Streiflichter vom 76. Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl
Ausgabe Nr. 2962

Die Vertreter der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD bei dem Trachtenumzug durch die Innenstadt von Dinkelsbühl. Foto: Laura MICU
Das Motto „Generationen verbinden – Perspektiven schaffen“ wurde beim 76. Heimattag vom 22. bis 25. Mai in Dinkelsbühl mit großem Erfolg umgesetzt und gelebt. Rund 20.000 Siebenbürger Sachsen feierten mit vielen Ehrengästen und Freunden ein großes Fest der Begegnung und Lebensfreude. Bei herrlichem Pfingstwetter nahmen über 3.200 Trachtenträger in 116 Trachtengruppen und Blaskapellen am Festumzug durch die mittelalterliche Altstadt teil, der so lang war wie noch nie in der Geschichte des Heimattages. Die Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland (SJD) und das Sozialwerk der Siebenbürger Sachsen, die ihr 40-jähriges Bestehen feierten, steuerten als Mitausrichter ein vielseitiges und niveauvolles Programm bei.
Zu den Höhepunkten zählten neben dem Trachtenumzug und der Jugendveranstaltung „Aus Tradition und Liebe zum Tanz“ auch das Quizspiel „Schlag den Lehni!“.
Der Pfingstsonntag begann traditionell mit dem Gottesdienst in der St. Paulskirche. Seiner Predigt legte Dr. Johann Schneider, Regionalbischof des Bischofssprengels Magdeburg, die Apostelgeschichte 2 über das Pfingstwunder zugrunde. Das sei die Geburt der Mehrsprachigkeit, die in Siebenbürgen zur Regel werden sollte. Er betonte den Wert der Muttersprache, des Siebenbürgisch-Sächsischen, das bis 1848 und vielerorts bis nach 1900 im Gottesdienst gesprochen wurde. „Was wir dringend brauchen, ist eine Grundgrammatik und ein Lehrbuch des Siebenbürgisch-Sächsischen, damit unsere Kinder und Kindeskinder unsere schöne Sprache lernen können.“
Nach dem Trachtenumzug übermittelte der Mühlbacher Bezirksdechant Alfred Dahinten den Pfingstgruß der Heimatkirche bei der Festkundgebung vor der Schranne.
Den Siebenbürger Sachsen sei es gelungen, nicht nur Erinnerung zu bewahren, sondern auch Gemeinschaft, Strukturen und Vereine fernab der alten Heimat aufzubauen, freute sich der Bundesvorsitzende Rainer Lehni in seiner Festrede vor der Schranne. Generationen zu verbinden, bedeute, unsere Sprache, Kultur, Werte und Geschichte an die jungen Leute weiterzugeben und das kulturelle Leben mit neuem Leben zu erfüllen. Darüber hinaus sei es nötig, neue Wege der Gemeinschaft zu finden und offen zu sein für neue Formen des Austausches. „Wir müssen Brücken schlagen – zwischen Generationen, zwischen Ländern, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Gerade darin liegt eine besondere Stärke der Siebenbürger Sachsen.“ Bundesvorsitzender Rainer Lehni richtete die Bitte an die Politik – prominentester Ehrengast und Festredner war Bundesinnenminister Alexander Dobrindt –, die Ungerechtigkeit bei der Kürzung der Fremdrenten zu lösen und die Kultureinrichtungen auf Schloss Horneck finanziell zu unterstützen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt zeigte sich in seiner Festansprache begeistert vom 76. Heimattag der Siebenbürger Sachsen und den vielen jungen Menschen beim Trachtenumzug mit 3200 Mitwirkenden in Dinkelsbühl. „Nicht nur Tradition wird gelebt, nicht nur die Gegenwart wird geprägt, auch die Zukunft wird hier gestaltet“.
Zur Eröffnungsveranstaltung am Samstag hießen Dr. Johann Kremer, Vorsitzender des Sozialwerks, und Natalie Bertleff, Bundesjugendleiterin der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland, als Mitausrichter die zahlreichen Gäste im Großen Schrannenfestsaal willkommen.
Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer lobte die Siebenbürger Sachsen als Vorbild für den Frieden in Europa und weltweit. Der Heimattag in Dinkelsbühl biete den perfekten Rahmen, damit „Junge und Alte gemeinsam Ideen entwickeln, Brücken bauen und neue Wege gehen“, sagte Hammer.
Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Bernd Fabritius, würdigte die Siebenbürger Sachsen als starke Gemeinschaft, die ihr kulturelles Erbe bewahrt und zugleich Verantwortung für die Zukunft übernimmt. Er betonte die Bedeutung des generationenübergreifenden Engagements und gratulierte der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD) und dem Sozialwerk der Siebenbürger Sachsen zu deren 40-jährigem Bestehen und dem beherzten Mitwirken am Heimattag. Vom Heimattag in Dinkelsbühl gingen „unglaublich wichtige Zeichen europäischer Friedenspolitik“ aus, sagte Fabritius. Er dankte Rumänien, das ab sofort die Entschädigungszahlungen für politische Opfer, die in Deutschland leben und hier krankenversichert sind, ohne zehnprozentigen Abzug leistet.
Die Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene, Dr. Petra Loibl, MdL, freute sich, wieder beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl zu Gast sein zu dürfen, diese Stadt sei ein Ort, „wo ich inmitten all der Sachsen aus aller Welt Kraft und Zuversicht schöpfen kann“.
Heiko Hendriks, Beauftragter der nordrhein-westfälischen Landesregierung für die Belange von deutschen Heimatvertriebenen, Aussiedlern und Spätaussiedlern, wies auf die Jubiläen hin, die in diesem Jahr von Siebenbürger Sachsen in Nordrhein-Westfalen begangen und von der Landesregierung begleitet und unterstützt werden: Ende Juni wird das 60-jährige Bestehen der Siebenbürger-Sachsen-Siedlung in Drabenderhöhe und Anfang Oktober das 75-jährige Bestehen der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Köln gefeiert.
Nach Ansicht der Botschafterin von Rumänien in Berlin, Adriana Stănescu, ist die Zukunft der Siebenbürger Sachsen mit der heutigen Jugend in guten Händen. In ihrem Grußwort würdigte die Diplomatin die Bedeutung des siebenbürgisch-sächsischen Erbes und der gemeinsamen Werte, die Rumänien und Deutschland verbinden.
Thomas Şindilariu, Unterstaatssekretär beim Departement für interethnische Beziehungen der Regierung Rumäniens, sagte, dass man geschehenes Leid durch nichts ungeschehen machen könne. Allenfalls könne man durch Entschädigungsleistungen moralisch, symbolisch und materiell einiges abmildern. Rumänien stehe zu seiner Rolle und leiste den Kindern von Russlanddeportierten nicht nur eine einmalige, sondern monatliche Entschädigungszahlungen. Şindilariu sprach zwei Einladungen aus: zur Siebenbürgischen Akademiewoche, die seit 40 Jahren besteht und 2026 in Seligstadt stattfindet, und zur Wanderausstellung „Zeitenwende 1526. Zäsur und Chance“ über die Schlacht bei Mohács, die erstmals beim Heimattag gezeigt wurde und die er zusammen mit Dr. Harald Roth, Direktor des Deutschen Kulturforums östliches Europa in Potsdam, ähnlich wie beim Andreanum, durch ein Zwiegespräch begleiten werde.
Einen historischen Schritt vollzog die Föderation der Siebenbürger Sachsen durch die Aufnahme des Vereins der Siebenbürger Sachsen in der Schweiz. Damit wächst die 1983 gegründete Föderation auf sechs Mitglieder (siehe separater Bericht in der SbZ Online).
Für den neuen Ansbacher Landrat Marco Meier schloss sich beim Heimattag in Dinkelsbühl ein Kreis: Als Vorsitzender des Ausschusses für Jugend, Sport und Regionalpartnerschaften im Bezirkstag Mittelfranken sei er gerne bereit, die Vertreter der Stadt Dinkelsbühl auf ihrer Reise in die Partnerstadt Schäßburg in Siebenbürgen zu begleiten. „Solche Partnerschaften und Traditionen zu pflegen sind enorm wichtig in dieser teilweise verrückten Welt, denn wir brauchen sie für Europa, Frieden und Demokratie“. Der Freie-Wähler-Politiker freute sich, „dass wir heute hier Geschichte schreiben konnten, die ausstrahlt über den Landkreis Ansbach hinaus“.
Grüße der Landsleute aus Siebenbürgen übermittelte Dr. Radu Nebert, Vorsitzender des Siebenbürgenforums. Er lud zum 36. Sachsentreffen ein, das vom 19.-20. September 2026 in Schönau unter dem Motto „Jugend bewegt Siebenbürgen“ stattfinden wird. Es sei ein Fest, „das Zusammenhalt und Offenheit verkündigt, wertvolle Schätze in diesen trüben politischen Zeiten, die leider ganz Europa erfasst haben“.
Michael Bachinger, dritter Vizepräsident der Alliance of Transylvanian Saxons (ATS) in den USA, dankte für die Gastfreundschaft, die die Tanzgruppe aus Cleveland im letzten Jahr im Rahmen des Föderationskulturaustausches in Österreich und Deutschland erfahren hatte, und lud zum 125-jährigen Jubiläum der ATS ein, das vom 9.-11. Juli 2027 in Cleveland, Ohio, gefeiert wird.
Auch in Kanada werden Traditionen an die junge Generation weitergegeben, betonte Rick Hesch, stellvertretender Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Kanada. Deswegen könne er das Motto des diesjährigen Heimattages in Dinkelsbühl gut verstehen. Er lud ein zum Heimattag in Nordamerika vom 10.-12. Juli 2026 in Aylmer, Ontario.
Konsulent Manfred Schuller freute sich über die gute Vernetzung der Siebenbürger Sachsen über Grenzen hinweg und die gute Zusammenarbeit mit österreichischen Vereinen, zum Beispiel im Dachverband Oberösterreichische Volkskultur. Als besonderes Ereignis hob er das 70-jährige Jubiläum der Nachbarschaft Traun hervor, das heuer begangen wird.
Dekan i. R. Hans-Gerhard Gross, Vorsitzender der Gemeinschaft evangelischer Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, sagte, dass Gott einen grundlegenden Perspektivwechsel vollzogen habe, indem er Mensch geworden sei und sich unsere menschliche Sichtweise angeeignet habe. Er wünschte sich, dass auch uns und den Menschen in unserem Umfeld ein Perspektivwechsel gelingen möge. Pfingsten wolle uns „begeistern für diesen Weg, den Gott selbst gewählt hat“, und helfe uns, „unseren Standpunkt, unsere Sichtweisen einmal zu überdenken und dann zu neuen, möglicherweise auch heilsamen Perspektiven zu gelangen“.
Eine starke Präsenz zeigte in ihrem 40. Jubiläumsjahr die Siebenbürgisch-Sächsische Jugend in Deutschland (SJD), die Jugendgliederung des Verbandes, die jedes Jahr Tanz-, Musik- und Sportveranstaltungen organisiert. Als Mitausrichter des diesjährigen Pfingstfestes bot die SJD darüber hinaus auch zwei Ausstellungen, das neue Format „Schlag den Lehni!“ und einen intensiven Konzertmarathon von „offbeat“. Die SJD-Musikgruppe begeisterte mit einem vielseitigen Mix aus traditioneller Blasmusik, Schlagern und modernen Hits. Sie gestaltete die Eröffnungsveranstaltung und die Festkundgebung musikalisch mit, bot Platzkonzerte vor der Schranne und im Spitalhof und spielte auch die passende Musik beim großen Tanzgruppenaufmarsch vor der Schranne (siehe SJD-Bericht in der SbZ Online). Das Sozialwerk der Siebenbürger Sachsen zeigte als Mitausrichter Aspekte aus seiner kulturellen Fördertätigkeit und steuerte als Höhepunkt die Ausstellung „Wegbereiterinnen: Stark – Sozial – Engagiert“, mit 15 Kurzporträts siebenbürgisch-sächsischer Frauen bei (diese Zeitung berichtete).
Zum niveauvollen Programm des Heimattages gehörten Ausstellungen, Vorträge, Lesungen, Tanzdarbietungen, die Rede an der Gedenkstätte des Unterstaatssekretärs Thomas Şindilariu, der erstmals als Vertreter der Regierung Rumäniens diese traditionelle Rede hielt, eine spannende Podiumsdiskussion zum Thema „Mer walle bleïwe, wåt mer sen?“ und – als kultureller Höhepunkt des Heimattages – die Preisverleihungen am Pfingstsonntag in der St. Paulskirche.
Die renommierte Neurologin Prof. Dr. Hannah Monyer, Direktorin der klinischen Neurobiologie in Heidelberg, wurde mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis gewürdigt. Der Vorsitzende des Hilfsvereins der Siebenbürger Sachsen „Stephan Ludwig Roth“ e. V., Klaus Waber, wurde mit der Carl-Wolff-Medaille und Astrid Göddert mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Jugendpreis ausgezeichnet.
Ein besonderer Dank gilt dem Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen, das die kulturellen Veranstaltungen des Heimattages aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert hat.
Siegbert BRUSS