„Für mich ist es eine Zeitreise“

Nationaltag der Volkstracht und Europatag im ASTRA-Freilichtmuseum

Ausgabe Nr. 2721

Helga Meitert (links) und Rosemarie Henrich brachten vor dem Haus eines siebenbürgisch-sächsischen Strohflechters aus Michelsberg siebenbürgisch-sächsische Volkslieder zu Gehör.                        Foto: Werner FINK

Wer am Sonntag, dem Europatag, das Freilichtmuseum im Jungen Wald in einer Volkstracht besuchte, musste an der Kasse nicht bezahlen. Traditionell wird in Rumänien an diesem Tag der  ,,Nationaltag der Volkstracht“ gefeiert und Trachtenträgerinnen und -träger erfreuen sich des kostenlosen Eintritts. Auch in diesem Jahr stand die Veranstaltung unter dem Zeichen der ethnischen Vielfalt und bot eine Vielzahl an unterschiedlichen Workshops an.

Der Töpfermeister Bálint Csaba (1. v. l.) und die Museografin Karla Roșca beim Stand der Keramikwerkstatt der Pfadfinder aus Leschkirch.

Im Hof des Töpfergehöftes aus Corund gab es ein Schaukochen mit dem Töpfermeister Bálint Csaba aus Szeklerburg, der Gulasch in Tontöpfen zubereitete. Die Gäste durften im Anschluss den Gulasch verkosten. Beim Michelsberger Haus wurde eine Stickwerkstatt (für die Bänder, die zur siebenbürgisch-sächsischen Frauentracht gehören) unter der Leitung von Rodica Ispas angeboten, wobei Helga Meitert und Rosemarie Henrich ein kleines Konzert gaben. Nicht weit entfernt gab es ein Workshop zur Fertigung von Opanken mit Adrian Coman und eine Werkstatt zur Schmuckfertigung mit Andrei Buda.

„Das ASTRA-Museum setzt sich für ein lebendiges Konzept zur Förderung des immateriellen Kulturerbes und der Verwertung der natürlichen Ressourcen ein. So haben wir heute den Töpfermeister Bálint Csaba eingeladen, der im Gehöft aus Corund dem Publikum zeigt, wie in traditionellen Keramiktöpfen gekocht wird“, sagte die Museografin Karla Roșca. „Wir laden das Publikum ein zu erfahren was der Unterschied  zwischen dem dekorativen Geschirr und dem Gebrauchsgeschirr ausmacht, aus welchem  Material diese Gegenstände gemacht werden. Dazu können die Besucher ein traditionelles ungarisches Gericht verkosten“.

Der Töpfermeister Bálint Csaba beim Gulaschkochen auf dem Hof des Gehöftes eines Töpfers aus Corund. Foto: Werner FINK

Bereits schon gegen 10 Uhr zum Programmanfang tauchten  hungrige Leute auf, die großes Interesse für den Gulasch zeigten. Wehmut musste sie erfassen, als sie erfuhren, dass der Gulasch nur gegen Nachmittag serviert werden kann, schließlich soll ja langsames Kochen das Essen richtig köstlich machen.

Die kleine Kochschau konnte auch als ein Auftakt zum Töpfermarkt „Frumos. Ceramic. Folositor“ (Schön. Keramisch.Nützlich) eingestuft werden, dessen diesjährige Auflage zwischen dem 21. und dem 25. Juli zum Thema Keramik aus Zillenmarkt gewidmet ist und an der Töpfer aus Rumänien und wenn es möglich sein wird auch aus dem Ausland erwartet werden. Da werden die Töpfer auch in traditionellen Gefäßen und nach Rezepten aus den Gegenden, aus denen sie kommen, kochen.

Bálint Csaba ist einer der Preisträger von vergangenen Auflagen des Töpfermarktes „Frumos. Ceramic. Folositor“, sowohl was die Keramik als auch was den kulinarischen Wettbewerb angeht. Er leitet übrigens auch die Keramikwerkstatt der Pfadfinder in Leschkirch/Nocrich, die am Sonntag auch mit Keramik aus der Hermannstädter Region dabei waren.

Die rumänische Kunstweberin Rodica Ispas aus Freck (rechts) beim Austausch über Stickereimuster mit der gebürtigen Hamlescher Siebenbürger Sächsin Helga Meitert. Foto: Werner FINK

„Die Geheimnisse enstehen immer dann, wenn ich ein Gericht zubereite“, antwortete Bálint Csaba auf die Frage eines Reporters, ob er derjenige sei, der  über die Geheimnisse des Geschmacks verfüge. „Der Gulasch hat kein Rezept. Alles geschieht dem Aspekt nach, dem Geschmack nach, Erfindungen nach“, meinte Bálint, indem er mit einem Holzlöffel in den Keramiktopf fuhr. Es war ein Gulasch mit Kalbfleisch, den er zubereitete. 2017 als er im Rahmen des Töpermarktes „Frumos. Ceramic. Folositor“ mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet wurde, hatte er ebenfalls einen Kalbfleischgulasch gekocht, allerdings hatte er damals auch noch einen guten Schuss Muskat Ottonel dazugegeben.

Im Gespräch mit Bálint lernten die Anwesenden den Unterschied zwischen dekorativer Keramik und Gebrauchskeramik kennen und die Qualität von guten Keramiktöpfen zu schätzen.  „Der Töpfermarkt ‚Frumos. Ceramic. Folositor‘ ist wichtig aus der Sicht dieses Berufes, vor allem auch darum, weil es immer weniger Töpfer gibt“, sagt Bálint. „Sowohl in Rumänien als auch in Ungarn hängt alles vom Preis und von der Mentalität der Käufer ab. Egal wie billig oder wie teuer der Preis eines Keramikgegenstandes auch sein sollte, sagt der Käufer: ,zu teuer‘. Ich habe sehr viele Fälle angetroffen, wo die Töpfe sehr billig gekauft wurden. Im Wasser wurden sie weich. Dazu ist schwarze Flüssigkeit zum Vorschein getreten, weil der Topf nicht einmal eine Glasur hatte. Also professionelle handgemachte Töpfe, die billig sind, gibt es nicht.“

Als Zaungast im wahrsten Sinn des Wortes beobachtete ein Eselchen das Treiben vor dem Michelsberger Haus.

Das Lied „Bäm Hontertstreoch“ erklang gerade aus der Richtung des Michelsberger Hauses, das sich etwas weiter unten befindet. Es waren Helga Meitert und Rosemarie Henrich, die siebenbürgisch-sächsische Volkslieder zum Besten gaben.

„Im Rahmen des Nationaltags der Volkstracht haben wir einen Workshop organisiert mit Stickerei auf siebenbürgisch-sächsischen Trachtenbändern. Unsere Vorführerin ist Rodica Ispas. Sie ist Kunsthandwerkerin. Sie kennt sich aus bei der Weberei, sie gestaltet aber auch Motive aus der siebenbürgisch-sächsischen Volkskunst“, erklärte die Museografin Camelia Ștefan vom ASTRA-Museum. „Dieses Mal haben wir uns gedacht, dass wir eine Demonstration machen mit diesen Bändern. Das ist Stickerei auf schwarzer Seide oder roter Seide. Es ist eine Stickerei, die man leider heutzutage nicht mehr macht. Sie benötigt sehr sehr viel Konzentration und man muss ein bisschen auch die Stickarten kennen und das machen wir heute bei unserem Workshop“.

Bei dieser Gelegenheit konnte man auch das Haus eines Michelsberger siebenbürgisch-sächsischen Strohflechters  besichtigen. Dieses wurde vor vier Jahren ins Museum gebracht. „Das Spezifische am Haus ist die Strohflechterei“, sagte Ștefan. „Das Haus ist noch nicht ganz komplett ausgestattet, aber man kann es schon besuchen“.

„Für mich ist es eine Zeitreise“, meinte Jens Krumpholz aus München, der Helga Meitert bei der Arbeit beobachtete. Sie war gerade dabei die sächsische Kirchenschürze ihrer Ururgroßmutter neu zu besticken „Man kann theoretisch nur in die Zukunft reisen. Wenn man aber her zu Besuch kommt, kann man in die Vergangenheit reisen. Ich reise hier zurück in die Zeit meiner Großmutter. Ich habe hier unten am Fluss ein Kind gesehen. Ich sehe mich selbst hier ein halbes Jahrhundert zurückversetzt als Kind. Es ist Faszination pur.“ Krumpholz hat sich  entschieden, jedes Jahr nach Siebenbürgen zu kommen, als er 2017 auf Einladung eines Freundes Hermannstadt entdeckte.

Wer den Hit „Marleen vom Ammersee“ oder den Song „Komm mit mir zum Tegernsee“ schon gehört hat, der muss  auch von Krumpholz gehört haben. Er komponiert hobbymäßig Volksmusik, schreibt die Verse dazu und versucht dabei, über alle bayerischen Voralpenseen „Hymnen“ zu komponieren. Außerdem singt er zu kleinen Festen und Feiern. Krumpholz ist 1964 in Dresden geboren. „Ich habe 20 Jahre im Kommunismus gelebt“, sagt Krumpholz. „Wenn man den Kommunismus erlebt hat, weiß man die Freiheit zu schätzen und ist kritischer gegenüber schlechten Einflüssen auf der Welt.“ Ab und zu schreibt er auch Gastartikel für Publikationen wie Unsere Zeitung oder Focus.

Werner FINK

 

 

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