Durch Kinderaugen

Die anti-kommunistische Bilderchronik von Vinerea

Ausgabe Nr. 2796

Der Sechstklässler Ion Romoșan verewigte die Trauer seines Nachbarn, der seine Ochsen an die Kolchose abgeben muss…

„Dieses Buch ist kein literarisches Werk, keine Fiktion“, schreibt Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Dorin N. Uritescu in der Einleitung zu seinem Buch ,,Die antikommunistische Bilderchronik der Schüler aus der Gemeinde Vinerea, Rayon Broos, Region Hunedoara, Rumänien, 1950-1961″ (Cronica pictată a copiilor școlari din comuna Vinerea, raionul Orăștie, regiunea Hunedoara, România, 1950-1961, Verlag RAWEXCOMS Bukarest 2021). Sie umfasse authentische und belegbare sozial-politische Aspekte. 2021 veröffentlichte Autor Uritescu das Werk in Rumänischer Sprache. Dieses Jahr erschienen neben der rumänischen Edition Übersetzungen auf Deutsch durch Beatrice Ungar, Englisch, Ukrainisch und Polnisch im StudIS-Verlag, Jassy/Iași.

Die Bilder stammen aus der Feder von Schülerinnen und Schülern aus der Gemeinde Brodsdorf/Vinerea im Westgebirge und entstanden zwischen 1950 und 1961. Über 44 Seiten analysiert und kontextualisiert der Professor und Schriftsteller 16 Abbildungen, die aus Kinderhand während der Kollektivierung der Landwirtschaft entstanden sind.

Eingeleitet wird die Chronik von Livia Ciupercă, Mitglied des rumänischen Schriftstellerverbands und des Verbands der Berufsjournalisten des Landes. „Der Band sollte tausendfach vervielfältigt werden, damit er in allen Schulen im Land und in allen Kreisen der Gesellschaft bekannt wird“, betont sie darin abschließend.

Zu Beginn erklärt Uritescu, dass der Titel eine Anlehnung an die bekannte Wiener Bilderchronik darstellt und erklärt: ,,Die Darstellung der Tatsachen ähnelt einem ausgezeichneten Aneinanderreihen von genialen, einmaligen Konkretisierungen der antikommunistischen, antisowjetischen und antistalinistischen Haltung im 6. Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Siebenbürgen.“ . Auch soll er eine Würdigung der „waschechten rumänischen Kinder, die einen authentischen Patriotismus an den Tag gelegt haben“ sein: Interessant macht die Chronik laut dem Verfasser besonders der Umstand, dass die Kinder keine gefestigte sozial-politische Ideologie besitzen und ihre Gedanken und Gefühle nicht in syntaktisch und semantisch ausgefeilten Phrasen ausdrücken. Er unterstreicht: „Das rein Menschliche der Zeichnungen widerspiegelt den kindlichen Impressionismus, die dem Alter entsprechende Gefühlswelt und Psyche.

Auch der Autor selbst fertigte zu dieser Zeit Zeichnungen an. „Mich überraschte das Talent eines Chronisten, das ich als Kind entwickelt hatte“, schreibt er dazu. „Es handelt sich um Zeichnungen, die im Geheimen entstanden sind, während der Grundschule und der Allgemeinschule, verwahrt in einem geflochtenen Korb auf dem Dachboden des Elternhauses.“ Als er ehemalige Schulkolleginnen und -kollegen nach ähnlichen Kreationen gefragt habe, erhielt er prompt Kartons voller Zeichnungen.

Einige dieser Abbildungen sind in 9 Kapitel zu verschiedenen Themen sortiert – beginnend mit „Der Leidensweg der Kollektivierung der Landwirtschaft“ über „Die Marter der marxistischen Indoktrination“ und „Protestler“ schließt Uritescu mit „Die kommunistische Indoktrination – psychosoziale Folgen“. Im Abschnitt über die Indoktrination an den Schulen beispielsweise zeichnet der Autor die Befragung zweier Schüler zum Thema „Die vier größten Lehrer der Menschheit“ – dargestellt auf der letzten Seite eines Mathehefts – nach.

Unter den vier Lehrern waren für die Kinder drei unbekannte, schwer auszusprechende Namen; Karl Marx, Friedrich Engels und W. I. Lenin, den sie in einem Wort nannten. Täglicher Begleiter jedoch war der vierte; J. W. Stalin. Uritescu erklärt den Grund. Dieses Individuum sei den ganzen Tag lang und im ganzen Dorf verflucht worden, nicht öffentlich, sondern jeder für sich. Vor und nach dem Mittagessen, beim Ochsen-Antreiben, Weingarten-Graben, um nur einige Gelegenheiten zu nennen.

In den weiteren Kapiteln schreibt der Verfasser ebenso alltagsnah und detailliert über die Begebenheiten, die die Kinderhände festgehalten haben. Farbig und groß abgebildet sind die Zeichnungen in der Chronik, so können Leserinnen und Leser selbst weitere Einzelheiten bei der Betrachtung erkennen.

Uritescu schlussfolgert: ,,In den wenigen erhaltenen Zeichnungen (‚Malereien‘) der Kinder aus Vinerea können die Leserinnen und Leser die sukzessive, knappe aber äußerst kluge Analyse einiger Aspekte von unbestreitbarer Bedeutung für die protestierende, parteiische Haltung der Kinder jener von der ‚roten Pest‘ Heimgesuchten erkennen.“

Carla HONOLD

Veröffentlicht in Aktuelle Ausgabe, Bücher.