,,Es war, als hätte man auf uns gewartet“

PHOENIX wird 60: Interview mit Nicu Covaci

Ausgabe Nr. 2721

Nicu Covaci (links) und Gabriela Căluțiu Sonnenberg. Foto: Privat

Kaum noch eine Band auf der ganzen Welt kann auf so ein langes ununterbrochenes Bestehen zurückblicken wie PHOENIX. Die Zusammensetzung der Band hat sich im Laufe der Zeit oft geändert, wobei der Stil unverkennbar blieb. In diesem Jahr feiert die Band ihr 60. Gründungsjubiläum. Aus diesem Anlass besuchte unsere Spanien-Korrespondentin Gabriela C ă l u ț i u S o n n e n b e r g im spanischen Moraira Nicu Covaci, die Leitfigur der bekanntesten rumänischen Rockband und führte mit ihm folgendes Gespräch.

 

Nicu Covaci, kaum noch eine Musiktruppe auf der ganzen Welt kann auf so ein langes ununterbrochenes Bestehen zurückblicken wie Phoenix. Wie fühlst du dich als Leitfigur der bekanntesten rumänischen Rockband?

Ja, PHOENIX feiert in diesem Jahr 60 Jahre seit der Gründung. Die Zusammensetzung der Truppe hat sich oft geändert, aber unser Stil blieb immer gleich.

 

MYTHOS PHOENIX nannte euch einst der emeritierte Professor und Theaterdirektor Ion Cepoi. Wie genau lautet der Leitsatz von PHOENIX?

FREIHEIT. Ich zitiere weiter: „Freiheit kann man nicht verkaufen, kaufen, verhandeln, man kann sie sich nicht ausleihen, nehmen oder verschenken. (…) Für mich und für meine Generation steht zwischen PHOENIX und FREIHEIT das Ist-gleich-Zeichen“, das hat Cepoi gesagt.

 

Wie geht es dir zum Jubiläum?

Ich bin gerührt, froh, stolz und hoffnungsvoll. Vor allem Hoffnung brauchen wir in dieser bewegten Zeit, die jeden von uns zweifeln lässt.

 

Ein Blick in die Vergangenheit klärt die Sicht auf die Zukunft. Wie bist du in so jungen Jahren auf die Musik gekommen, war es Vorsatz oder Zufall?

Natürlich wusste ich am Anfang nicht, was kommen würde, aber ich folgte meinem Herzen, denn wenn man das tut, scheitert man nie. Ich besuchte die Kunstschule, bekam Klavierunterricht, kannte die Noten und spielte Gitarre. Da bat mich die Künstler-
brigade einer benachbarten Schule um Hilfe. Ich lernte weitere Musiker kennen. Wir heimsten den ersten Preis bei dem „Cântarea României”-Festival ein. Dann löste sich die Brigade auf, doch der harte Kern blieb. Wir ahmten westliche Titel nach und nahmen uns den Namen „Sfinții“. Der gefiel nicht, also änderten wir ihn 1964 in PHOENIX, Inbegriff von Wiedergeburt und Auferstehung aus eigener Asche.

 

Welches war euer erstes Lied?

,,Știu că mă iubești și tu“ (Ich weiß, dass auch du mich liebst), ein Liebeslied, zweistimmig, wunderschön, zart und sanft. Es belegte sofort den ersten Platz in den lokalen Charts. Damals waren wir übermütig und furchtlos. Die Polizei war hinter uns her, stutzte uns die Haare, kürzte die Schlagbeine unserer Hosen ab. Diese Sturm-und-Drang-Phase dauerte bis 1967, da geschah etwas Unerwartetes…

 

Was war das? 1967 gingen eure Vinylplatten schon weg wie warme Semmeln, eure sündhaft teuren Musikboxen ließen den Sound auf euren Konzerten geradezu galaktisch klingen, euer bequemer Platz an der Spitze war euch sicher. Also, ehrlich, wozu etwas ändern?

Bequem ist kein Wort für PHOENIX. Klar waren wir damals der Kassensprenger von Electrecord, Margareta Pâslaru verkaufte 180.000 Platten, wir 300.000. Aber man verlangte von uns jeweils zwei ausländische Titel auf jeder Platte (auf die Scheiben passten damals nur 4 Titel). Das war uns nicht genug.

Eines Tages fand ich im Electrecord-Keller historische Aufzeichnungen, Wachszylinder aus Edisons Zeiten, mit uralten Tönen. Mit Joji Kappel hörten wir sie ab; unsere Haare stellten sich zu Berge, wir weinten vor Begeisterung! Die Botschaft war kristallklar, unverkennbar. Für mich die Brücke zwischen der westlichen Musik und die der Daker, dreihundert Jahre vor Christus, als Kelten die Donau überquerten. Womöglich stammt die westliche Musik von den Dakern, und nicht umgekehrt. Die zweisaitige Geige aus der Maramuresch klingt genau wie eine aus Irland, sie spielt mit zwei Intervallen, in Quintetten/ Quartetten. Sogar die Schrittfolgen der Tänze sind identisch. Warum Bitteschön tanzt man in den Karpaten Square Dance? Kann mir jemand das erklären? Die Rituale sind alles, ob Hochzeit oder Beerdigung, Klagelied oder Jubel. Ich denke da an den Lustigen Friedhof in Săpânța, ans Alpenhorn (eigentlich sollte es Karpatenhorn heißen). Die Musik ist Träger der Botschaft. Als Musiker muss man das wissen.

Ich setzte mit meiner Musik direkt bei den Wurzeln unserer Traditionen an, befand mich plötzlich vor den Migrationswellen der vorchristlichen Zeit. Den Filter der westlichen Musik ließ ich beiseite. Unmittelbar danach entstand unsere erste Platte: ,,Die, die uns Namen gaben“. Völlig Neues!

 

Hattet ihr keine Angst, Ruf und Ruhm aufs Spiel zu setzen?

Nein, überhaupt nicht. Tief in unserem Herzen war es so als ob uns jemand die Musik zuflüsterte. Der Beweis, dass wir richtig lagen, folgte: Unsere Songs stiegen auf die ersten Plätze der Charts. Wir waren die erste rumänische Band, die jemals in den internationalen Tops auftauchte. Es war, als hätte man auf uns gewartet… ein merkwürdiges Gefühl.

 

Es folgte die erfolgreichste Zeit eurer Karriere. Die Flöte trieb Knospen, wie ihr selbst eure nächste Platte – ,,Mugur de fluier“ – tituliertet. Du fingst fieberhaft an, Songs zu komponieren. Mittlerweile sind es fast 200. Wie gehst du dabei vor? Womit fängst du an?

Immer mit der Musik. Der Text folgt der Musik, nicht umgekehrt, doch, ich gebe zu, ich hatte immer gute Textschreiber. Ich möchte, dass meine Musik eine enorme Energie freisetzt. Materie existiert nicht, es gibt nur Energie. Ein Stein, ein Fels, ein Baum, alles ist Energie. Das fasziniert mich, die Energie und die Kraft. Songs können glücklich oder traurig machen, Gefühle vermitteln. Musik darf nicht ein Quietschen, ein Klangfluss oder ein Gehörschmeichler sein. Ich möchte klare, identifizierbare Themen vermitteln, bleibende Werte.

Mit Gheorghe Zamfir auf der Bühne gab es keine Worte, nur Musik, doch der ganze Saal war wie verzaubert. Wenn ich daran denke, kriege ich jetzt noch eine Gänsehaut. Das ist wahre Musik: eine universelle Sprache! Es spielt keine Rolle, wer du bist. Ich habe vor niemandem Angst. Ich sage jedem: ,,Komm, spiel mit uns. Lass uns zusammen etwas singen!“ Nur wer einen echten Wert hat, kann sich behaupten.

 

Wozu braucht man dann noch den Text?

Der Text betont, er moduliert, sonst fühlt man sich nicht „angesprochen“.

 

Ja ich erinnere mich wie du einmal getobt hast, weil der Solist andauernd lieblich lächelte, während er von Tod und Verwüstung sang.

So ist es, ich finde das unverschämt. Man kann nicht, aus dem Wunsch heraus, der Öffentlichkeit zu gefallen, das ganze Blutvergießen und die Revolte vergessen. Wenn einer dabei lächelt, dann beweist er nur, dass er keine Ahnung hat.

 

Kunst soll rein und unvoreingenommen bleiben, behaupten manche Künstler. Du gehörst nicht zu ihnen, stimmt’s?

Kunst entsteht aus der Botschaft. Erst wenn sie vermarktet wird, verwässert sie sich. Dann beginnen die Menschen, sie zu meiden. Kunst trägt eine unglaubliche Macht in sich. Höre ein Stück von Beethoven: überwältigend! Mit Kunst kann man Menschen dazu bringen, sich die Haare vom Kopf zu reißen, Gewalt auszuüben, Dinge zu tun, die wir als Gruppe niemals hervorrufen wollen. Die Idee dahinter ist, dass wir die Welt gestalten können, wir können sie besser machen. Die Texte unserer Songs sprechen für sich …

 

Deswegen kommt eure Musik nie aus der Mode. Der PHOENIX-Sound ist einzigartig, doch ihr spielt gern mit ihm. Welche Musik bevorzugst du, wenn du dich entspannst?

Gute Musik. Das mag vielleicht überraschend klingen, aber wenn sie gut ist, spielt der Stil keine Rolle. Die Harmonie ist ein großes Ganzes.

 

Oft habt ihr Gastauftritte erlaubt, Experimente. Welche Zusammenarbeit hat dich am meisten beeindruckt?

Das Freiluftkonzert mit den Trommlern aus Brănești. Ihre Trachten gaben der Szene einen mystischen Hauch, die Berge zitterten. Elektrisierend sind auch die heutigen Konzerte. Die Geigerin ist unglaublich! Niemals verfehlt sie auch nur einen einzigen Ton, obwohl sie stets umherspringt. Absolut legendär ist auch unsere Zusammenarbeit mit dem Madrigal-Chor und unsere SymPhoenix-Platte, mit Unterstützung des Sinfonieorchesters des Rumänischen Rundfunks. Wir haben Gründe, auf unsere Vergangenheit stolz zu sein, aber auch auf die Zukunft.

 

Wann genau habt ihr beschlossen, auch Frauen in die Band aufzunehmen?

Die Entscheidung stellte sich ganz von allein ein. Nachdem Manni Neumann uns verließ, brauchten wir eine Geige. Die Ehefrau unseres Bassisten, das ,,grüne Mädchen“ erschien uns wie aus unserem gleichnamigen Song – ,,Fată verde“ – gestiegen. Ein Wunder! Immer entscheidet der Sound, wer zu uns passt. Unser jetziger Solist kann mit seiner Stimme Gläser zerspringen lassen. Der Gitarrist, als Kind entdeckt, ist jetzt erwachsen, ein Genie! Leider wird Talent in unserer gewinnorientierten Gesellschaft oft übersehen.

 

Gibt uns die Pandemie vielleicht eine Chance, auf beständigere Werte umzusteigen?

Das Problem ist die Erziehung. Der Mensch ist das, was er weiß; das Kind ist das, was man ihm beibringt. Heute darf man kein Kind mehr formen, weil man dabei angeblich seine Persönlichkeit unterdrückt. Welche Persönlichkeit, frage ich mich. Als Kind hat man doch gar keine, sie wird durch Information und Bildung aufgebaut. Das Temperament ist eventuell angeboren. Dieser „unfertige“ Mensch ist ein gefundenes Fressen für Manipulationen.

 

Aber gute Musik wird weiter gemacht.

Natürlich. Begabung ist da, aber sie wird falschgeleitet. Man verpflichtet die Künstler, Dinge zu machen, die die Kasse klingen lassen. Eiskaltes Kalkül.

 

Nun ja, viel Geld habt ihr auch verdient, selbst nach westlichen Maßstäben waren das immense Summen. Eure Konzerte waren Megaereignisse. Welches davon war das Beste?

Das schon vorher erwähnte Konzert 1976 mit den Trommlern aus Brănești, einem Dorf unweit von Temeswar am Fuße der Poiana Rusca-Berge. Die Berge um uns herum waren mit Menschen übersät. Während wir spielten, verwandelten sich die Wälder in eine weiße, duftende Pracht, die Akazien blühten auf. Und das auf einmal! Bis heute bin ich davon überzeugt, dass die Musik das bewirkte. Ich spreche hier über das Resonanzphänomen. In dem Moment, in dem du singst und fünftausend Menschen anfangen zu weinen, verstehst du es. Die Energie strömt durch die Musik; der Klang organisiert die Energie in übertragbare Formen, wandelt sie in Schwingungen um. Jeder einzelne Mensch im Publikum empfängt diese Energie und interpretiert sie durch Emotionen. Und obwohl er hungrig angekommen ist, gibt es dem Künstler enorme Kraft, sonst würde er danach todmüde umfallen. Es ist ein Wunder.

 

Unter dem Zeichen des flammenden „Flacăra“- Poeten  Adrian Păunescu leuchtete euer Stern am hellsten, Exzesse und Provokationen inklusive. Er schrieb: „Sie machen keine Musik, weil Musik in der Welt gemacht wird, sondern weil dies ihre Art ist zu existieren. Phoenix hat sich ein eigenes Publikum aufgebaut indem es sich selbst im Sinne der eigenen Berufung erzogen hat (…) Meiner Meinung nach kann man diese Jungs, ohne zu übertreiben, als klarstes Bild der Realität unserer jungen Musik ansehen“. Welche Erinnerungen hast du an diese Zeit?

In den sechziger und siebziger Jahren befanden wir uns auf dem Höhepunkt unserer Karriere. Es war berauschend. Und ja, wir haben viel Geld verdient, viel zu viel für unser damals noch so junges Alter. Ich erinnere mich, dass wir manchmal dreimal am Tag zwischen Temeswar und Bukarest hin und her flogen. Wir waren jung, schön, verrückt, extravagant.

 

Nun, dein Lieblingskonzert hast du schon genannt, welches war dein Lieblingsereignis abseits der Bühne?

Die Flucht aus dem Land, mit den Jungs in den Boxen eingenäht. Eindeutig das Aufregendste, das einem passieren kann. Wir hätten draufgehen können. Schade, dass wir hier nicht genug Raum haben. Wer will, kann das in meinen  Büchern nachlesen.

 

Derselbe Verlag, integral, der deine Bücher herausgab, veröffentlichte neulich ein Kunstalbum von dir. Nur wenige wissen, dass du Kunst studiert hast. Der Herausgeber Costel Postolache schreibt dort: „PHOENIX steht vor allem für einen Mann, der Einzige, der fast sechzig Jahre lang das schwere Gespann von Illusionen hinter sich herzog. (…) Nicolae Covaci, eine außergewöhnliche Persönlichkeit, ein Renaissancekünstler, Musiker, Maler, Bildhauer, Dichter, ist, war und wird der Spiritus Rector der Phoenix-Band für immer bleiben.“ Ich frage dich jetzt: dieses Gespann von Illusionen, was beinhaltet es heute?

Ich gebe nicht auf, obwohl kein Tag vergeht, ohne dass ich eine Träne vergieße, denn Kultur ist das Erste, was auf dem Altar dieser tödlichen Krise geopfert wird. Von 17 Konzerten, die unsere Managerin Raluca Talasma letztes Jahr für uns geplant hatte, konnten wir nur zwei durchführen. Doch dank Unterstützung eines Sponsors haben wir eine neue Platte aufgenommen. Jetzt arbeite ich an einem Buch, zum 60. Jahrestag unseres Bestehens.

 

Ein literarisches, oder ein Kunstalbum?

Weder noch. Besser und schöner: ein Buch mit unseren Partituren. Wer sich die Mühe machen wird, diese Noten zu lesen und nachzuspielen, wird die Stücke richtig interpretieren und verstehen.

 

Was wünschst du PHOENIX für die Zukunft?

Ich möchte eines Tages im Publikum sitzen und die Band auf der Bühne sehen, mich von ihrer spitzenmäßigen Musik mitreißen und mich mit bombastischer Lebensfreude aufladen lassen. Es soll so gut sein, dass ich nichts mehr hinzuzufügen hätte. Dann würde ich mich zufrieden zurücklehnen, und wissen, dass sich die Mühe gelohnt hat!

 

Ich bin sicher, dass dein Wunsch in Erfüllung gehen wird. PHOENIX steigt immer wieder aus der eigenen Asche auf. Danke für die spannenden Rückblicke und für die wunderbaren Erfahrungen, die du mit uns geteilt hast!

 

 

 

 

 

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