Aufsatz der Erstplatzierten der 7. Klasse bei der Deutscholympiade
Ausgabe Nr. 2962

Die Gewinner der 1. Preise bei der diesjährigen Landesphase des Schülerwettbewerbs für Deutsch als Muttersprache haben auch je ein Jahresabonnement für die Hermannstädter Zeitung als Sonderpreis erhalten. In dieser Ausgabe lesen Sie den Aufsatz der Siebtklässlerin Amalia Neguț (Theoretisches Lyzeum „IDEES” Bukarest) zum Thema „Schreibe eine Geschichte mit folgendem Anfang und finde einen passenden Titel dazu: Sobald ich meine Sonnenbrille aufsetze und ein Gespräch mit einer Person führe, escheinen auf ihrem Gesicht dunkelgrüne Punkte, wenn sie nicht die Wahrheit sagt.“ (Verfasser unbekannt)
Sobald ich meine Sonnenbrille aufsetze und ein Gespräch mit einer Person führe, escheinen auf ihrem Gesicht dunkelgrüne Punkte, wenn sie nicht die Wahrheit sagt. Für den Meister würde das als ein Geschenk oder ein Wunder gelten, doch mir hat es nichts gebracht als Täuschung, Angst und Ärger. Darum habe ich auch unzählige Male versucht, die Sonnenbrille loszuwerden, sie zu vernichten, aber das bedeutet, ich müsse mein ganzes Leben aufgeben. Die Sonnenbrille ist an meiner rechten Handfläche befestigt. Durch ihren Rahmen fließt mein Blut, denn dort gibt es eine Vene, die mit meinem Gehirn verbunden ist. Doch das Blut, das dadurch fließt, ist nicht rot, sondern violett. Wieso ich damit geboren wurde, weiß ich nicht. Niemand in meiner Familie weiß es.
Ich lag im Bett und starrte auf ein Bild, das ich selbst gemalt hatte. Ich konnte nicht einschlafen, egal wie stark ich mich bemühte. Meine Sonnenbrille tat weh, denn ich war wieder auf sie gefallen. Ich dachte darüber nach, wie gern ich ein normaler Mensch sein würde. Ich könnte endlich zur Schule gehen, an der Kunsthochschule Malerei studieren und als Lehrer in einer Schule arbeiten. Das war aber unerreichbar. Nicht, wenn ich den ganzen Tag eine Sonnenbrille aufpäppeln musste, als ob sie mein Kind wäre. Jeder kleine Kratzer spürte sich wie ein Knochenbruch an.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch am Fenster. Rasch stand ich auf. Ich nahm eine Lampe in die linke Hand und näherte mich dem Fenster. Das Geräusch wurde immer lauter, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Zitternd öffnete ich das Fenster und ein grauer Stoffball sprang hinein. Er breitete sich aus, bis er sich in einen Bären verwandelte, der auf den Hinterbeinen zwei Meter hoch war. „Wer bist du? Zeige dich sofort!“, rief ich erschrocken. „Ich habe keinen Namen, gib du mir einen“, sagte der Bär traurig. Das tat mir leid, denn Bären waren nämlich meine Lieblingstiere. „Von nun an heißt du Sven. Und ich bin Tobias. Du kannst mich aber Tobi nennen. Und was suchst du in meinem Zimmer?“, fragte ich. „Sven“, flüsterte er. „Der Name gefällt mir. Du hast einen schönen Namen ausgewählt. Willst du mit mir spielen?“ „Warum nicht? Ich kann sowieso nicht einschlafen“. „Folge mir“, flüsterte Sven und wir sprangen aus dem Fenster.
Wir gingen zur Volksschule. Sven reichte mir Diesel und ein Streichholz. „Alle, die mich hinuntergezogen haben, und alle, die dich verspottet haben, sollen nun leiden“. Ich machte meine Augen zu und öffnete sie ein paar Sekunden später. Das Gebäude meiner ehemaligen Schule stand in Flammen und Sven vor der Schule. „Asche zu Asche soll alles werden“. Murmelte er und meine Augen schlossen sich von allein.
„Tobi, kannst du mich hören? Schau mal! Er ist wach!“. Das war die Stimme meiner Mutter. Ich konnte die Augen kaum aufkriegen. Ich lag im Krankenhaus und mein rechter Arm war in ein weißes Tuch eingewickelt, das aber nicht mehr weiß, sondern durch meine Sonnenbrille voll mit Blut war. „Tobi, mein Kind, du hast mich erschrocken! Wieso warst du bei der Schule? Du weißt genau, dass das für dich ein verbotener Ort ist! Umso mehr bei einem Brand!“, schrie Mama mich an und nahm mich in die Arme. „Ich war mit Sven. Wir haben gespielt“, flüsterte ich ihr zu. „Sven, wer ist das? Ich habe nie von ihm gehört!“, erwiderte mein Vater. Ich hob meinen Arm hoch und setzte mir aus Versehen die Sonnenbrille auf. Papas Gesicht hatte dunkelgrüne Punkte. Er log mich an. Aber wieso kannte er Sven? Ich zog meine Schuhe an und lief nach Hause.
Mein Vater war Wissenschaftler. Seitdem er aus dem Labor gefeuert wurde, arbeitete er in unserem Keller, wo er seine Station für Forsch-Experimente aufgebaut hatte. Bis jetzt hatte ich den Raum nie betreten. Ich öffnete die Tür und machte das Licht an. Es sah gruselig aus. In der Mitte des Raumes stand ein weißer Tisch, an dem Seile befestigt waren. An der linken Wand stand ein Tisch, auf dem hohe Stapel Papiere lagen. Der Tisch gegenüber war von Apparaten und Instrumenten bedeckt und darunter lagen leere Käfige. Ich konnte den schrecklichen Gestank und Tiergeräusche vernehmen. Ich begann, verschiedene Papiere und Zeichnungen anzusehen, um etwas über Sven herauszufinden. Ich hatte nichts gefunden. Auf einmal entdeckte ich Papas Tagebuch. Es war klein, alt und in Leder gebunden. Als ich es öffnete, stieß ich auf eine komische Zeichnung. Es war ein Bär, der genauso wie Sven aussah. Im Tagebucheintrag erwähnte mein Vater einen Bären, den er für mich selbst angefertigt hatte. Im nächsten Eintrag berichtete er von einer erfolgreichen Operation, bei der er mir ein Datenzentrum in das Gehirn eingesetzt hatte.
Ich konnte es nicht glauben: Wie konnte Papa so etwas tun? Eigentlich wollte er mir nur helfen. Mein Ärger galt der Sonnenbrille. Hätte ich sie nie gehabt, so hätte ich das nie gewusst. Ich wäre froh, einen Freund gefunden zu haben. Ich musste sie unbedingt loswerden. Meine Eltern liefen auf mich zu. „Papa!“, schrie ich. „Ich will diese Sonnenbrille nicht mehr! Bitte, hilf mir!“ „Tobi, die Brille ist doch ein Teil von dir. Man kann sie nicht so schnell entfernen. Schau, ich habe auch eine“, sagte Papa und nahm seine Handschuhe ab. Tatsächlich hatte er auch eine an der rechten Handfläche. „Wenn du es unbedingt willst, können wir sie gemeinsam entfernen. Ich warne dich aber: Es wird für dich nicht hundertprozentig ein fröhliches Ende geben.“ „Ich bin bereit“, rief ich voller Selbstvertrauen.
Ich legte meine Hand auf den Tisch und Papa legte seine darüber, sodass sich die beiden Brillen berührten. Er begann, ein Gebet aufzusagen. Unsere Sonnenbrillen schwellten an. Sie zerplatzen und überall floss violettes Blut. Meine Augen zwickten.
Ich öffnete meine Augen und sah zwei Gesichter vor mir: eine Mama und ein Papa. Waren sie meine Eltern? „Schau mal, wie niedlich unser Kind ist! Der kleine Tobi!“, rief Mama. „Ich kann es nicht glauben, dass das eine Folge der Sonnenbrillenentfernung ist, aber er ist noch unser Sohn, der kleine Tobi!“