Theater ist ein kollektives Kunstwerk

Gespräch mit dem Regisseur Alexandru Weinberger-Bara

Alexandru Weinberger-Bara in der Harteneckgasse/Str. Cetății in Hermannstadt.                                                              Foto: Cynthia PINTER

Ausgabe Nr. 2720

„Bookpink“ (Plattdeutsch für: Buchfink) von Caren Jeß heißt die neueste Inszenierung an der deutschen Abteilung des Hermannstädter Radu Stanca-Nationaltheaters, die am 9. Mai, 19 Uhr, voraussichtlich mit Publikum Premiere feiern wird.

Über die Arbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern, die Theaterwelt und das Leben als freiberuflicher Regisseur sprach HZ-Redakteurin Cynthia P i n t e r mit dem Regisseur von „Bookpink“,  Alexandru Weinberger-Bara. 

 

Sie stammen aus Oradea/Großwardein und haben sich nach dem Studium in Wien niedergelassen. In welchem Land fühlen Sie sich daheim?

Ich fühle mich in beiden Ländern wohl. Wo ich am liebsten bin, ist an den Freundeskreis geknüpft. Es gibt kein Lieblingsland. Ich liebe die Erde.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der deutschen Abteilung des Radu Stanca-Theaters?

Ich habe vor zwei Jahren Kontakt mit Daniel Plier aufgenommen, als er noch Intendant war, und es entstand ein gegenseitiges Interesse für eine Zusammenarbeit. Seitdem blieben wir im Kontakt. Im Dezember schlug mir Hunor von Horvath, der jetzige Leiter der deutschen Abteilung, vor, für „Bookpink“ von Caren Jeß Regie zu führen. Ich hab mich sofort in das Stück verliebt.

Worum geht es in „Bookpink“?

„Bookpink“ ist ein Theaterstück in sieben Szenen von Caren Jeß. Der Titel stammt von dem plattdeutschen Wort für „Buchfink“.  Die Uraufführung fand  2019 in Graz statt und in Hermannstadt wird das Stück zum zweiten Mal aufgeführt.

Zum Inhalt: Es passiert sehr Vieles in Bookpink. Was mich am meisten an dem Stück fasziniert hat, war, wie unterschiedlich die Szenen und die Figuren, die Vögelchen, sind. Dass sie gleichzeitig Fabelwesen sind, mit vielen Phobien, die gescheitert sind, die auch sehr süß oder lustig sein können, aber sich gleichzeitig mit sehr vielen existentiellen Problemen und menschlichem Leid auseinandersetzen müssen. Es entsteht eine Tragikomik, oder eine komische Tragödie, die man nicht so gut definieren kann. Man kann sich mit den Vögelchen sehr gut identifizieren, sie sind extrem zugänglich.

Sind die Schauspieler als Vögel verkleidet?

Es gab tatsächlich einen Versuch dies zu tun. Im Stück selber sind alle Figuren Vögel mit menschlichen Eigenschaften. Auf der Bühne sehen wir aber Menschen, die ihre eigenen Phobien und Erfahrungen darstellen. In meinem Konzept wollte ich, dass wir das Vogelhafte im Menschen entdecken, die Szenen sind sehr verspielt, es gibt auch Erzählerinnen, die das Setting hergeben. Ich fand sehr spannend, wie wir Menschen Vögel beobachten, als die Überlegenen, die versuchen die Verhaltensweisen zu erklären. Wir anthropomorphisieren sehr vieles, was wir in der Natur sehen. Diese anthropozentrische Sicht auf die Natur war für mich der interessanteste Ausgangspunkt.

Gibt es eine Moral, wie bei allen Fabeln?

Alle sieben Szenen – die alleinstehend zu lesen sind – haben ihre eigene Schlussfolgerung. Wir haben eine Szene, in der Aberglaube, Bewusstsein, freier Willen und Religion abgehandelt werden. Wir haben eine Szene, in der nur Pflanzen vorkommen. Jede Szene hat ihre eigene Fragestellung, ihre eigene Phobie: von Homophobie zu Xenophobie, zu Angst vor Berührung, zu Manipulation, zu Angst vor dem Anderssein. Zum Beispiel in der Putenszene, in der eine Pute eine Sekte nur für Puten gründen will und zwei Hühner ausnutzt, um die Bauarbeit am Tempel gratis zu unterstützen…

Ein bisschen wie bei Orwell?

Tatsächlich gibt es sehr viele Orwell-Referenzen in dem Stück. In einer Form ist darin auch ein Gesellschaftsmodell zu finden, das mit Faschismus zu tun hat. Es ist unglaublich, wie viel man in diesen kleinen Szenen auch herauslesen kann.

Haben Sie eine Lieblingsszene?

Mittlerweile ist es eine andere geworden, nach dem Probenbeginn. Aus Sympathiegründen mag ich die Szene mit dem Dreckspfau sehr gerne. Er versucht etwas aus sich zu machen, obwohl ihm die Gesellschaft das nicht zutraut. Er ist vergleichbar mit Menschen, die frisch aus dem Knast kommen, oder mit Bettlern, die eher am Rande der Gesellschaft stehen und denen wir ganz wenig zutrauen. Der Dreckspfau ist ein Antiheld, hat Raubmord begangen, aber sein Versuch, seine Mutter zu treffen, die ihn verlassen hat, macht ihn sehr sympathisch. Der Dreckspfau heißt so, weil ein Zaunkönigsnest auf ihn gefallen ist, nachdem er alleine im Wald entschlüpft ist. Seitdem sind seine Federn klebrig und verdreckt und er kann nicht einmal ein Rad schlagen, wie andere Pfaue. Das ist mein Lieblingsvogel.

Zweitens könnte ich mich gut mit der Taube identifizieren, die mit der Ästhetik der Welt überhaupt nicht mehr klarkommt, die sich nach Barock sehnt und Campingplatzbewohner beobachtet, wie sie sich mit Bier volllaufen lassen. Es hat etwas von dem einsamen Künstler, dem Intellektuellen, der in der Bar sitzt und immer viel zu sagen hat, sehr viel Potential hat, aber sein Leben nicht auf die Reihe kriegt.

Wie läuft die Arbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern der deutschen Abteilung des RST?

Sehr gut. Es ist auf jeden Fall ein sehr interessanter Mix, es gibt in dieser Abteilung etwas kosmopolitisch Multikulturelles, das nicht unbedingt ausgelebt wird, aber trotzdem da ist. Das macht Riesenspaß mit den Leuten hier zu arbeiten.

Was sind die Unterschiede zur österreichischen Theaterwelt?

Außer, dass die Schauspieler in Österreich Muttersprachler waren, gibt es kaum Unterschiede. Auch im deutschsprachigen Raum herrschen immer flachere Hierarchiestrukturen, bei denen sich die Schauspieler immer mehr einbringen. Ich hab den Eindruck, dort gibt es noch die Offenheit für das Ausprobieren, viel mehr als hier. Hier lautet immer noch die Devise: Der Regisseur weiß am besten wo es langgeht, was nicht unbedingt stimmt. Im deutschsprachigen Raum steht eher die Performance im Mittelpunkt und das finde ich sehr beflügelnd.

Gibt es ein Theaterensemble, mit dem Sie gerne zusammenarbeiten würden?

Ich würde sehr gerne, wie jeder junge Regisseur, am Maxim Gorki Theater in Berlin und wahnsinnig gerne am Ungarischen Staatstheater in Klausenburg inszenieren. Diese beiden Theater wären auf meiner Wunschliste.

Welches Theaterstück würden Sie am liebsten in Szene setzen?

Literarisch? Das sind sehr viele. Es ist, als ob man einen Musikfreak fragt, was sein Lieblingsalbum ist. Ich habe eine Vorliebe für sehr literarische Texte, auch „Bookpink“ ist ein literarischer Text par excellence. Es hat sehr viel Raffinesse. Es gibt in der klassischen, aber auch in der zeitgenössischen Dramatik sehr viele Beispiele hochliterarischer Texte, die es ermöglichen, mit der inneren Wahrnehmung der Schauspieler zu arbeiten. Hoffentlich wird mein nächstes Projekt auch etwas zwischen Stückentwicklung und Dokumentartheater sein. So etwas habe ich auch noch nie gemacht.

Haben Sie ein einheitliches Regiekonzept, das Sie immer anwenden?

Ich bin erst 26 Jahre alt und hab bisher erst sechs größere Projekte am Theater gehabt. Da waren sie alle unterschiedlich. Ich suche immer noch nach neuen Herausforderungen, mich neu zu definieren. Statt eine feste Regiehandschrift zu finden, ist mir viel wichtiger herauszufinden, wo ich mich als Regisseur positionieren kann. Und das nicht nur innerhalb der Theaterwelt, die ein ziemlich elitärer Nischenverein ist, sondern auch in Bezug zu anderen Menschen und zur Gesellschaft. Ich habe nie etwas in der gleichen Note gemacht, habe immer versucht, über meine Grenzen hinauszugehen und ein Format zu finden, das mir gefallen würde. Wie kann man eine Story präsentieren? Welche interessanten Mittel hat man dazu?

Hat Ihre Mutter, die Kostümbildnerin ist, Ihren Werdegang beeinflusst?

Ja, das war schon ein Privileg mit ihr ins Theater zu gehen, sie ist ja auch Malerin, dadurch konnte ich meine Phantasie entwickeln. Sie hat mich zwar nie ermutigt etwas mit Theater zu machen, weil es sehr schwer ist, sich als junger freiberuflicher Regisseur – wo man noch mit 40 jung genannt wird – zu etablieren. In dem Sinne hat sie mich nicht unbedingt ermutigt, aber sie hat mich immer unterstützt. Durch ihre Nähe konnte ich sehr früh erfahren, wie die Abläufe im Theater sind, das war wie gesagt, ein großes Privileg für mich. Meine Mutter, Vioara Bara, arbeitet jetzt nur noch selten als Kostümbildnerin und nur projektweise, wie jetzt bei ,,Bookpink“.

Wie viel Einfluss hat man als Regisseur auf Bühnenbild oder die Musikauswahl?

Im Grunde koordiniert man wie ein Kapitän ein Schiff. Man sagt schon gerne die Richtung, in die man gehen will, aber ich komme nicht zum Szenografen und sage: Du musst das genauso bauen! Das ist ein kollektives Kunstwerk. Es klingt einfach, ist aber unfassbar schwierig, denn die Schauspieler sind auch Künstler, das darf man nicht vergessen. Durch dieses kollektive Kunstwerk, zu dem jeder seinen Beitrag bringt, da komme ich als Regisseur mit dem Konzept über das Stück, wo ich bestimmen kann, was mir wichtig ist. Ich muss all diese Menschen mit ihren Eigenschaften zusammenbringen.

Welche Rolle spielen andere Kunstformen, wie Film oder Musik für Ihre Arbeit als Theaterregisseur?

Ich bin ein großer Musikfreak, ich lasse mich sehr gerne von Musik aller Genres inspirieren, spiele auch selber Klavier. Malerei ist mir auch sehr wichtig, vor allem zeitgenössische, die viel multimedialer ist. Die Bildende Kunst und Performanceszene finde ich sehr erfrischend, weil dort neue gesellschaftliche Diskurse viel unmittelbarer, viel schneller abgehandelt werden als beim Theater. Ich habe viele Freunde und Freundinnen, die Performancekünstler sind. Literatur und Filme sind auch eine Inspiration für mich. Ich schau immer, welche Themen gerade interessieren.

Wie kommen Sie finanziell als freiberuflicher Regisseur zurecht? Off the record.

Das kann ruhig on the record sein, denn das ist ein Thema, über das man viel zu wenig spricht. Es gibt in der freien Szene extrem viel Prekariat. Wenn ich in Wien mit meinem Kollektiv arbeite und selber auch frei inszeniere, beantrage ich dafür Gelder, von denen ich von meiner Gage auch für die Produktion abzwicke, damit die gut wird. Man geht also auch ganz oft in eine Selbstausbeutung. Beim Staatstheater hat man im deutschsprachigen Raum mittlerweile besser bezahlte Einstiegsgagen, die man fordern kann. Wenn man etwa drei Stücke im Jahr macht, kann man davon leben. Das Problem ist, man kann dann ein, zwei Jahre nachher nicht mehr an demselben Theater arbeiten, denn das Theater will ja immer neue Regieanschriften bringen. Es kann nicht sein, dass das „Radu Stanca Theater“ z.B. jedes Jahr den gleichen Regisseur nimmt, um etwas zu inszenieren. Das Publikum würde das langweilig finden. Als junger Regisseur muss man sich deswegen ein Netzwerk bauen. Und wenn nicht genug Projekte vorhanden sind, gibt es die Sozialkasse oder Nebenjobs, die ich auch oft gemacht habe.

Welche Projekte haben Sie in Zukunft in Sicht?

Ganz konkret steht noch keine nächste Produktion an, aber wir arbeiten mit meinem Theaterkollektiv „baldanders“, bei dem ich Regie und Produktion mache, an einem Dokumentartheaterstück über das Transitphänomen.

Wer steckt hinter dem „baldanders“ Theaterkollektiv?

„Baldanders“ setzt sich zusammen aus der Hermannstädter Dramaturgin und Autorin Alexandra Pâzgu, die in Wien wohnt, und mir. Wir haben dieses Kollektiv 2019 gegründet, um zusammen Theater zu machen. Alexandra  schreibt sehr autobiografisch, setzt sich viel mit dem Migrationsthema auseinander, mit Identität und was das in einer globalen Gesellschaft ausmacht. Unser erstes Projekt zusammen war „fluss, stromaufwärts“, das ich letztes Jahr im Juni in Wien inszeniert habe. In unser nächstes Projekt, bei dem es über den Transitprozess aus Osteuropa, speziell aus Rumänien geht, werden wir auch Schauspieler aus unserem letzten Projekt mit reinnehmen und zwei neue dazu. Das soll eine internationale Koproduktion werden, wo auch mehrere Sprachen auf der Bühne gesprochen werden und wo Sprachunterschiede und Sozialunterschiede thematisiert werden.  Die Geschichte Rumäniens steht natürlich im Mittelpunkt, denn die kennt sowohl Alexandra als auch ich am besten.

Würden Sie nach Rumänien zurückkehren, wenn sich das ergeben würde?

Ich genieße die Freiheit, in Wien wohnen zu können, weil ich die Stadt sehr mag. Da habe ich meine Homebase und ich liebe es die Freiheit zu haben, reisen zu können. Als freiberuflicher Regisseur bekommt man ja Fahrt und Wohnung bezahlt neben der Gage. Das ist ein Luxus eigentlich, auf den ich noch nicht verzichten will.

Viel Erfolg mit der Premiere von „Bookpink“ am 9. Mai und vielen Dank für das Gespräch!

 

Alexandru Weinberger-Bara, Jahrgang 1995, hat Theaterregie am „Max Reinhardt“-Seminar in Wien studiert. Erste Inszenierungen erfolgten im Rahmen der Universität, u. a. „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ von F. M. Dostojewskij (Gastspiel am Theater in der Josefstadt in Wien), „Country Music“ von Simon Stephens, „Foxfinder“ von Dawn King (Abschlussinszenierung), „Hungaricum“ von den Brüdern Presnjakow (szenische Lesung für das Festival Neues Wiener Volkstheater) und „Der Mann mit der Zündholzschachtel“, zusammen mit Texten aus „Niederungen“ von Herta Müller (Hörspiel am ,,Max Reinhardt“-Seminar in Kooperation mit dem Österreichischen Rundfunk). Die ersten eigenen Arbeiten folgten, u. a. „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ von Milo Rau am Volkstheater in Wien, „Fräulein Julie“ von August Strindberg am Theater Königin Maria in Großwardein und „Mein Hundemund“ von Werner Schwab im WERK X-Petersplatz in Wien. Weinberger-Bara lebt derzeit in Wien als freischaffender Regisseur.

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