,,So sehr er die Bücher liebte“

Aus Anlass des Todestages von Baron Brukenthal

Ausgabe Nr. 2717

Samuel von Brukenthal. Relief am Maria Theresiendenkmal in Wien.

Georg Adolf Schuller (1862-1939), u. a. Schriftleiter der Kirchlichen Blätter veröffentlichte 1921 in drei aufeinanderfolgenden Ausgaben den Beitrag ,,Lebensgang des Freiherrn Samuel Brekner von Brukenthal“, ein Abriss aus Schullers zweibändiger Biographie des Museumsschöpfers und langjährigen Gouverneurs von Siebenbürgen, Samuel von Brukenthal (1721-1803), die erst fast dreißig Jahre nach seinem Tod, 1967/1969, in den Bänden 18 und 19 der Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission in München (Verlag R. Oldenbourg) erschienen ist. Aus Anlass des Todestages von Samuel von Brukenthal bringen wir im Folgenden einen Ausschnitt, der die letzten Lebensjahre des Museumsgründers schildert.

Die äußere Ruhe suchte er sich nach seiner Amtsentlassung um so mehr zu wahren. Er nahm am öffentlichen Leben nicht mehr teil, nur mit dem Herzen und den sorgenden Gedanken begleitete er, wie in vergangenen Jahren, den Schicksalsgang seines Volkes. Er freute sich von ganzem Herzen an dessen Auferstehen nach Josefs II. Tode und litt mit ihm unter den wiederkehrenden Bedrückungen, den sogenannten Regulationen. Guten Freunden gegenüber sprach er sich auch wohl über die Lage aus und gab Ratschläge für das weitere Verhalten, ohne aber je in die Öffentlichkeit hinauszutreten, weil er wusste, wie man von Seiten der Regierung alle seine Schritte überwachte.

Auch vom geselligen Leben, das er in früheren Jahren seiner Stellung wegen, aber auch aus Freude am Verkehr mit geistvollen Menschen und an künstlerischen Darbietungen gerne gepflegt hatte, zog er sich zurück. Er fühlte gerade im geselligen Treiben es mehr als sonst, dass er vereinsamt war, seit seine Gattin 1782 gestorben war. Sie war die Seele seines Hauses gewesen, die ihm die Lasten der Geselligkeit abgenommen und ihre Freuden erhöht hatte. Er hat ihr zwei Jahrzehnte nachgetrauert, ohne nach der Weise jener Zeit für die leere Stelle in Herz und Haus einen Ersatz zu suchen. Seine ausgedehnte Wirtschaftsführung nahm ihn sehr in Anspruch, umso mehr, da er auch hier die Mitarbeit seiner Gattin, die ebenso eine echt sächsische ,,Wirtin“, wie eine weltkundige Leiterin seines großen, vornehmen Haushalts gewesen war, schwer vermisste.

Seine Wirtschaftsführung war darauf berechnet, dem landwirtschaftlichen Fortschritt im Ackerbau und vor allem in der Viehzucht – Pferde- und Schafzucht – eine Gasse zu brechen, wie auch seine große Bautätigkeit in Hermannstadt – Palais auf dem Großen Ring, Landhaus an der Leschkircher Straße – in Freck und Alsószombotfalva (Anm. der Red.: ungarische Bezeichnung für Sâmbăta de Jos), nicht nur den Geschmack zu veredeln, sondern auch das Gewerbe zu beleben, bezweckte. Auch seine Gartenanlagen und seine Sammlungen dienten ihm nicht nur zur Befriedigung der eignen Lust an schönen Formen und an dem Besitz von geistigen Schätzen und allerlei Seltenheiten, er wollte damit auch andern eine Freude und Förderung bereiten, für die Heimat eine Zierde und Sehenswürdigkeit schaffen. Von frühen Jahren an hatte er zielbewusst an dem Ausgestalten seiner Anlagen und an der Erweiterung seiner Sammlungen gearbeitet und in den letzten Lebensjahren war diese Arbeit ihm die liebste Beschäftigung. Er hat dabei die Genugtuung erlebt, dass auch weltkundige Reisende ihm ihre Bewunderung dafür, was er in dem abgelegenen Weltwinkel geschaffen und gesammelt hatte, aussprachen.

Nächst der Pflege seiner Sammlungen war ihm ein Verkehr mit Männern von Geist und Wissen ein Bedürfnis. Sie sammelten sich im ,,Lesekabinett“ seiner großen Bücherei um ihn und tauschten Gedanken und Mitteilungen. Von da empfing das geistige Leben, zumal auch die heimische Forschung jener Tage, Anregung und Nahrung, wie der Gedanke, durch den berühmten deutschen Gelehrten Schlözer die sächsische Geschichte erforschen und darstellen zu lassen, auf diesen Kreis zurückging und von ihm verwirklicht wurde. Brukenthal selbst hat keine literarischen Werke geschaffen, so sehr er die Bücher liebte und die Feder zu meistern verstand. Seine schriftstellerische Tätigkeit erschöpfte sich in Staatsschriften, zu denen wir genau genommen auch seine Geschichtsstudie, die ,,Denkwürdigkeiten zur Geschichte der Sachsen in Siebenbürgen“ rechnen müssen. Dafür können diese Staatsschriften als klassische Zeugnisse seiner reichen Sachkenntnis, seines klaren Denkens und seiner geschmackvollen, stilistisch ungewöhnlich hochstehenden Darstellungsweise gelten.

Die Tiefe und Reinheit seines Seelenlebens trat am unmittelbarsten in seinem religiösen Sinn hervor. Er hat nicht nur aus ererbter Gewohnheit, sondern auch aus Bedürfnis zu allen Zeiten und in allen Lebenslagen diesen Sinn bezeugt und zwar ebenso in dem treuen Festhalten an dem ererbten Bekenntnis, wie in der lebendigen Anteilnahme am kirchlichen Leben. In Wien besuchte er die schwedische Gesandtschaftskirche und in Hermannstadt regelmäßig den Gottesdienst in der Hauptkirche. Lebendiger Gottesglaube war ihm eine Herzenssache und ein aufrichtender Trost in all den Kämpfen, Mühen und Versuchungen, die sein Lebensgang ihm brachte. Er hat sich daran insbesondere in seinen letzten Lebenstagen aufrechterhalten. ,,Gott wird es mit mir nach seiner Güte und Weisheit machen. Er wird weiter helfen, wie er bisher geholfen. Meine Pflicht ist, geduldig und ruhig seine Schickung zu erwarten.“ So schrieb er 1792. Das war für ihn Stütze und Stab, daran er seine Lebensbahn zu Ende ging.

Am 9. April 1803 erreichte er dies Ende und am 12. April fand er seine Ruhestätte in der Hermannstädter großen Hauptkirche. Seine Sammlungen hatte er, dem kein Leibeserbe erblüht war – sein einziges Töchterchen war 1753 vierjährig gestorben – als ein Fideikommiß einem Enkel seines Bruders und dessen Nachkommen und im Falle des Aussterbens ihrer männlichen Linie dem Hermannstädter ev. Gymnasium hinterlassen. So sind sie ein Erbgut des sächsischen Volkes geworden, mit ihnen aber auch Wesen und Wirken ihres Stifters, der mit all seinem reifen Wollen und Können sich in den Dienst seines Volkes und seines Heimatlandes gestellt hat. Wenn ein Ungar – der Dichter Kasinczy – einem Großneffen Brukenthals 1818 schrieb: ,,Segnen Sie die Manen Ihres großen Großonkels in meinem Namen“, wie viel mehr haben wir Ursache, sein Andenken zu segnen.

G. A. SCHULLER

(Kirchliche Blätter, Nr. 33/13. August 1921)

 

 

 

 

 

 

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