Nur 66 ,,Gerechte unter den Völkern“

Zu Mariana Hausleitners Buch ,,Eine Atmosphäre der Hoffnung und Zuversicht“ (Teil 2)

Ausgabe Nr. 2717

Mariana Hausleitner: Eine Atmosphäre von Hoffnung und Zuversicht. Hilfe für verfolgte Juden in Rumänien, Transnistrien und Nordsiebenbürgen 1940-1944, Herausgeber: Gedenkstätte Stille Helden in der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte, Berlin, 2020, 296 Seiten, ISBN 978-3-86732-348-2

Der Titel ,,Eine Atmosphäre von Hoffnung und Zuversicht“ für ein Buch über den Holocaust könnte überraschend wirken. Wie wir schon im ersten Abschnitt erfahren, stammen die Worte aus dem Buch ,,Die Rettung“ von David Herstig und sie beschreiben die Stimmung, die sich 1943 unter den nach Transnistrien Deportierten verbreitet hatte, nachdem sie erfahren hatten, dass ein Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz die Ghettos besucht hat. Das war ein Tropfen Hoffnung darauf, dass sich ihre Lage verbessern würde. Im Einklang mit diesem optimistischen Titel, versucht Mariana Hausleitner in diesem Buch, die Bemühungen um die Unterstützung der Juden aus den Gebieten, die sich unter rumänischer Autorität 1940-1944 befanden, zu dokumentieren.

 

Eine ähnliche Forderung hatte Traian Popovici, der Bürgermeister von Czernowitz, gestellt. Schellhorn und Popovici treffen sich am 15. Oktober 1941 im Vorzimmer des Gouverneurs, während Calotescu mit Antonescu telefonierte. Da Antonescu Schellhorn schon seit 1939 kannte, war er mit einer Sonderregelung für 20.000 Personen einverstanden, unter der Bedingung, dass diese vorläufig ist. So wurden im Oktober und November 1941 mehr als 33.800 Juden aus Czernowitz deportiert, doch waren zunächst mehr als 19.600 daselbst verblieben.

Zu jener Zeit wurde man für solche Initiativen eher bestraft. Traian Popovici wurde schon Ende 1941 seines Amtes enthoben und starb 1946. Nach dem Krieg verfasste er den als ,,Spovedania“ (Mein Bekenntnis) bekannten Text, veröffentlicht in dem 3. Band des Schwarzbuches („Cartea neagră”)  von Matatias Carp (S. 158-172). Der Text ist im Internet unter http://www.survivors-romania.org/pdf_doc/cartea_neagra_3.pdf zu finden.

In diesem Text erwähnt Popovici die Anwesenheit Schellhorns im Vorzimmer des Gouverneurs am 15. Oktober, liefert aber keine Details über die Forderung des Konsuls, eine Anzahl von Juden in der Stadt zu behalten. Hausleitner meint, dass dies eine absichtliche Auslassung sei, da Schellhorn im September 1944 von der Roten Armee in Bukarest verhaftet worden war. Er wurde in der Sowjetunion vor Gericht gestellt und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. 1961 verfasste er einen dienstlichen Bericht an das Auswärtige Amt über seine Diplomatentätigkeit in Rumänien. Der Bericht ist bescheiden ,,Aufzeichnung“ getitelt, befindet sich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und diente Mariana Hausleitner zur Dokumentation.

Andere Zeugnisse wiederspiegeln die von den Juden selbst unternommenen Aktionen, um das Leben der nach Transnistrien Deportierten nach Möglichkeit zu verbessern. Eine Initiative ist Siegfried (Schmiel) Jägendorf zu verdanken, der selbst nach Moghilev deportiert worden war. Er forderte eine Begegnung mit dem Präfekten, der stattgegeben wurde. Bei dieser Begegnung schlug er vor, dass er gemeinsam mit einigen Fachleuten das durch Kriegshandlungen zerstörte Elektri-
zitätswerk in Moghilev repariere. Der Präfekt war damit einverstanden und dafür wurde zunächst eine kleine Fabrik gegründet, in der die nötigen Werkzeuge hergestellt werden sollten.

Nachdem das Elektrizitätswerk wieder in Betrieb war, ging man zur Renovierung mehrerer öffentlicher Gebäude über. Ab November 1941 wurde die Fabrik mit einer Werkstatt für die Holzverarbeitung ergänzt, deren Mitarbeiter die zerstörten Dachböden wieder herrichteten. So stieg die Anzahl der in der Fabrik angestellten Deportierten und der Präfekt stellte 500 Aufenthalts-Ausweise aus, die garantierten, dass die Arbeiter und ihre Familien nicht in andere Lager, wo angeblich schlimmere Bedingungen herrschten, transferiert werden konnten.

Rund um die Fabrik war eine kleine Insel entstanden, auf der es etwas bessere Lebensbedingungen für einige hundert Deportierte gab. Aber alle anderen Juden in Moghilev litten Hunger und etwa 7.000 waren an Flecktyphus erkrankt. Im April 1942 wird der Militärarzt Constantin Chirilă in den Bezirk Moghilev geschickt, um die Verbreitung der Krankheit in der gesamten Bevölkerung zu verhindern. Der Arzt begann die unhygienischen Verhältnisse in Moghilev zu beseitigen, in denen tausende Deportierte leben mussten. Er verlangte vom Jüdischen Rat arbeitsfähige Männer, um die Stadt vom Unrat zu säubern.Jägendorf schickte 300 Männer, die zunächst die Toten begruben. Nachdem sich Chirilă ein Bild von der Lage gemacht hatte, schlug er Jägendorf vor, bei der Bukarester Jüdischen Gemeinde um mehr Unterstützung anzufragen. Die Initiative des Arztes führte zum Abebben der Epidemie im Juni 1942 und zu einer besseren Versorgung mit Medikamenten und Geldmitteln; letztere wurden für den Bau von Waisenhäusern in drei Ghettos verwendet.

Die Fabrik wurde zur Anlaufadresse für Kuriere, die Post und Geld von Verwandten der Deportierten mitbrachten. Eine wichtige Rolle spielte der deutsche Anwalt Albert Twers aus Radautz/ Rădăuți, der nach Transnistrien reisen durfte, weil er vorgab, dass er eine Bukarester Firma vertritt, die dort eine Zweigstelle betreibt. Ende 1942 wurde ein Fotoapparat zur Reparatur in Jägendorfs Fabrik gebracht. Mit dieser Kamera wurde ein extrem angemagerter Waisenjunge in Moghilev fotografiert. Das Foto gelangte zunächst nach Bukarest und danach auch ins Ausland. Das Bild von diesem bis auf das Skelett abgemagerten Kind sprach für hunderte  von Waisenkindern in Moghilev, deren Eltern der Flecktyphus-Epidemie zum Opfer gefallen waren. Dies galt aber auch in anderen Gegenden und es gab mehr als 5.000 Waisen, deren Eltern vor allem an den Folgen von Krankheiten gestorben waren. 1942 wurde in Bukarest ein ,,Damenkomitee“ gegründet, das von den jüdischen Familien Geldmittel für die Waisen sammelte. Desgleichen appellierte das Komitee an die wohlhabenden jüdischen Familien, regelmäßig Geld für die Waisen zu spenden. Ab 1943 haben auch einige Rumänen hohe Geldsummen für die Waisen in Transnistrien gespendet, darunter Prinz Știrbey.

Je mehr sich die Lage an der Ostfront für die deutschen Truppen und ihre rumänischen Verbündeten verschlechterte, desto leichter wurde es, den nach Transnistrien deportierten Juden zu helfen. Nach der Zerschlagung von zwei rumänischen Armeeverbänden in Stalingrad 1942 begann der Außenminister Mihai Antonescu einen separaten Waffenstillstand mit den Alliierten in Erwägung zu ziehen;  dafür brauchte er die Unterstützung der Juden aus den USA und Großbritannien. Im Dezember 1942 genehmigte Mihai Antonescu die Entsendung einer Delegation nach Transnistrien, um von der Lage vor Ort zu berichten. Zu der Delegation gehörte auch Fred Șaraga und zwei weitere Mitglieder der innerhalb der Jüdischen Zentrale in Bukarest gegründeten Hilfskommission. Es war der erste persönliche Kontakt zwischen den Juden aus Bukarest und den Deportierten. Șaraga konnte Informationen über die Lage in den wichtigsten Ghettos in Transnistrien sammeln und bei seiner Rückkehr  nach Bukarest im Januar 1943 den im Koral-Tempel, der größten Synagoge, versammelten Juden präsentieren. Der Tempel war brechend voll. Desgleichen erhielten auch die Diplomaten der neutralen Staaten den von Șaraga verfassten Bericht. Im März 1943 besuchte Nuntius Andreaq Cassulo, der Dean des diplomatischen Corps, ein jüdisches Waisenhaus in Transnistrien. Als Folge seines Berichts an den Vatikan machte Papst Pius XII. eine Spende für die Waisen. Diesen Bemühungen folgten weitere und die Lage der nach Transnistrien Deportierten wurde nach und nach zu einem Thema von internationalem Interesse. Der Schweizer Karl (Charles) Kolb, Mitglied des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, erhielt die Genehmigung, innerhalb von zehn Tagen mehrere Ghettos  und Lager in Transnistrien zu besuchen. Nach diesem Besuch brachte Kolb gemeinsam  mit einer Dame aus der Leitung des Rumänischen Roten Kreuzes einen großen Hilfstransport nach Transnistrien. Die Kunde von diesem Besuch erreichte sogar die Zwangsarbeiter im entfernten Kreis Tulcin, von denen der Titel des Buches von Mariana Hausleitner herrührt.

Doch das Buch umfasst mehr als diese kurze Präsentation. Es geht um viele Themen, von denen einige die Zeit nach dem Krieg betreffen. Und es geht um viel mehr Personen. Selbst wenn wir uns nur auf diejenigen beziehen, die in den Jahren 1940-1944 den Juden geholfen haben, ist es unmöglich, alle mit Namen zu nennen. Wer das Buch liest, erkennt, dass die Retter und Helfer ganz verschiedenen Kategorien angehören, wenn man religiöse, ethnische, berufliche oder staatsbürgerliche Aspekte berücksichtigt. Der Einsatz von Amtspersonen war gewöhnlich erfolgreicher, wie zum Beispiel im Falle des Bürgermeisters Traian Popovici in Czernowitz oder des deutschen Generalkonsuls Fritz Schellhorn. Desgleichen setzten sich einige Diplomaten neutraler Staaten oder der Nuntius Cassulo aus eigener Initiative für die Juden ein. Soweit es möglich war, bauten die jüdischen Organisationen in Rumänien ein effizientes Hilfsnetz auf. Darüber hinaus hat es Einsätze von Personen gegeben, die keine öffentlichen Ämter bekleideten, die aber entgegen der Befehle ihrer Vorgesetzten agierten. Einige Mitglieder der Rumänischen Armee, der Deutschen Wehrmacht und sogar der Organisation Todt haben Juden geholfen.

Das wichtigste Verdienst des Buches ist glaube ich, dass es Mariana Hausleitner gelingt, ein komplexes und durchwachsenes Bild von Rettern und Helfern zu zeichnen, das die Verallgemeinerungen und vereinfachenden Ansätze demontiert.

Nadia BADRUS

Deutsche Fassung:

Beatrice UNGAR

(Schluss)

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen sind weitere drei rumänische Staatsbürger von der Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel ,,Gerechte unter den Völkern“ geehrt worden, teilte Mariana Hausleitner der HZ-Redaktion am Freitag mit. So ist nun die Gesamtzahl von 66 auf 69 gestiegen.

Hausleitner arbeitet übrigens nach eigener Aussage schon an einer bearbeiteten Neuauflage ihres geschätzten Buches.

 

 

 

 

 

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