schön“ heißt es in einem Lied aus dem 17. Jahrhundert im Gesangbuch, das ich als katholisch aufgewachsene Christin erst im evangelischen Kontext in Siebenbürgen kennen, ja lieben gelernt habe. Welche Stimme hat die Seele? Es geht um das Dahinter: sich mit eigenen Sorgen und Schwächen authentisch zeigen, für jemanden singen, loben, Dank ausdrücken und im Singen Zuversicht gewinnen – das erst erzeugt hier die Euphonía, den Wohlklang hinter der Fassade des scheinbar Schönen.
Die von Beginn des Liedes an so mutig stark ansteigende Melodie, ja, diese Distanz über eine Oktave hinweg, die überwunden wird, lässt mir beim Singen jedes Mal das Herz aufgehen: tatsächlich gibt es so viel zu danken, diesem Gott, der/die so „viel tausend Weisen weiß, zu retten aus dem Tod“. Nicht immer geschieht das so, wie wir es denken und haben wollen – die Lösung kommt oft unerwartet, vielleicht unerkannt daher. (Ein wenig wie die Taktwechsel in den Gesängen dieser Zeit, die ich im katholischen „Gotteslob“ übrigens oft vermisse.) Paul Gerhardts Sprache ist für mich zeitlos, genau wie die damit verwobene Musik. Wie wohl tut es, dass sich meine persönlichen Erfahrungen in solch alten Liedern wiederspiegeln. Und dass ich mich im gemeinsamen Singen einem Größeren anvertrauen darf. „Hier sind die starken Kräfte“ – mit dieser Zuversicht innerlich weiter singend aus dem Gottesdienst gehen – das ist für mich ein Geschenk.
Teresa LEONHARD